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Behandlung

Akute und chronische Pankreatitis bei der Katze

Die Entzündung und Selbstverdauung des Pankreas ist eine bei der Katze häufig vorkommende und klinisch sehr bedeutsame Erkrankung, die schnell lebensbedrohlich werden kann.

Inhaltsverzeichnis

Dr. med. vet. Gabriele Rummel

Das Pankreas (Bauchspeicheldrüse) ist eine sowohl endokrin (nach innen abgebend) wie exokrin (nach außen abgebend) arbeitende Drüse. Der endokrine Anteil produziert lebenswichtige Hormone wie Insulin, Glucagon und Somatostatin. Der exokrine Anteil produziert ein Drüsensekret, das die Nahrung in verwertbare Bestandteile aufschlüsselt. Das Sekret besteht überwiegend aus inaktiven Vorstufen der Verdauungsenzyme. Diese werden erst aktiv, wenn sie in den Darm gelangen. Diese inaktiven Vorstufen schützen das Pankreas vor Eigenverdauung.

Eine Pankreatitis entwickelt sich, wenn dieser Schutzmechanismus versagt. Die Verdauungsenzyme werden dann vorzeitig in das Pankreasgewebe freigesetzt und führen zur Entzündung und Selbstverdauung bis hin zur Zerstörung des Pankreas und des umliegenden Gewebes.

Wir unterscheiden die akute, die chronische und die chronisch-aktivierte Form der Pankreatitis. Letztere entsteht, da Katzen mit Pankreatitis in der Regel nicht vollständig gesunden, d. h. es kommt häufig zu einem wellenförmigen Aufflammen der Entzündung, sodass wir von einer chronischen Erkrankung sprechen, die in einen akuten Schub mit entsprechend dramatischer Symptomatik gewechselt ist.

Welche Katzen erkranken?

Eine Bauchspeicheldrüsenentzündung kann sich bei Katzen, unabhängig von Rasse und Geschlecht, in jedem Alter von vier Wochen bis zu 18 Jahren zeigen. Siamesen und ältere Katzen sind laut mancher Studien überdurchschnittlich häufig betroffen.

Obwohl sich das Wissen um diese Erkrankung in den letzten Jahren deutlich erweitert hat, ist die Entstehung der Pankreatitis noch nicht gänzlich erforscht. Diagnose und auch Therapie stellen noch immer eine große Herausforderung dar.

Symptomatik

Unsere Katzen sind – wie immer – auch bei dieser Krankheit ganz besonders. Im Gegensatz zum Menschen und zum Hund, die bei einer Pankreatitis eindeutige Symptome zeigen (klassisch sind Erbrechen, Durchfall und große abdominale Schmerzen), leiden Katzen still und unauffällig.

Insbesondere das Leitsymptom der Pankreatitis – sehr große Schmerzen bei Druck auf den Bauch – merken wir unseren Katzen in der Regel nicht an. Wir gehen allerdings auch ohne deutliche äußere Anzeichen davon aus, dass eine Pankreatitis auch für Katzen sehr schmerzhaft ist, zumal sich der Zustand einer erkrankten Katze schon durch die Gabe von Schmerzmitteln sehr schnell deutlich verbessert. Es ist ja bekannt, dass Katzen wahre Meister im Verstecken von Schmerzen sind.

Behandlung

Die Bandbreite der Symptome ist vielschichtig und wechselnd. Die meisten Katzen fallen nur aufgrund unspezifischer Befunde wie verminderter Appetit (im fortgeschnittenen Stadium Anorexie), Teilnahmslosigkeit (Lethargie) und Gewichtsverlust auf. Gerade deswegen sind wir nicht in der Lage, klinisch zu unterscheiden, ob die Katze an einer akuten, chronischen oder einer chronisch-aktivierten Pankreatitis leidet.

Trotz unspezifischer subklinischer Symptome kann der Wechsel in ein lebensbedrohliches Stadium, verbunden mit kardiovaskulärem Schock und/oder Multiorganversagen, jederzeit erfolgen. Der Übergang ist fließend. Bei manchen Patienten bleibt die Pankreatitis lokal begrenzt, bei anderen kommt es zu einer systemischen Ausbreitung. Zusätzliche begleitende Symptome können Diarrhoe, Obstipation und Ikterus sein. In schweren Fällen treten auch Dehydratation und Hypothermie auf. Bei gleichzeitigem Diabetes mellitus sind Polydipsie (gesteigerter Durst) und Polyurie (erhöhte Urinausscheidung) Leitsymptome.

Wann der Wechsel in den lebensbedrohlichen Zustand erfolgt, ist nicht voraussehbar. Selbst wenn sich der Zustand der Katze unter Therapie zunächst bessert, kann sehr schnell ein unerwarteter Rückfall eintreten. Daher ist die Prognose bei einer Katze mit Pankreatitis stets vorsichtig zu stellen. In der Regel werden die Tiere erst in der Praxis vorgestellt, wenn die Krankheit schon weit fortgeschritten ist. Es bedarf daher immer einer schnellen und durchgreifenden Therapie, auch wenn die Diagnose noch nicht eindeutig feststeht.

