Foto: Chirurgische und Gynkologische Kleintierklinik LMU Mnchen

Assistenz bei der Augenuntersuchung

Auge um Auge

Die Augenuntersuchung und die Behandlung von Augenpatienten stellt für Tierarzt und TFA eine besondere Herausforderung dar. Eine gute Vorbereitung ist hier sehr wichtig.

Inhaltsverzeichnis

Von Dr. med. vet. Anna Döring

Das Auge ist ein wichtiges Sinnesorgan und dient der Wahrnehmung und dem Erkennen von Gegenständen und Lebewesen sowie der Orientierung. Insbesondere beim Menschen spielt der Visus (die Sehschärfe) eine wichtige Rolle bei der Interaktion mit anderen Lebewesen: Emotionen können „gelesen“ werden. Daher ist die Sehkraft vor allem beim Menschen mit einem hohen emotionalen Stellenwert belegt, der häufig auf das Tier übertragen wird. Obwohl auch Hunde und Katzen sich über das Auge orientieren und ihre Umgebung wahrnehmen, sind die anderen Sinne deutlich besser ausgeprägt als bei Menschen. Zum Beispiel liegt der hörbare Frequenzbereich beim Hund zwischen 67–45000 Hertz und bei der Katze zwischen 45–65000 Hertz. Der Mensch hingegen hört Frequenzen nur in einem Bereich von 20–20000 Hertz.

Die Anamnese

Eine gründliche spezielle Anamnese ist bei der Augenuntersuchung und Behandlung von Augenpatienten besonders wichtig. Vor allem sollte die Dauer der Erkrankung und der Beginn der Problematik erfragt werden. Bei einseitigen Veränderungen sind Verletzungen wie zum Beispiel Hornhautdefekt oder traumatische Uveitis (Entzündung der Augenhaut = Uvea) wahrscheinlicher, während bei beidseitigen Augenproblemen angeborene Veränderungen, Allergien oder systemische Erkrankungen in Frage kommen können. Häufig sind die Patienten von anderen Tierärzten oder den Patientenbesitzern mit verschiedenen Augenmedikamenten vorbehandelt worden. Diese Medikamente sollten bereits bei der Terminvergabe am Telefon erfragt werden.

Die Anamnese in der ophthalmologischen Sprechstunde umfasst:

1. Allgemeine Anamnese

  • Herkunft, in Besitz seit
  • Haltung (Jagdhund, Begleithund, ­Wohnungskatze)
  • Partnertiere
  • Fütterung
  • Aktivität
  • Impfung/Entwurmung
  • Auslandsaufenthalte

2. Spezielle Anamnese

  • Welches Auge ist betroffen?
  • Beginn der Symptomatik?
  • Vorbehandelt? Welche Präparate?

Untersuchungsgang und Instrumentarium

Für die Beschreibung von Symptomen werden am Auge verschiedene Lage- und Richtungsbezeichnungen verwendet. Der innere Augenwinkel wird als nasaler Augenwinkel bezeichnet, während der äußere Augenwinkel der temporale Augenwinkel ist. Ebenso werden die Richtungen oben mit dorsal und unten mit ventral beschrieben (siehe Grafik in der Bildergalerie).

Bei der Augenuntersuchung sollte eine bestimmte Reihenfolge eingehalten werden. Die standardisierte Untersuchung ermöglicht es, die Instrumente und Untersuchungstests optimal vorzubereiten. In einem ersten Schritt beobachtet der Tierarzt den Patienten, um die Sehfunktion einschätzen zu können und um zu sehen, wie sich der Patient in einer unbekannten Umgebung orientiert. Blinde Patienten orientieren sich stark an ihren Besitzern oder stoßen mit dem Kopf an Wände oder den Untersuchungstisch an. Währenddessen sollten eine fokale Lichtquelle, feuchte und trockene Wattepads, Teststreifen für den Schirmer-Tränentest (zur Messung der Tränenproduktionsmenge des Auges), ein Tonometer (Gerät zur Messung des Augeninnendrucks) sowie Tropfen zur medikamentösen Mydriasis (Weitstellung der Pupille) zurechtgelegt werden. Zusätzlich sollten eine Spritze mit Leitungswasser oder besser Natriumchlorid, Fluoreszein-Tropfen, eine Nickhautpinzette nach von Graefe und Augentropfen für die Lokalanästhesie vorbereitet sein. Weitere Instrumente wie eine Gonioskopie-Linse zur Betrachtung des Kammerwinkels und eine Linse für die Funduskopie zur Betrachtung des Augenhintergrunds sollten ebenfalls griffbereit sein. Bei einigen Patienten muss zur Überprüfung der Durchgängigkeit der Tränennasenkanal gespült werden. Dazu eigenen sich gebogene Kanülen aus Edelstahl oder Venenkatheter für Kaninchen oder Katzen. Eine Lupenbrille kann bei der Erkennung von feinen, überzähligen Härchen (Distichien) am Lidrand oder Zilien im Bereich der Bindehaut des Oberlids helfen.

