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Orthopädie

Der schmerzende Ellenbogen

In der orthopädischen Praxis stellen Krankheiten des Bewegungsapparates, die auf Entwicklungsstörungen zurückgehen, die Vielzahl der Fälle.

Inhaltsverzeichnis

Von Dr. Erik Diez

Skelettentwicklungsstörungen des Ellenbogengelenks finden wir vor allem bei jungen, nicht ausgewachsenen Hunden groß- oder mittelwüchsiger Rassen zwischen 5 und 13  Monaten. Dabei sehen wir in unserer Praxis vor allem Rassen wie Labradore, Golden Retriever, American Staffordshire Terrier sowie Rottweiler, Bulldoggen und Boxer. Aufgrund der fehlenden Sensibilisierung der Halter werden aufgrund von entzündlichen und degenerativen Erkrankungen aber auch Patienten im höheren Alter vorstellig, obwohl das Krankheitsbild bereits im Junghundalter entstanden ist. Studien zeigen, dass vor allem die Vererbung bei der Entstehung der jeweiligen Erkrankungen des Ellenbogens eine große Rolle spielt. Klar ist, dass das Längenwachstum von Elle (Ulna) und Speiche (Radius) im Endergebnis auf ein perfekt zusammenpassendes Ellenbogengelenk ausgerichtet ist (siehe Abb. 1). Jedoch können auch zahlreiche andere Faktoren wie Rasse, Geschlecht, Ernährung, Belastung etc. dazu führen, dass es hierbei zur Störung des Längenwachstums der Unterarmknochen kommt und eine Ellenbogendysplasie (ED) entsteht. Zu dem Krankheitskomplex ED werden folgende Krankheitsbilder gezählt:

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Der fragmentierte Processus coronoideus medialis ulnae (FPCM) (siehe Abb. 2) gehört zu den häufigsten Vorstellungsgründen für eine Lahmheit der Vordergliedmaßen beim Junghund. Hierbei verändert sich oder bricht ein kleiner Knochenfortsatz der Elle an der Innenseite im Gelenk ab und es kommt zu einer Lahmheit, welche bei fehlender Behandlung fatale Folgen für das Gelenk haben kann. Häufig sind hierbei beide Ellenbogen betroffen.

Der isolierte Processus anconeus (IPA) (siehe Abb. 3) liegt oftmals dann vor, wenn die Wachstumsfuge des Knochenfortsatzes der Elle mit dem Alter von 16–20 Wochen nicht vollständig geschlossen ist und der Fortsatz isoliert im oberen Gelenkanteil verbleibt. Ursachen hierfür sind meistens ein verzögertes Längenwachstum der Elle (Ulna), was dazu führt, dass der Verschluss der Wachstumsfuge aufgrund der chronischen Irritation des Knochenfortsatzes verhindert wird. Symptome sind vor allem eine deutliche Lahmheit, Oberarm und Ellenbogen sind eingezogen und einwärts gedreht, während der Unterarm auswärts gedreht ist. Häufig sind schnellwachsende, großwüchsige Rassen, vor allem der Deutsche Schäferhund, betroffen.

Die Ursache der Osteochondrosis dissecans (OCD) der Trochlea humeri ist eine Gelenkknorpel-Wachstumsstörung. Betroffen sind schnellwachsende Hunde großwüchsiger Rassen, insbesondere der Golden und Labrador Retriever, aber auch andere. Die Symptomatik ist dieselbe wie auch bei dem FPCM. Man findet die OCD des Ellenbogens selten isoliert, sondern meistens in Kombination mit einem FPCM.

Die inkomplette Ossifikation des Condylus humeri (IOHC) ist eine weitere Ellenbogenerkrankung, die im Komplex der Ellenbogendysplasie diskutiert wird. Die Ursache ist meist eine Störung der Bildung von Knochengewebe im Wachstum der Oberarmkondylen, welche dazu führt, dass die beiden Rollkammanteile nicht fusionieren. Am häufigsten betroffen sind junge, noch wachsende Spanielrassen, darüber hinaus wird die Erkrankung auch bei der Deutschen Wachtel, dem Deutschen Schäferhund, Berner Sennenhund, Rottweiler und Labrador Retriever beschrieben. Aber nicht nur großwüchsige Rassen sind von der Erkrankung betroffen – auch Toybreed-Rassen wie der Yorkshire Terrier und andere werden in der Literatur beschrieben. Häufig sind hier beide Ellenbogengelenke betroffen. Aktuell sehen wir sehr viele Französische Bulldoggen, die an einer IOHC leiden. Nicht erkannt führt diese Missbildung zu schweren, komplizierten Oberarmfrakturen mit Gelenkbeteiligung (siehe Abb. 4).

Therapieoptionen bei Skelettentwicklungsstörungen

Die Therapieoptionen einer Ellenbogengelenkdysplasie variieren mit den Erkrankungen. Ein fragmentierter Processus coronoideus kann mittels Arthroskopie (Gelenkspiegelung) minimalinvasiv versorgt werden, indem man das Knochenfragment entfernt (siehe Abb. 5).

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Eine weitere Möglichkeit der chirurgischen Versorgung stellt die Arthrotomie (Gelenkeröffnung) dar, welche aber anhand aktueller Studienlage postoperativ einen längeren Heilungsprozess im Vergleich zur Arthroskopie mit sich zieht. Im gleichen Verfahren kann eine eventuelle OCD (Osteochondrose der medialen Humeruskondylen) versorgt werden. Dies geschieht durch die Entfernung der Knorpelschuppe sowie die Auffrischung mittels Curettage des Defektbettes, einer Pridie-Bohrung oder mittels Microfracturing. Bei diesen Methoden werden vor allem der abgestorbene Knorpelanteil sowie der avitale Knochen entfernt.