Wann müssen wir an eine Pankreatitis denken?

Bei allen unspezifischen Befunden wie Erbrechen, Diarrhoe, Ikterus, abdominale Schmerzen, abdominale Umfangsvermehrungen, Polyurie und Polydipsie sollte immer auch die Differenzialdiagnose Pankreatitis mit abgeklärt werden. Dies ist nötig, obwohl die erwähnten Symptome immer auch eine eigene Erkrankung darstellen können. Genauso können sie allerdings auf eine Pankreatitis hinweisen oder sie im schlimmsten Fall sogar auslösen. Ab einem bestimmten Krankheitsstadium sind Ursache und Folge einfach nicht mehr voneinander zu unterscheiden.

Eine chronische Darmentzündung ist grundsätzlich ein sehr hoher Risikofaktor für die Entwicklung einer Pankreatitis. Der Hintergrund für diesen Zusammenhang ist, dass die an chronischem Durchfall erkrankten Katzen i. d. R. auch an chronischem Vomitus (Erbrechen) leiden, vermehrter Vomitus führt wiederum zu erhöhtem Druck im Darm. An der Stelle, an der Gallen- und Pankreassekret ins Duodenum münden, kommt es aufgrund des erhöhten Drucks zur Rückspülung von Gallen- und Pankreassekret in das Pankreas hinein. Dieser Reflux wird begünstigt durch die anatomische Besonderheit der Katze, die einen gemeinsamen Ausführungsgang von Galle und Pankreas ins Duodenum hat. Zudem weist der obere Dünndarm der Katze im Vergleich zum Hund eine bedeutend intensivere bakterielle Besiedlung auf, was zur Folge hat, dass ein Rückfluss von Keimen in das Gangsystem von Galle und Pankreas eine Entzündung begünstigt.

Erweitert sich die Pankreatitis zu einem systemischen Geschehen, ist die Krankheit lebensbedrohlich. Die Katzen können an Schock, akutem Nierenversagen, Septikämie oder Endotoxämie versterben. Häufig lagert sich noch zusätzlich Flüssigkeit im Brustraum und Abdomen ein (Pleuraerguss/Ascitis).

Diagnose

Leider ist die Diagnose der Pankreatitis nicht einfach und es bedarf einer Vielzahl von Untersuchungen. Dazu gehören ausführliche Laboruntersuchungen (Hämatologie, Serumchemie, Harnanalyse und Spezialtests) und bildgebende Verfahren.

Die Röntgenuntersuchung allein ist nicht sehr hilfreich, sie wird aber eingesetzt, um weitere Differenzialdiagnosen auszuschließen. Wir können allein auf Grundlage abdominaler Röntgenaufnahmen keine Diagnose auf Pankreatitis stellen, aber sie hilft uns, begleitende Komplikationen zu erkennen (z. B. Ascitis). Ein CT ist diagnostisch uninteressant.

Im Ultraschall lassen sich Veränderungen am Pankreas gut erkennen, allerdings muss bedacht werden, dass sich eine Pankreatitis im Schall manchmal auch völlig unauffällig zeigt. Gemeinsam mit den Symptomen, den veränderten Blutwerten und dem Pankreasmarker (fPLI-Test) lässt sich jedoch die Diagnose Pankreatitis stellen. Die fPLI ist ein sensibler Marker. Er ist zusätzlich geeignet, den Verlauf der Pankreatitis zu verfolgen. Unter Therapie sollte sich dieser Wert positiv verändern.

Therapie

Bedeutsam ist die richtige Einschätzung des Grades der Pankreatitis. Die hochgradige akute Pankreatitis ist immer lebensbedrohlich und sofort sehr aggressiv zu therapieren, oft ist dies mit einem langen stationären Aufenthalt verbunden. Die Therapie der Pankreatitis hat drei Hauptziele:

  • Bekämpfung der Ursache,

  • symptomatische Therapie,

  • frühzeitiges Erkennen und Behandeln von möglichen systemischen Komplikationen.

Grundsätzlich gilt es, die Gewebedurchblutung zu garantieren, die Bakterienausbreitung zu begrenzen und die Entzündungsmediatoren und Pankreasenzyme zu hemmen.

Diätetisches Management

Katzen brauchen eine hohe Proteinzufuhr. Nehmen Katzen länger als zwei bis drei Tage kein Futter zu sich (Anorexie), kann die Leber schwer erkranken (hepatische Lipidose = Fettleber). So ist auf eine Futterzufuhr strengstens zu achten. Bei anorektischen Patienten kann eine diätetische Unterstützung durch enterale Ernährung lebensrettend sein.