Checkliste: Instrumentarium für die Augenuntersuchung

  • Wattepads
  • Augenspüllösung
  • fokale Lichtquelle (Spaltlampe, Ophthalmoskop)
  • Schirmer-Tränentest (Teststreifen)
  • Tonometer
  • Gonioskoplinse
  • Mydriatikum
  • Funduskop
  • Fluoreszein-Test
  • Lokalanästhetikum
  • von-Gräfe-Pinzette
  • Tränen-Nasen-Kanüle
  • Lupenbrille

Bei Patienten, bei denen die Augenumgebung stark verschmutzt ist, können die Augen durch vorsichtiges Abtupfen mit feuchten Wattepads bereits vor der Untersuchung gereinigt werden. Ein Ausspülen der Augen mit Natriumchlorid oder Leitungswasser verfälscht gegebenenfalls Untersuchungsergebnisse und sollte erst nach der Untersuchung erfolgen.

Der Schirmer-Tränentest sollte unbedingt an den Anfang der Untersuchung gestellt werden, da eingegebene Medikamente, Augenspüllösung oder auch das lange Leuchten mit der Untersuchungslampe zu einer Verfälschung des Tests führen können. Die Messung des Augeninnendrucks muss vor der medikamentösen Mydriasis erfolgen. Bei einem zu hohen Druck kann das Weitstellen der Pupille möglicherweise kontraindiziert sein.

Elektroretinogramm

Das Elektroretinogramm dient der Untersuchung der Netzhaut. Eine spezielle Linse (1. Elektrode) wird nach Lokalanästhesie auf die Hornhaut gesetzt. Zusätzlich werden zwei Ableitungen am Kopf des Patienten angebracht. Eine weitere Elektrode wird am Nasenrücken unter die Haut gesetzt (ähnlich einer Akkupunkturnadel) und eine dritte am Hinterkopf. Mittels einer speziellen Lichtquelle werden Lichtreize an das Auge gesendet und mit den Elektroden aufgezeichnet. So kann die Funktion der Stäbchen und Zäpfen der Netzhaut untersucht werden. Bei guter Sehkraft des Patienten und einer gut funktionierenden Netzhaut kann ein elektrisches Potenzial aufgezeichnet werden. Die Untersuchung kann zum Beispiel bei einem grauen Star (Katarakt) angewendet werden. Da die Linse bei dieser Erkrankung eingetrübt ist und man nicht hindurch sehen kann, ist die Netzhaut durch den Tierarzt nicht darstellbar. Mittels eines Elektroretinogramms kann untersucht werden, ob die Netzhaut funktioniert und für den Patienten eine Operation möglicherweise in Frage kommt.

