Foto: Lara Kunst

Erfahrungsbericht

Arbeiten in Afrika

Drei Monate lebte und arbeitete Lara Kunst in Namibia und absolvierte dort ein Praktikum bei einem Wildtierarzt. Ein Erlebnisbericht.

Von Lara Kunst

Der Spruch „Wer immer nur das tut, was er schon immer getan hat, wird auch immer nur das bekommen, was er schon immer bekommen hat“ (Scháá Wasmund) begleitet mich schon lange. Er hat mich immer wieder motiviert, Dinge in meinem Leben auf den Prüfstand zu stellen. Mitte diesen Jahres habe ich meine Ausbildung zur Tiermedizinischen Fachangestellten abgeschlossen und mir im Anschluss die Zeit genommen, meinen Beruf, meine Aufgaben und meinen Arbeitsalltag zu hinterfragen. Dabei ist mir bewusst geworden, dass ich meinen Beruf wirklich liebe, es aber leider viele vorgefertigte Meinungen über das Berufsbild der TFAs und nur wenig Anerkennung für einen sehr anspruchsvollen Beruf gibt. Direkt nach meiner Ausbildung habe ich mir daher 152 Tage Zeit genommen, über 60.000 Kilometer Reiseroute in drei Länder zu reisen, dort zu leben und zu arbeiten und neue Impulse für meinen Arbeitsalltag in Deutschland zu bekommen. Denn Reisen sorgt auf ganz einfache Art und Weise dafür, sein eigenes Leben und seine Lebens- und Arbeitsgewohnheiten in Frage zu stellen.

Ab nach Afrika

So flog ich Ende Juni zunächst 10.000 Kilometer in Richtung Süden, um bei einem Wildtierarzt in Namibia zu arbeiten. Dort hatte ich eine einzigartige, arbeitsreiche, herzliche, fröhliche und inspirierende Zeit. Ich habe nicht nur in Namibia gewohnt und gearbeitet, ich bin angekommen; ich war nicht nur zu Besuch, ich war Teil dieses Landes ... Ich habe waghalsige Helikopterflüge erlebt, um Tiere aus der Luft zu impfen oder sedieren; habe Narkosen auf der Ladefläche eines Autos überwacht und kleine Operationen im namibischen Busch durchgeführt.

Was ich an dieser Wildtierarbeit wirklich lieben gelernt habe, ist das Natürliche. Ich war den ganzen Tag draußen, bin durch den namibischen Busch gerannt – und da man schnell funktionieren muss und alles etwas robuster ist, lernt man unglaublich viel. Während ich mich früher oft mit dem Legen von Braunülen geplagt habe, habe ich in Namibia auf einem wackelnden Pick-up bei voller Fahrt intravenös gespritzt, im Augenwinkel auf die Atmung geachtet und war gedanklich immer schon zwei Schritte weiter. Während in meinem früheren Arbeitsalltag das nüchterne Tier vor einer Sedierung liebevoll untersucht wurde, ging es in Namibia vor allem um Effizienz und Schnelligkeit, was teilweise recht hart und schonungslos wirkte. Während früher ein Katzenkratzer oder Hundebiss das Schlimmste war, was mir passieren konnte, so habe ich mir in Namibia lieber keine Gedanken darüber gemacht, wie es wäre von einer Antilope getreten, aufgespießt oder unter einem Nashorn begraben zu werden. Ich wurde stark gefordert und habe unglaublich viel gelernt.

Neben all diesen wunderbaren Erfahrungen hat mich vor allem ein Auftrag tief bewegt und berührt: die Enthornung von Nashörnen. Nashörner sind so kraftvolle Tiere, groß und massiv und gleichzeitig anmutig und sanft. Doch leider wird ihnen zum Verhängnis, dass ihrem Horn in Teilen Asiens fiebersenkende, entgiftende, krampflösende oder auch krebsheilende Wirkung zugesprochen wird. Das Horn besteht jedoch nicht – wie häufig angenommen – aus Elfenbein, sondern aus Keratin und medizinisch belegt, ist keine dieser Auswirkungen.

Nashornschutz

Aufgrund des Washingtoner Artenschutz­übereinkommens ist der internationale Handel mit Nashornhorn verboten. Doch das Verbot hat auch zur Folge, dass das Horn noch begehrter und somit wertvoller wird, was den Anreiz für Wilddiebe erhöht und die Haltung für Farmer erschwert.

Namibische Farm- und Lodgebesitzer werben deshalb nicht mehr mit ihren Nashörnern, löschen jegliche Informationen über die bei ihnen lebenden Tiere, Touristen werden gebeten, ihr GPS an Kameras und Handys auszuschalten, damit die Bilder später nicht ausgelesen werden können – und in einigen Reservaten werden gar keine Nashornsafaris mehr angeboten, weil Wilderer sich als Touristen tarnen. Gleichzeitig ist der Nashornschutz durch Zäune, Patrouillen und ständige Überwachung sehr aufwändig und teuer.

Insofern lassen viele Farmbesitzer ihre Tiere professionell enthornen, um die Nashörner vor der Wilderei zu schützen. Während meiner Zeit in Namibia war ich bei einigen Enthornungen dabei. Insbesondere in dem Moment, in dem diese schönen, kraftvollen Tiere so hilflos auf ihrer Seite lagen und ihnen mit einer lauten Motorsäge die Hörner entfernt wurden, wurde mir auf schmerzliche Art und Weise bewusst, wie schlimm der Mensch ist.

Am Ende der Enthornung steht ein Nashorn auf, welches wohl kein Nashorn mehr ist: ein Nashorn ohne Hörner auf der Nase. Aber immerhin lebendig! Und obwohl mich die Prozedur sehr berührt hat, habe ich am Ende einen kleinen Triumph gespürt. Diese Tiere wurden enthornt und uninteressant für Wilderer gemacht, bevor es zu spät war, bevor sie tot waren und ihr Horn auf den Markt kam. Sie sehen zwar nicht mehr vollständig aus, aber sie sind frei und kraftvoll. Und so erlebte ich diesen magischen Moment, in dem ich mich vollständig frei und lebendig fühlte, zutiefst glücklich und komplett anwesend im Hier und Jetzt, ohne Zwänge, ohne Zweifel und mit einem Kribbeln im ganzen Körper und großem Strahlen im Herzen.

Mir ist es wichtig, andere TFAs zu inspirieren und zu zeigen, welche tollen Möglichkeiten und Türen unserem Berufsbild offen stehen. Daher habe ich während meines Auslandsaufenthaltes auf meinem Blog tierischwildesleben.de über meine Erfahrungen berichtet und tiermedizinisches Wissen vermittelt. Weiterhin stehen dort Lernmaterialien zur Verfügung. Zudem werde ich kostenlose Webinare anbieten, um altes Wissen wieder aufzufrischen, praktisches Wissen zu untermauern oder auf die Abschlussprüfung vorzubereiten. 

Über die Autorin

Lara Kunst ist Tiermedizinische Fachangestellte aus Neustadt am Rübenberge.

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