Foto: Ralf Tobias

Praxisreportage

Blick ins Herz

Ein Mann, ein Raum: Kardiologe Ralf Tobias diagnostiziert in seiner kleinen Praxis mithilfe modernster Technik Herzerkrankungen.

Von Dr. med. vet. Viola Melchers

Dämmerlicht liegt über dem kleinen Raum. Jetzt sind nur noch die Rhythmen wichtig, die Ralf Tobias beim Auskultieren hört, und die Bilder, die über seinen Monitor flimmern. Die abgemagerte Hündin auf dem Tisch duldet ruhig die bunten EKG-Klammern, das Gel auf dem Fell und den Schallkopf, der sich mit leichtem Druck über ihren Brustkorb bewegt.

Wir sind in Hannover, in der ersten deutschen Praxis für Veterinärkardiologie. Bei der Gründung vor 21 Jahren war Tobias mit seinem Spezialisten-Angebot noch ein Exot. Gemeinsam mit Cordula Poulsen-Nautrup hatte er damals die Echokardiografie als Methode zur Herzdiagnostik für die deutsche Veterinärmedizin erarbeitet und standardisiert, berichtet er stolz. An der Wand hinter seinem Schreibtisch hängt das Titelbild des resultierenden Ultraschallatlas. Inzwischen gibt es in Deutschland einige Herzspezialisten, aber die Hannoveraner Praxis ist die einzige, die sich ausschließlich mit dem Herzen befasst. „Keine Impfungen, keine Kastrationen, nur Kardiologie“, erklärt Tobias. „Unser Auftrag ist aufzuklären, ob es einen Herzfehler gibt und ob er klinisch relevant ist“. Dazu verbringen Hund und Katze, seltener auch Alpakas oder Großkatzen, meist über eine halbe Stunde zwischen Ultraschallgerät, Raubkatzen-Nippes und Safaribildern. Die Zeit auf dem Behandlungstisch hält sich dank moderner Software und der langjährigen Erfahrung des Untersuchers zwar in Grenzen, doch Tobias sind erklärende Gespräche mit den Besitzern besonders wichtig.

Zeit ist nötig, um Herzen zu untersuchen, Raum braucht es hingegen kaum. Deshalb teilt sich die kardiologische Sprechstunde mit einer anderen Kleintierpraxis Wartezimmer, Anmeldung und Röntgengerät. Rechtlich und wirtschaftlich sind die beiden Praxen aber getrennt.

Technik, Erfahrung und Rhythmusgefühl

Noch bevor für die Untersuchung die Rollläden geschlossen und das Licht ausgeschaltet werden, sitzen die Besitzerinnen der mageren Hündin vor Tobias‘ Schreibtisch und berichten ausführlich über ihr Tier, dem es täglich schlechter geht. Sie sind aus Holland angereist, um eine Zweitmeinung zu der bereits diagnostizierten Mitralklappeninsuffizienz einzuholen. Nicht ungewöhnlich: Tobias‘ Einzugsgebiet reicht bis ins nördliche Ruhrgebiet, nach Sachsen-Anhalt, Berlin und Dänemark. Termine müssen bis zu drei Monate im Voraus gemacht werden. Für den Kardiologen ist eine gute Auslastung nicht nur bedeutsam, damit sich die Technik rechnet, sondern auch fachlich, er meint: „Ein guter Experte kann nur gut bleiben, wenn er eine hohe Fallzahl sieht.“ Doch so viele Patienten echokardiografisch auf qualitativ hohem Niveau zu untersuchen, sei erst nach einigem Training überhaupt möglich. Das schnelle Verarbeiten vieler visueller Daten in kurzer Zeit ist anstrengend. Gut, wenn das Gehirn durch das Hobby Fotografie von jungen Jahren an auf Bildwahrnehmung geprägt ist, besser, wenn dazu das nötige Einfühlungsvermögen kommt, auch im akustischen Bereich. „Viele Humankardiologen sind Musiker“, berichtet Tobias. Auch er selbst musiziert und fotografiert mit Leidenschaft, vor allem Geparden in freier Wildbahn.

Der Spezialist hat Diagnose-Pflicht

Auf dem Monitor neben den Raubkatzen-Fotos erscheint jetzt das Herz der Hündin. In der 3D-Ansicht kann Tobias es drehen, von allen Seiten betrachten oder optisch in Scheiben schneiden. Neben der Mitralklappeninsuffizienz mit starker Vorhofdilatation und -flimmern stößt der Spezialist schnell auf eine Aorteninsuffizienz – angeboren und seit Jahren unbemerkt. Ein abdominaler Erguss erklärt, warum die Patientin nicht mehr frisst.

Der Besuch beim Spezialisten ist nicht günstig, das wissen die Besitzer, die zu Tobias kommen. Ein Luxus sei die Untersuchung aber nicht, die Klientel stamme aus allen Gesellschaftsschichten. Gemeinsam ist ihnen, dass sie vom Kardiologen erwarten, dass er sicher feststellt, welches Problem ihr Tier hat. Tobias lächelt: Ihn macht froh, dass er dieser Erwartung im Allgemeinen gerecht werden kann. Seine 30 Jahre Erfahrung und das hochmoderne 4D-Ultraschallgerät erlauben ihm, meist schnell zu erkennen, „was Phase ist“. Tierbesitzer verlassen das kleine Zimmer mit einer Diagnose, einer Therapieempfehlung und einer Erstversorgung mit Medikamenten, die vom Haustierarzt fortgesetzt werden kann. Nicht selten werden auch Herzmedikamente abgesetzt, wenn die Indikation sich nicht bestätigt. Vor Jahren sei bundesweit in den Praxen kardiologischer Spezialisten einmal untersucht worden, wie viele der unter Herztherapie vorgestellten Patienten ohne ihre Tabletten wieder nach Hause gehen, erzählt er. Das Ergebnis: 40 Prozent Übertherapie. Aktuelle Daten gibt es nicht, aber diese Zahl spiegelt noch heute Tobias‘ Alltagserfahrungen wider. „Es gibt keine pathognomonischen Herzsymptome.“ erklärt er. Auskultation oder der NT-proBNP-

Test gäben einen Einblick, die sichere Diagnose einer Herzerkrankung sei aber nur mithilfe einer echokardiografischen Untersuchung durch einen erfahrenen Spezialisten möglich. Danach kann das Tier dann beim Praktiker weiterbehandelt werden. Ein Anschreiben an Haustierarzt und Besitzer wird grundsätzlich verfasst, bevor der Nächste den Raum betritt. Denn dass das Trio aus Praktiker, Spezialist und Besitzer gut kommuniziert, ist für Tobias ein entscheidender Faktor für den Behandlungserfolg.

Über die Autorin

Als Fachjournalistin arbeitet Dr. med. vet. Viola Melchers vor allem für die Fachzeitschrift Der Praktische Tierarzt und das Portal Vetline.de. Die promovierte Tierärztin schreibt über Spannendes aus der veterinärmedizinischen Praxis und Wissenschaft.

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