Foto: Benaglia

Untersuchung

Den Spatz in der Hand … Handling von Vogelpatienten

Der Respekt vor dem Handling kleiner und großer Vogelpatienten ist groß. Das muss nicht sein, wenn man die geeigneten Grifftechniken anwendet.

Inhaltsverzeichnis

Von Herrmann Kempf

Die Geschichte vom Kanarienvogel, der unmittelbar nach dem Herausfangen aus dem Käfig, sein kleines Köpfchen zur Seite neigte und verstarb, geistert durch viele Kleintierpraxen. Auf der anderen Seite sind da noch die großen Papageien, deren Schnäbel in Kollegenkreisen als Mordwaffen gelten. Aufgrund solcher Erzählungen werden Vogelpatienten am Ende häufig nur mit einem scharfen tiermedizinischen Blick beäugt und mit einer Verdachtsdiagnose und ein paar Tröpfchen fürs Trinkwasser wieder nach Hause geschickt.

Richtiges Handling ist aktiver Tierschutz

Vor der erfolgreichen Therapie steht erst einmal die richtige Diagnose und die ist ohne gründlichen Untersuchungsgang nicht zu stellen. Es bleibt also nicht aus, dass man den einen oder anderen Vogel in die Hand nehmen muss. Die Vielzahl an Vogelarten, die selbst in nicht spezialisierten Kleintierpraxen vorgestellt werden, ist vielfältig: Von kleinen Zebrafinken, über Graupapageien, Hühnern und Tauben bis hin zum Schwan flattert alles Mögliche durch deutsche Wartezimmer.

Gutes Handling ist ein aktiver Beitrag sowohl zum Tierschutz als auch zum Arbeitsschutz. Die Sicherheit von Mensch und Tier sollte immer im Vordergrund stehen. Auch wenn das Verletzungspotenzial eines Araschnabels nicht unerheblich ist, ist die Gefahr, die von Hunden und Katzen ausgeht, deutlich höher. Die Routine im Umgang mit diesen Tieren ermöglicht es, das Arbeitsrisiko leichter einzuschätzen, wohingegen das eher seltenere Handling von Vogelpatienten zu einer erhöhten Unsicherheit führt. Auch wenn die nötige Sicherheit erst mit steigender Routine kommt, soll die folgende Übersicht den Einstieg in die Materie erleichtern.

Finken und Sittiche bis zur Größe eines Nymphensittichs

Um zu vermeiden, dass die Vögel handscheu werden, aber auch um den Schockmauser-Effekt so gering wie möglich zu halten, können die Tiere mit einem Geschirrtuch oder auch einem Papierhandtuch herausgefangen werden. Gerade bei den größeren Sittichen reduziert das auch das Risiko für die etwas unangenehmen Bisse.

Kommt der Vogel im komplett eingerichteten Käfig, kann es durchaus angebracht sein, ein paar Spielsachen und Sitzstangen zu entfernen. Anschließend versucht man mit dem Tuch in der Hand den Vogel Richtung Käfigboden zu dirigieren und den Patienten vom Rücken im Nackenbereich zu fassen. Dabei wird ein Zangengriff durch das Tuch ausgeführt. Beim Zangengriff umfassen Daumen und Zeigefinger den Hals des Vogels kurz unterhalb des Kopfes. Die restlichen Finger schließen sich ohne Druck um den Vogelkörper. So bleibt der Vogel völlig ruhig in der Hand ruhen und kann untersucht werden. Mit diesem Griff werden die Patienten auch fixiert, um Medikamente in den Brustmuskel zu applizieren (Foto in der Bildergalerie).

Wenn man aus dieser Position mit dem Zeigefinger auf den Kopf des Vogels wandert und den Hals mit Daumen und Mittelfinger umfasst, ist man beim Kappengriff. Der Kappengriff erlaubt eine ruhigere Fixation des Kopfes. Damit sind Kropfabstriche, Sondenfütterung, orale Eingaben sowie Untersuchungen und Applikationen am Auge leichter möglich (Foto in der Bildergalerie).

Zum Schneiden der Krallen, Ablesen des Ringes oder zur subkutanen Applikationen in die Kniefalte hat sich der Scherengriff bewährt. Dazu wird der Hals des Vogels zwischen Zeigefinger und Mittelfinger fixiert. Der Daumen ist nun frei, um zusammen mit dem Ringfinger oder dem kleinen Finger ein Bein des Vogels zu fixieren. Durch leichte Streckung des Patienten werden Abwehrbewegungen reduziert (Foto in der Bildergalerie).

Größere Sittiche und Papageien

Je nach Größe des Vogels kommen unterschiedlich große und dicke Handtücher zum Einsatz, um ihn aus dem Käfig zu fangen. Papageien sollten nicht von der Schulter des Besitzers gepflückt werden, da die Vögel das gegebenenfalls mit einer negativen Erfahrung verbinden und das Vertrauensverhältnis zum Besitzer gestört wird. Kommen die Vögel auf dem Arm oder auf der Schulter, wird der Besitzer gebeten, den Vogel in den Transportkäfig zu setzen.

