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Damit es wieder rund läuft: Therapie mit Laufband & Co.

Physiotherapie hat sich in den letzten 20 Jahren in der Kleintierpraxis etabliert. Neben den gängigen Methoden kommt auch das Laufband mehr und mehr zum Einsatz.

Von Dr. med. vet. Cécile-Simone Alexander

Tiermedizinische Fachangestellte können sich wie Tierärzte durch mehrmonatige bis mehrjährige Weiterbildungen auf dem Gebiet der Physiotherapie fortbilden. In Tierkliniken und größeren Praxen wird Physiotherapie als Behandlungsmethode angeboten, es gibt aber auch Praxen, die sich ausschließlich darauf spezialisiert haben.

Vorteile der Physiotherapie

Zum einen bietet Physiotherapie eine spezielle Befundung, insbesondere von Weichteilen des Bewegungsapparates, die röntgenologisch nicht erfasst werden können. So beurteilt die sogenannte myogene Befunderhebung detailliert die Muskulatur und fahndet nach übermäßiger Muskelspannung (Hypertonus) oder mangelndem Muskeltonus (Hypotonus) sowie nach feinen Muskelverletzungen (Muskelfaserrisse). Mit spezifischen Gelenktests kann dann auch der funktionelle Zustand der Gelenke und ihrer direkten Umgebung, wie der stabilisierenden Bänder, eingeschätzt werden.

Zum anderen ist die Rehabilitation nach Operationen und Verletzungen eine Domäne der Physiotherapie, sowohl bei orthopädischen (z. B. nach Ellbogen-, Hüft- und Knie-OPs) wie auch bei neurologischen Fällen (z. B. bei Bandscheibenvorfällen, Cauda-equina-Syndrom). Die Rehabilitation beginnt mit einer Bewegungsanalyse des Tieres und Bewegungsberatung der Besitzer (Wie viel Bewegung und welche Art der Bewegung ist für das Tier sinnvoll?). Sie sind häufig verunsichert und wissen nicht, wie sie mit dem operierten oder lahmenden (im schlimmsten Fall gelähmten) Tier umgehen sollen, insbesondere wieviel Bewegung sie ihm zumuten können oder auch sollen. Nach der Befunderhebung wird ein Therapiekonzept erstellt und schließlich der Besitzer in Übungen unterwiesen, die er zumeist täglich begleitend zur Therapie in der Praxis durchführen soll.

Ein weiteres Einsatzgebiet der Physiotherapie ist die Mobilisierung des Geriatrikers. Für den Alterspatienten gibt es gute Möglichkeiten, seine altersbedingten Einschränkungen der Beweglichkeit, aber auch Mobilitätsbeschränkungen aufgrund von orthopädischen oder neurologischen Erkrankungen, durch Physiotherapie derart zu bessern, dass er einen Zugewinn an Lebensqualität erhält. Alte Tiere sind aufgrund ihrer Erkrankungen häufig Schmerzpatienten. Ihnen hat die Physiotherapie – ebenso wie natürlich auch jüngeren Schmerzpatienten – schmerzreduzierende Anwendungen zu bieten. Diese können den Besitzern im Rahmen einer Schmerzberatung auch teilweise für die häusliche Anwendung erklärt werden.

Und schließlich kommt die Physiotherapie auch vorbeugend (Prävention) bei der physiotherapeutischen Betreuung des Sport- und Arbeitshundes zum Einsatz. Bei diesen körperlich sehr geforderten Hunden sollen Überlastungen durch das Training aufgespürt und beseitigt werden, damit der Bewegungsapparat optimal auf den Wettkampf oder den Arbeitseinsatz als Jagd- oder Polizeihund vorbereitet ist.

Was genau ist Physiotherapie?

„Physiotherapie“ im eigentlichen Sinn ist Krankengymnastik, so wie der Physiotherapeut bis 1994 Krankengymnast hieß. Der übergeordnete Begriff ist „Physikalische Therapie“, zu der neben der Krankengymnastik die im Folgenden beschriebenen Therapiebereiche gehören. Der Begriff Physiotherapie für dieses Therapiegebiet hat sich aber inzwischen eingebürgert und wird gleichbedeutend allgemein benutzt.