Katzen nehmen oft Futter zu sich, wenn sie gestreichelt werden oder das Futter mit der Hand angeboten wird. Hier ist die Liebe und Zuwendung der TFA sehr gefragt. Mit sehr viel Geduld ist die inappetente Katze letztlich doch zu überzeugen, aus der Hand Futter aufzunehmen, jeder kleine Anfang ist ein großer Fortschritt in der Therapie.

Auch das Umfeld ist sehr entscheidend für den Erfolg der Therapie, es sollte absolut stressfrei und katzenfreundlich sein. Häufig fressen Katzen zu Hause. Sollte es der Gesundheitszustand erlauben, können sie nachts nach Hause entlassen werden, wo sie dann in gewohnter heimischer Umgebung meistens fressen. Tagsüber werden sie in die Praxis zurückgebracht, um dort medikamentös versorgt zu werden.

Intravenöse Flüssigkeitszufuhr

Die wichtigste Maßnahme ist kontinuierliche, intravenöse Flüssigkeitssubstitution über eine Infusionspumpe.

Antiemetika

Da Übelkeit oft die Ursache für Futterverweigerung ist, wird grundsätzlich die Gabe eines Antiemetikums empfohlen.

Antibiose

Der Einsatz von Antbiotika wird kontrovers diskutiert, da die feline Pankreatitis in der Regel ein steriler Prozess ist. Allerdings ist bei Katzen mit Hinweis auf Zusammenbruch der gastrointestinalen Barriere die prophylaktische Gabe von Breitbandantibiotika angezeigt, um die Bakterienausbreitung zu hemmen.

Analgesie

Da das Schmerzverhalten von Katzen generell schwer einzuschätzen ist, ist die Schmerzbehandlung ein wichtiger Baustein in der Behandlung der Pankreatitis. Katzen reagieren auf Schmerz häufig mit Rückzug und Futterverweigerung, also die einzigen Symptome, die auch bei der Pankreatitis richtungsweisend sind. Auch hier ist die gute Ausbildung und vor allem Empathie der TFA gefragt. In regelmäßigen Abständen sollte die TFA sicherstellen, dass die Katze keine Schmerzen mehr hat. Als Hilfe dient die Glasgow Pain Scale (s. u.), die hilft, anhand von Körperhaltung und Gesichtsausdruck das Befinden des Patienten einzuschätzen.

Glukokortikoide

Die Gabe von Kortikoiden wird divers diskutiert. Sie gehören auf jeden Fall zum Behandlungsplan bei Katzen mit Triaditis. Inzwischen wird bei Katzen auch eine idiopathische Ätiologie (Entstehung aus unbekannter Ursache) diskutiert, in diesem Zusammenhang berichten einige Autoren von guten Erfolgen bei der chronischen Pankreatitis.

Werden Glukokortikoide eingesetzt, so sollte der Erfolg auf jeden Fall nach zwei Wochen anhand der Konzentration der feinen pankreasspezifischen Lipase (Spec fPL® Test) überprüft werden. Haben sich die Werte nicht verbessert, muss das Glukokortikoid ausgeschlichen werden.

Prognose

Grundsätzlich ist die Prognose bei der Pankreatitis vorsichtig und sehr abhängig von den begleitenden systemischen Komplikationen. Katzen mit einer hochgradigen Pankreatitis und häufigen akuten Schüben oder komplexen Begleiterkrankungen haben eine schlechte Prognose. Für Katzen mit einer milden Verlaufsform, auch wenn diese öfter erkranken, ist die Prognose günstig.

Auf jeden Fall sind regelmäßige zukünftige Kontrollen (Labor/Ultraschall) anzuraten, um ein Wiederaufflammen rechtzeitig zu erkennen und die Gefahr der systemischen Entgleisungen einzudämmen.

Ein PDF der Glasgow Pain Scale finden Sie hier.

Triaditis

Häufig treten drei verschiedene Krankheitsbilder gemeinsam auf, Exper-ten sprechen dann von einer Triaditis:

  • Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsenentzündung)

  • Cholangiohepatitis (Entzündung der Gallengänge und des Lebergewebes)

  • IBD (Inflammatory Bowel Disease; chronische Darmentzündung)

Ultraschall und Pankreasmarker

Bei Verdacht auf Pankreatitis ist zur Abklärung eine Ultraschalluntersuchung in Kombination mit der Bestimmung von Pankreasmarker (fPLI = feline Pankreaslipase ) am besten geeignet. Diese beiden Untersuchungen sind unabdingbar und richtungsweisend.

Über die Autorin

Dr. met. vet. Gabriele Rummel, Tierärztin in eigener Praxis in Nidderau. Ihr besonderes Interesse gilt den Erkrankungen der Katze. Sie ist Gründungs- und Vorstandsmitglied der Arbeitsgruppe Katzenmedizin der DGK-DVG und der Deutschen Gruppe Katzenmedizin sowie Mitglied der International Society of Feline Medicine (ISFM). Ihre Praxis ist als „cat friendly practice“ durch die ISFM zertifiziert.

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