Auf die richtige Fixierung achten

Die richtige Fixierung von Augenpatienten für die Untersuchung ist wichtig. Hunde mit langen Schnauzen können mit einer Hand unter dem Unterkiefer und einer Hand hinter den Ohren für eine Augenuntersuchung sehr gut festgehalten werden. Bei Rassen mit kurzen Schnauzen ist es eventuell leichter, mit beiden Händen den Kopf von der Seite zu fixieren. Bei Patienten, die eine Abwehrbereitschaft zeigen, sollte unbedingt ein Maulkorb angelegt werden, da sowohl Tierarzt als auch TFA bei der Untersuchung und der Fixierung häufig sehr nah mit dem eigenen Gesicht in die Nähe des Mauls kommen. Abwehrbereiten Katzen kann ein Halskragen aufgesetzt werden. Der „Maulkorb für Katzen“ eignet sich für eine Augenuntersuchung meist nicht, da dieser die Augen mit abdeckt. Viele Katzen lassen sich sehr gut untersuchen, wenn sie in der Unterschale der Transportboxen bleiben dürfen und nur der Kopf vorsichtig fixiert wird.

Bei aggressiven Patienten, die sich nicht ausreichend fixieren lassen, sollte die Augenuntersuchung zur eigenen Sicherheit in Narkose erfolgen.

Die Behandlung mit Augensalben und -tropfen

Viele Augenerkrankungen müssen mit Augensalben oder Augentropfen behandelt werden. Das Behandlungsschema für die einzelnen Erkrankungen erfordert eine bestimmte Palette von Augenmedikamenten. In jedem Fall sollten lubrifizierende („schmierende“) Augenmedikamente zur Verfügung stehen, die für die Behandlung von trockenen Augen oder zur Unterstützung der Hornhaut verwendet werden können. Augensalben mit Vitamin A können zur Heilung von Hornhautdefekten beitragen. Ebenso fördern Dexpanthenol-haltige Augenpräparate die Regeneration von Verletzungen des äußeren Auges. Zur Behandlung von Entzündungen der Hornhaut und der Uvea (mittlere Augenhaut) sollten augengängige Antiphlogistika (Entzündungshemmer) und Kortikosteroide zur Verfügung stehen. Kortikosteroide werden auch bei allergischen oder immunvermittelten Augenerkrankungen eingesetzt. Atropin-Augentropfen dienen der medikamentösen Mydriasis und können bei einer Schmerzmiosis (schmerzbedingtes Verkrampfen der Iris, die Pupille ist sehr eng) durch Hornhautdefekte oder Entzündungen des Auges eingesetzt werden. Ebenso sollte Atropin bei Hyphaema (Blut in der vorderen Augenkammer), Hypopyon (Eiter in der vorderen Augenkammer) oder bei Fibrinansammlungen eingesetzt werden, um ein Verkleben der Iris mit der Linse oder der Hornhaut zu vermeiden. Katzen können auf Atropintropfen eine starke Salivation (Speichelfluss) zeigen, daher sollten besser Atropinhaltige Augensalben verwendet werden (derzeit sind allerdings keine veterinärmedizinischen Präparate auf dem Markt).

Antibiotische Augensalben werden bei bakteriellen Entzündungen der Konjunktiva (Bildehaut) oder der Hornhaut und bei Hornhautdefekten eingesetzt.

Für die Behandlung von Glaukomen (grüner Star) sollten drucksenkende Mittel zur Verfügung stehen. Eingesetzt werden hier vor allem Beta-Blocker und Carbonanhydrase-Hemmer.

Zusätzlich sollten systemisch einsetzbare Analgetika wie Nichtsteroidale Antiphlogistika (z. B. Rimadyl®) oder oral verabreichbare Opioide (z. B. Tralieve®) vorrätig sein.

Bei wenig abwehrbereiten Hunden und Katzen können Augenmedikamente auch eingegeben werden, ohne dass eine zweite Person zur Fixierung notwendig ist. Dabei greift die eine Hand um die Schnauze, der Zeigefinder kommt unterhalb des Unterlids zu liegen und der Daumen stütz das Kinn. Der Mittelfinger kann das Oberlid sanft hochziehen. Wenn der Kopf des Patienten hoch gehalten wird, können Augentropfen direkt auf die Hornhaut getropft werden. Alternativ kann mit Daumen oder Zeigefinder das Unterlid runter gezogen werden und die Tropfen oder Salben in den unteren Konjunktivalsack eingegeben werden.

Über die Autorin

Dr. med. vet. Anna Döring ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Chirurgischen und Gynäkologischen Kleintierklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Foto: Hannier Pulido / ETH Zürich

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