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Übersicht

Achtung: Pocken

Kanarienpocken treten seit einigen Jahren wieder vermehrt in Zuchtbeständen auf und verursachen oft hohe Verluste. Ein Überblick zu Besonderheiten und Prophylaxe dieser schweren Erkrankung.

Inhaltsverzeichnis

Von Dr. med. vet. Simone Bellair

Pockenerkrankungen kommen bei Menschen, Säugetieren und Vögeln vor. Die Menschenpocken gelten weltweit als ausgerottet und dies erhoffte man sich auch für Kanarienpocken. In den letzten Jahren werden jedoch wieder vermehrt Ausbrüche in Beständen verzeichnet. Die Todesrate bei den betroffenen Beständen ist oft hoch und bringt neben den Tierverlusten große finanzielle Einbußen mit sich. Da es keine spezifische Therapie für erkrankte Tiere gibt, sind effektive Prophylaxemaßnahmen der beste Schutz.

Der Erreger

Kanarienpocken (Synonym: Schnappkrankheit, Diphtherie) kommen weltweit vor und werden durch das Kanarien-Pockenvirus (Avipox serinae) verursacht. Auch andere Vögel der Ordnung Passeriformes können sich infizieren, z. B. Sperlinge und Finkenvögel. Poxviren besitzen eine sehr hohe Artspezifität, eine Übertragung vom Vogel auf den Menschen oder auf andere Säuger und umgekehrt gilt daher als ausgeschlossen. Selbst verschiedene Vogelarten werden nur durch spezifische Avipox-Virustypen infiziert.

Die Verbreitung

Die Übertragung erfolgt durch Kontakt mit infizierten Vögeln oder indirekt über Staub, Trinkwasser, Futter sowie belebte Vektoren (z. B. Züchter und Tierärzte). Die Verbreitung ist ebenfalls durch symptomlose Dauerausscheider möglich. Eine besondere Gefahr stellen Zukäufe über Zoogeschäfte, Tierbörsen und nach Ausstellungen dar.

Auch blutsaugende Ektoparasiten und Insekten verbreiten das Pockenvirus. Die Erkrankung tritt daher oft im Sommer oder Frühherbst auf und kann Tiere aller Altersgruppen betreffen.

Das Virus ist in der Umwelt äußerst widerstandsfähig, spezielle Desinfektionsmaßnahmen zur Abtötung sind notwendig.

Die Symptome

Es gibt drei klinische Verlaufsformen, die parallel in einem Bestand vorkommen können:

  1. Perakuter Verlauf: Plötzliche Todesfälle ohne auffällige Organveränderungen.

  2. Hautform: Gelbliche krustige Veränderungen in den Schnabelwinkeln, auf Nase und Augenlidern, unter dem Unterschnabel, an Füßen und Ständern sowie den Federfollikeln („Pocken“). Abgefallene Krusten sind monatelang ansteckungsfähig. Auch akute Verläufe mit Atemnot sowie Alopezien mit knotigen Hautzubildungen im Kopf- und Halsbereich sind beschrieben.

  3. Diphtheroide und Lungenform (Schleimhautform): Stark gerötete, entzündete und mit gelben, diphtheroiden Auflagerungen belegte Pharynxschleimhaut. Akuter bis perakuter Verlauf: Vögel zeigen Atemnot Schnappatmung. Oft zusammen mit Konjunktivitis, Blepharitis und Rhinitis. Innerhalb von zwei bis drei Tagen können 80 % eine Kanariengruppe sterben.

Maßnahmen zur Prophylaxe

Eine Therapie der Virusinfektion ist nicht möglich. Zurzeit ist in Deutschland auch kein kommerziell zugelassener Impfstoff gegen Kanarienpocken verfügbar. Von großer Bedeutung sind daher Prophylaxemaßnahmen: Ausstellungstiere oder Neuzukäufe sollten tierärztlich untersucht werden. Verdächtige Tiere müssen unbedingt vom restlichen Bestand räumlich getrennt gehalten werden (Selektion). Die Fütterung und Versorgung erkrankter Vögel sollte selbstverständlich erst nach der Versorgung der gesunden Tiere erfolgen. Ein Schutz gegen stechende Insekten und Ektoparasiten reduziert ebenfalls das Ansteckungsrisiko.

Drei Fragen an Vogelspezialist Dietmar Steinmetz

Warum treten Kanarienpocken wieder verstärkt auf?

Steinmetz: Die Erkrankung verläuft wellenförmig und tritt alle paar Jahre gehäufter auf. Durch den Klimawandel sind außerdem stechende Insekten, die das Virus übertragen, vermehrt aktiv. Mücken und die Rote Vogelmilbe dienen beispielsweise als Virusreservoir. In bestimmten Gebieten tritt die Erkrankung daher endemisch auf (z. B. Flussniederungen, Rhein-Main-Gebiet, Donautal). Auch die erhöhte Reisetätigkeit der Züchter, aber auch die Flug­aktivitäten betroffener Wildvögel wie Gimpel, Zeisig und Buchfinken zwischen Mittel- und Südeuropa, tragen zur Verbreitung bei.

Was macht Kanarienpocken so gefährlich?

Steinmetz: Bei der Schleimhautform, die Rachen und luftführende Wege befällt, sterben die Vögel perakut bis akut: Die Tiere zeigen hochgradige Atemnot mit Schnappatmung und fallen einfach von der Stange. Bei der Hautform können ganze Zehen absterben. Aus eigener Erfahrung gibt es vermehrt auch Übergangsformen, beispielsweise kann das Fußwurzelgelenk betroffen sein. Die Vögel haben dann gerötete Gliedmaßen und schonen das betroffene Bein. Gelingt eine symptomatische Behandlung dieser Tiere nicht, sollten sie aus Tierschutzgründen euthanasiert werden. Bei gemischten Beständen können Vogelarten als Überträger dienen, die selbst nicht erkranken, z. B. Gouldamadinen.

Wie kann man einer Bestandsinfektion vorbeugen?

Steinmetz: Ganz entscheidend ist ein effektiver Insektenschutz (Fliegengitter). Bei Zukäufen ist eine gründliche Ankaufsuntersuchung durch den Tierarzt wichtig. Der Personenverkehr in einem Bestand sollte minimiert werden, um diesen Übertragungsweg auszuschließen. Im Sommer, wenn die Erkrankung gehäuft auftritt und die Vögel durch den Federwechsel geschwächt sind, sind die optimale Ernährung und Pflege von großer Bedeutung.

Goldstandard zur Prophylaxe wäre die flächendeckende Vakzination der Bestände, leider ist in Deutschland momentan kein Impfstoff zugelassen. Tierärzte müssten den Impfstoff mittels Ausnahmegenehmigung nach § 11 Absatz 6 des Tiergesundheitsgesetzes über einen Antrag bei der zuständigen obersten Landesbehörde aus europäischen Nachbarländern importieren. Dies ist für die einzelnen Bestände meist zu aufwendig und teuer.

Über die Autorin

Als Fachjournalistin recherchiert und schreibt Simone Bellair über aktuelle Themen rund um die Tiermedizin. Die promovierte Tierärztin betreut außerdem die Fachbeiträge in unserer Zeitschrift Der Praktische Tierarzt.

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