Die meisten Papageien wenden sich nicht von einem sich nähernden Handtuch ab, sondern greifen es gegebenenfalls an. Daher empfiehlt es sich, das Handtuch zwischen Daumen und Zeigefinger weit aufzuspannen. Beißt der Vogel zu, erwischt er eine Handtuchfalte. Mit dem Daumen und dem Zeigefinger wird der Hals des Vogels gegen die Käfigwand fixiert. Die andere Hand legt das Handtuch über die Flügel und wickelt es ventral über die Füße. Die Fanghand übernimmt dann den Kappengriff, die andere hält den restlichen Körper.

Für das weitere Handling und vor allem für die Untersuchung müssen dann die Flügelspitzen und Füße mit der freien Hand fixiert werden. Dazu werden beide Beine von hinten auf Höhe des Metatarsus gefasst, wobei ein Finger zwischen beiden Beinen ein Wundscheuern verhindert. Durch sanften Zug wird der Vogel gestreckt und so beruhigt. Indem man den Vogel seitlich hält, kann man einen Flügel mit dem eigenen Oberkörper ruhigstellen. Den freien Flügel versucht man mit den noch freien Fingern sowohl im Bereich des Flügelbugs, als auch an der Flügelspitze zu fixieren. Eine zweite Person kann so die Untersuchungen, Probenentnahmen und Applikationen am Tier durchführen. Auch hier gilt, dass ein Kappengriff den Kopf besser ruhigstellt als ein Zangengriff.

Je nach Geschick lassen sich auch Papageien mit dem Scherengriff festhalten. Das ermöglicht gleichzeitig eine Fixation der Flügel mit den übrigen Fingern. Die andere Hand fixiert die Füße des Vogels. Beim narkotisierten Vogel ist dies die Methode der Wahl, um vor allem in der Aufwachphase entsprechende Exzitationsbewegungen abfangen zu können.

Hühner- und Entenvögel

Hühner- und Entenvögel lassen sich sehr gut und sicher mit einer Art Polizeigriff fixieren. Allerdings kann dies einerseits die Besitzer etwas überfordern und andererseits sind so nicht alle Applikationen und Untersuchungen durchführbar. Um beispielsweise einen Schwan aus einer Kiste zu nehmen, ist dieser Griff durchaus sehr hilfreich. Mit einer Hand werden beide Oberarme des Vogels nahe am Tierkörper gleichzeitig umfasst, der Zeigefinger ruht dabei zwischen beiden Oberarmen. Mit diesem Griff kann auch eine vielleicht etwas zierlich gebaute Tiermedizinische Fachangestellte völlig problemlos den fünf Feuerwehrmännern in Vollmontur einen Schwan sicher abnehmen.

Auch wenn Schwäne harmlose Pflanzenfresser sind, können sie sich sehr imposant verhalten. Je nach Größe des Tieres sind für die weitere Untersuchung und Behandlung andere Handlingmethoden notwendig. Bis zu Hühnergröße greift man das Tier am besten von oben, umfasst mit je einer Hand ein Bein und drückt sich das Tier gegen den Oberkörper. Dann kann eine zweite Person alle Untersuchungen und Behandlungen durchführen.

Bei größeren Tieren hat es sich bewährt, den Patienten in der Transportbox sitzen zu lassen. Gegebenenfalls kann man mit einem Handtuch verhindern, dass das Tier die Flügel öffnet. Gleichzeitig wird es auf den Boden der Box gedrückt. Damit können orale Applikationen und Blutentnahmen am Hals durchgeführt werden. Für intramuskuläre Injektionen stehen hier in der Regel verschiedene Muskelpartien am Bein zur Verfügung und die Kniefalte kann auch von dorsal zwischen den Flügeln erreicht werden, sodass eine subkutane Applikation leicht möglich ist. Für weiterführende Untersuchungen wie Röntgen, können unter Umständen zwei haltende Personen notwendig sein.

Tauben

Die sicherste Methode eine Taube zu fixieren, ist der sogenannte Taubenhaltergriff. Dabei liegt die Taube mit dem Brustbein auf Mittelfinger, Ringfinger und kleinem Finger. Beide Beine werden zwischen Zeigefinger und Mittelfinger fixiert und der Daumen sichert von dorsal die Flügelspitzen auf dem Stoß (Schwanzfedern) der Taube. Dabei wird die Taube so ausgerichtet, dass sie den Oberkörper des Haltenden anschauen muss. Gibt man den Blick des Tieres frei, wird es versuchen, sich zu befreien. Blickt die Taube dagegen auf den Oberkörper, beruhigt sie sich schnell wieder und bleibt ruhig liegen. Der Blumenstraußgriff (siehe Mäusebussard) ist bei Tauben verlockend. Aufgrund der kurzen Beine kann es aber sehr leicht passieren, dass sich die Taube freistrampelt und dabei alle Schwanzfedern in der Hand des Halters zurücklässt.