Methoden der Physikalischen Therapie/Physiotherapie

Thermotherapie (Therapie mit Wärme oder Kälte)

Wärmetherapie kann auf unterschiedliche Weise erfolgen, da es vielfältige Wärmequellen gibt:

Strahlende Wärme in Form von Rotlicht (Infrarotstrahlern) ist weit verbreitet, nicht nur in den Praxen, sondern auch in den Haushalten, in denen Tiere leben. Dabei ist die Anwendung des Rotlichts aber nicht so einfach vom Menschen auf das Tier übertragbar, denn der Infrarotstrahlung steht beim Tier das Fell entgegen. Und schon beim Menschen dringt die Wärme nur 0,5 cm bis maximal 1,0 cm über die Haut in das Gewebe ein. Beim Tier wird die Strahlung je nach Fellbeschaffenheit mehr oder weniger stark gestreut, sodass sie kaum eine therapeutische Wirkung entfalten kann. Allerdings scheint sich ein gewisser Wärmestau bei langhaarigen Hunden im Unterfell zu entwickeln, sodass diesen Tieren die Rotlichtbestrahlung sogar meistens unangenehm ist.

Geleitete Wärme über ein Medium wie die zu erwärmenden Hot-Cold-Packs, Kirschkernkissen, ein Handtuch oder auch die altmodische Wärmflasche ist wesentlich effektiver beim Tier anwendbar, da die Wärme schichtweise in tiefere Körperregionen eindringt. Die Wärmeanwendung sollte mindestens 15 Minuten, kann aber je nach Befinden des Tieres auch bis zu einer Stunde erfolgen.

Außerdem gibt es noch die Möglichkeit, Wärme technisch zu erzeugen mittels therapeutischem Ultraschall.

Und schließlich gibt es hyperämisierende und durch diese Mehrdurchblutung erwärmende Einreibungen wie z. B. mit Franzbranntwein.

Massage

In erster Linie versteht man darunter die klassische „schwedische“ Massage. Daneben gibt es aber auch Sonderformen der Massage, wie die Bürstenmassage, die sich sehr gut für die Anwendung am Tier eignen. Weniger geeignet sind dagegen reflextherapeutischen Verfahren wie Bindegewebsmassage und Kolonmassage.

Manuelle Lymphdrainage

Die manuelle Lymphdrainage dient dem Abtransport von Ödemen und Seromen (Flüssigkeitsansammlung unter Wunden). Daher ist sie gut einsetzbar in der frühen postoperativen Versorgung. Da bei der Lymphdrainage auch Entzündungsmediatoren ausgeschwemmt werden, ist sie auch bei Gelenkentzündungen nützlich.

Manuelle Therapie

Hierzu zählen Osteopathie und Chiropraktik sowie weitere manuelle Gelenktechniken. Neben der Behandlung der Extremitäten- und Wirbelgelenke wird vor allem das Bindegewebe, insbesondere die Faszien, therapiert.

Lichttherapie

Die verschiedenen Bereiche des Sonnenlichts, die sich in ihren Wellenlängen und damit auch physikalischen Eigenschaften unterscheiden, können therapeutisch genutzt werden: Neben UV-Licht das bekannte Infrarotlicht, aber auch das sichtbare Licht in Form von sogenannten Tageslichtlampen.

Physiotechnik

Es gibt eine Vielzahl an technischen Möglichkeiten in der Physikalischen Therapie. Die wichtigsten sind Elektrotherapie, Magnetfeldtherapie, Lasertherapie und die Anwendung des therapeutischen Ultraschalls. So unterschiedlich sie sind, haben sie doch die Gewebserwärmung gemeinsam.

Bewegungstherapie

Zur Bewegungstherapie (Krankengymnastik im eigentlichen Sinn) gehören passive Techniken, wie das Lagern und das passive Bewegen, die in aller Regel gut am Tier durchführbar sind und aktive Techniken, die die Mitarbeit der Patienten erfordern. Aktive Übungen können mit und ohne Geräte erfolgen. Einige Geräte kennen Hunde aus dem Hundesport, wie Cavaletti oder auch das Wackelbrett.

Ein besonders hilfreiches Gerät ist ein Hundelaufband. Das Gangbild auf dem Laufband unterscheidet sich vom üblichen Laufmuster des Hundes. Dies liegt einerseits am federnden Untergrund, andererseits an der erzwungenen Rückführung der Extremitäten durch das Laufband. Zudem lässt sich mit einem Laufbandtraining die Ausdauerleistung des Patienten steigern. Damit ist das Laufband vielseitig einsetzbar sowohl bei orthopädischen wie auch neurologischen Erkrankungen. Mit dem Laufbandtraining kann außerdem durch motorisches Lernen ein physiologisches Gangbild erreicht und somit eine Verbesserung der Koordination und Korrektur von Schon- und Fehlhaltungen erzielt werden.

Hydrotherapie

Hierunter versteht man die Therapie im Wasser im engeren Sinn, nämlich die lokalen Wasseranwendungen und die Balneotherapie (Badebehand-

lung).

Lokale Wasseranwendungen kommen in der Kleintiermedizin eigentlich nur in Form von Wickeln zur Anwendung, wobei unter Wickel alle feuchten Materialien zu verstehen sind, also auch Quark- oder Moorwickel.

Unter Balneotherapie werden in der Tiermedizin die sogenannten Bewegungsbäder verstanden: das therapeutische Schwimmen und das Aquajogging sowie das Training auf dem Unterwasserlaufband.

Die physikalischen Effekte des Wassers auf den Körper werden dabei zur Therapie genutzt: Durch den Auftrieb im Wasser werden die Gelenke derart entlastet, dass Beugung und Streckung erweitert werden. Beim Laufen im Wasser muss aber der Strömungswiderstand überwunden werden. Dies kann in der Bewegung nur durch vermehrte Muskelkraft erfolgen. Bei jeder Bewegung im Wasser handelt es sich also um eine Widerstandsübung, die dem Muskelaufbau dient.

Das Training auf einem Unterwasserlaufband verbindet nun die therapeutischen Effekte des Wassers mit denen des Laufbandtrainings. So können neurologische Patienten, die auf dem Land noch nicht in der Lage sind zu laufen, dies aber häufig im Wasser, da sie durch den Auftrieb teilweise vom Eigengewicht entlastet sind. Zusätzlich bietet das Unterwasserlaufband den Vorteil, dass auch bei der Bewegungstherapie ansonsten unkooperative Patienten therapiert werden können.

Ablauf und Aufgaben der TFA

Bei der Erstuntersuchung erfolgt eine Bewegungsanalyse und -beratung, woraus die Erstellung eines Therapiekonzepts resultiert. Neben der eigentlichen physiotherapeutischen Behandlung gehört dazu in den meisten Fällen auch eine Besitzerunterweisung in einige Anwendungen oder Übungen, die täglich zu Hause durchzuführen sind. Die Behandlungen in der Praxis erfolgen je nach Krankheitsfall ein- bis zweimal wöchentlich über ein bis zwei Monate. Ausnahmen sind spezielle Anwendungen wie die Licht- und Magnetfeldtherapie, die täglich durchgeführt werden müssen.

Je nach Ausbildung kann die Tiermedizinische Fachangestellte die Vorbereitung der Therapie mit Wärme oder Massage übernehmen und die Anwendung der Physiotechnik (Elektro-, Magnetfeld-, Lichttherapie) durchführen. Außerdem kann sie die Tierbesitzer in den häuslichen Übungen unterweisen. Bei entsprechender Weiterbildung (. Kasten Ausbildungsmöglichkeiten) ist auch die gesamte physiotherapeutische Behandlung auf Anweisung des Tierarztes möglich.

Über die Autorin

Cécile-Simone Alexander, Tierärztin mit Zusatzbezeichnung Physiotherapie/Physikalische Therapie, ist in eigener Praxis für Physikalische Medizin/Rehabilitationsmedizin in Berlin-Zehlendorf niedergelassen.

Mehr über Hydrotherapie sowie Therapiemöglichkeiten mit dem Laufband auf dem Land und im Wasser mit vielen Fallbeispielen finden Sie im neuen Praxisleitfaden von Cécile-Simone Alexander, der am 30. Juni 2019 erscheint.

Ausbildungsmöglichkeiten in der ­Physiotherapie für Tiermedizinische ­Fachangestellte

(Auswahl, die Abschlüsse sind nicht staatlich anerkannt.)

  • Berliner Symposien (Leitung: Dr. C.-S. Alexander), 1 Jahr/60 Stunden/82 Fortbildungsstunden/ca. 1.800 €, Abschluss als Tiermedizinische Physiotherapieassistentin, www.symposien.vet

  • IFT (Institut für Tierheilkunde), 2 Jahre/288 Stunden/ca. 4.300 €, Abschluss als Tierphysiotherapeut und -akupunkteur, www.ift-info.de

  • Schloss-Seminar (Leitung: Dr. B. Egner/Prof. B. Bockstahler), 2 Jahre/90 Stunden/147 Fortbildungsstunden/ca. 4.950 €, Abschluss als Veterinärmedizinische Physiotherapeutin, www.schloss-seminar.de

  • Vierbeiner Rehazentrum Bad Wildungen (Leitung: Dr. A. Zohmann), 2 Jahre/270 Stunden/346 Fortbildungsstunden/ ca. 4.800 €, vierbeiner-rehazentrum.de

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