Greifvögel

Bei Greifvögeln unterscheidet man zwischen Grifftötern (z. B. Mäusebussard, Waldohreule) und Griff- und Bisstötern (z. B. Turmfalke). Entsprechend ist es bei den einen nur nötig, die Beine gut zu fixieren, während bei den anderen auf jeden Fall auch der Schnabel gut fixiert werden muss.

Da Greifvögel in der Kleintierpraxis in der Regel verletzte Wildvögel sind, die in Pappkartons angeliefert werden, ist das Handling vergleichsweise einfach. Mit Öffnen des Kartons wird der Vogel mit einem Handtuch auf den Boden gedrückt. Bei Grifftötern reicht es hier vollkommen aus, das Becken des Tieres sanft aber bestimmt auf den Boden zu drücken. So kann der Vogel nicht zugreifen. Bei Griff- und Bisstötern sollte die zweite Hand den Kopf fixieren. In dieser geduckten Position kann man sehr leicht von dorsal beide Beine umfassen und fixieren.

Ein Mäusebussard lässt sich dann beispielsweise ganz einfach mit dem sogenannten Blumenstraußgriff aus der Kiste nehmen. Dabei umfasst eine Hand den Schwanz, die Flügelspitzen und die nach hinten ausgestreckten Beine wie einen Blumenstrauß. Beim Turmfalken sollte die zweite Hand noch den Kopf fixieren.

Sollte ein Greifvogel doch einmal zugreifen, lässt sich der Fang (Fuß) ganz leicht öffnen, indem man die mittlere Zehe streckt. Der komplexe Sehnenapparat gibt dann die gefasste „Beute“ automatisch wieder frei.

Tipp: „Polizeigriff“ beim Schwan

Die viel gefürchteten Schwäne sind harmlose Pflanzenfresser, die problemlos von einer Einzelperson fixiert und transportiert werden können. Dazu wird das Tier mit einer Hand an den Flügeln schonend hochgehoben. Die zweite Hand kann den Hals fixieren, damit sich der Vogel nicht verletzt. Alternativ kann man den Schwan auch umgekehrt halten (Kopf nach hinten), dann muss der Hals nicht fixiert werden und man hat eine Hand frei, um zum Beispiel Türen zu öffnen. Um den Schwan sicher an den Flügeln hochheben zu können, wird ein Oberarmknochen zwischen Zeige-und Mittelfinger und der andere zwischen Mittel- und Ringfinger fixiert. Der Griff sollte so körpernah wie möglich durchgeführt werden.

Allgemeine Regeln zum Handling von Vogelpatienten 

  • Niemals Druck auf Brust oder Bauch des Vogels ausüben. Das schränkt die Atmung so stark ein, dass das Tier kollabieren kann.

  • Das Handling sollte immer so stressarm wie möglich erfolgen. So sollte man sich immer seitlich zum Vogel stellen und nicht frontal. Den Vogel nie unmittelbar zwischen Besitzer und Tierarzt auf den Behandlungstisch stellen.

  • Gutes Handling erfolgt zügig und umfasst alle notwendigen Untersuchungen sowie Behandlungen möglichst in einem Arbeitsgang. Das setzt eine strukturierte Arbeitsweise voraus. Orale Eingaben sind dabei immer die letzte Handlung, sodass der Vogel gleich nach Applikation abgesetzt werden kann. Falls er dann regurgitiert (erbricht, vorwürgt), sinkt das Risiko einer Aspiration drastisch, da er sich schon frei bewegen kann.

  • Handtücher und Decken sind besser als Handschuhe. Mit Handschuhen verliert man schnell das Feingefühl für das Handling und erhöht das Risiko für den Patienten.

Vogelpatienten

Applikationstechniken beim Vogelpatienten

Eine Therapie von Vögeln über das Trinkwasser ist in den wenigsten Fällen praktikabel und zielführend. Wer die Basis-Applikationen beim Vogel kennt, kann sicher assistieren und die wichtigsten Proben entnehmen.

Handling

Sechs geeignete Positionen für die Behandlung ängstlicher Katzen

Ängstliche Katze ist nicht gleich ängstliche Katze. Berücksichtigen Sie stets die individuellen Bedürfnisse des Tieres.

Vogelpatienten

(Er)Kennen, Beraten, Vermeiden: Haltungsfehler bei Ziervögeln

Ziervögel, die ausschließlich in Käfigen und Volieren oder mit zeitweisem Freiflug gehalten werden, sind in ihrem Bewegungsspielraum eingeschränkt. Jede dieser Haltungsformen birgt gesundheitliche Risiken.

Abrasions- und Bissverletzungen bei Hund und Katze

Wenn die Uhr tickt

Die Behandlung von Abschürf- und Bisswunden gehört in der Kleintierpraxis zur täglichen Routine. Diese Verletzungen sind keineswegs immer harmlos, sondern oft lebensbedrohlich.