Eine Therapie des Isolierten Processus anconeus (IPA) variiert anhand des Alters. Im jungen Alter können bei einem Short-Ulna-Syndrom (Wachstumsstörung der Elle) diese osteotomiert (Durchsägen des Knochens) und zusätzlich der isolierte Fortsatz mittels Zugschraube fixiert werden.

Sollte der Ellenbogen übereinstimmend sein, kann das Fragment auch nur mittels Zugschraube fixiert werden. In der Regel ist der isolierte Anteil zum Zeitpunkt der Diagnose bereits avital (abgestorben) und muss über eine Arthrotomie entfernt werden.

Eine inkomplette Ossifikation des Condylus humeri (IOHC) (siehe Abb. 4 und 6) wird in der Regel mittels Zugschraube und gegebenenfalls einer Auffrischung des Fusionsspaltes mittels Arthroskopie versorgt.

Metaplastische Kalzifizierungen (Verkalkungen)

Nicht nur degenerative Gelenkerkrankungen der Ellenbogen können Lahmheiten im Bereich des Ellenbogens hervorrufen. Auch Sehnen- und Banderkrankungen können dort zu Lahmheiten führen. Ebenso können metaplastische Kalzifizierungen der Ursprungssehnen der Flexoren (Beugemuskeln) von Karpus und Zehen ursächlich sein, diese werden als Flexor-Enthesopathien (Enthesopathien: Erkrankungen des Sehnenansatzes) bezeichnet. Bei einer Metaplasie im Bereich der Gelenke handelt es sich meist um eine Umwandlung von kollagenem Bindegewebe der Sehnen im Knochengewebe, dies kann potenziell einhergehend mit einer Verwachsung der Gelenkkapsel sowie des medialen Kollateralbandes auftreten.

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Die Pathogenese (Entstehung der Krankheit) ist zum größten Teil noch ungeklärt. Es wird jedoch vermutet, dass bei jungen Hunden eine fehlende Verknöcherung des Epicondylus medialis (siehe Abb. 7) oder eine etwaige traumatische Absprengung desselben Verknöcherungskerns ursächlich ist. Die Erkrankung tritt meist bei Hunden unter einem Jahr auf, ältere Hunde hingegen können wegen einer sekundären Kalzifizierung der Ursprungssehnen aufgrund einer unerkannten primären Gelenkerkrankung vorstellig werden. Diese tritt vor allem bei mittelgroßen und großen Rassen auf. In der Literatur werden dabei überproportional oft Labrador Retriever und Neufundländer beschrieben. Die klinische Symptomatik ist ähnlich der FCPM und der OCD. Es tritt meist jedoch lediglich eine geringgradige bis höchstens mittelgradige Lahmheit auf, die intermittierend oder permanent sein kann. Zusätzlich zeigen betroffene Hunde einen sehr steifen und staksigen Gang der Vordergliedmaße. Zur Sicherung der Diagnose werden Röntgenbilder des Ellenbogengelenks in zwei Ebenen sowie in Beugung des Ellenbogens im latero-lateralen (von innen nach außen) Strahlengang, eine CT und Ultraschalluntersuchung für das genaue Ausmaß der Problematik angefertigt. Wichtig ist, dass bei einigen Hunden ein Sesambein des Ligamentum anulare röntgenologisch dargestellt werden kann, dies stellt in der Regel aber nicht die Ursache einer Lahmheit dar und ist meist ein Zufallsbefund. Die Therapie bei dem jungen Hund besteht vor allem in der chirurgischen Entfernung der Metaplasien, die Prognose bei vollständiger Entfernung ist meist gut. Tritt jedoch zusätzlich eine degenerative Gelenkerkrankung, wie FCPM oder OCD auf, hängt sie vom Zeitpunkt des Beginns der Therapie ab. Besteht schon eine Arthrose, verschlechtert dies die Prognose.

Nicht vergessen! Panostitis – die Entzündung des Knochengewebes

Lahmheitsursachen im Ellenbogen-Bereich bei jungen Hunden können auch auf Erkrankungen des Knochens aufgrund falscher Ernährung zurückzuführen sein. Die Panostitis (Knochenentzündung) ist eine häufige, schmerzhafte Lahmheitsursache von jungen, großrassigen Hunden, welche vor allem auf eine zu energie- und proteinreiche Ernährung (hohe Protein-/Energie-/Kalorienzufuhr) zurückzuführen ist. Die Erkrankung äußert sich vor allem in deutlicher Schmerzhaftigkeit aller langen Röhren- knochen der Gliedmaßen bei Palpation.

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Charakteristisch sind Veränderungen in der Knochendichte des Knochenmarks, vor allem im Bereich der Wachstumsfugen des proximalen Radius und der Ulna sowie im distalen Bereich des Humerus. Röntgenologisch erkennt man wolkige Verschattungen (siehe Abb. 8) der Spongiosa der langen Röhrenknochen. Die Therapie ähnelt der Therapie der hypertrophen Osteodystrophie (siehe Artikel "Verletzungen an Pfote & Co."). Therapeutisch sind meist ein Futterwechsel und NSAID, sowie physiotherapeutische Maßnahmen und Ruhighaltung erfolgreich.

Sonstige Ursachen

Natürlich müssen bei Schmerzen im Ellenbogen auch etwaige andere Krankheitsbilder abgeklärt werden, z. B.:

  • Frakturen
  • Tumoren
  • stoffwechselbedingte Störungen
  • Skelettwachstumsstörungen
  • Entzündungen (autoimmun, infektiös etc.)
  • degenerative Störungen (Ellenbogendysplasie-Komplex)

Kann man dem Futter etwas zusetzen?

Sowohl für Patienten mit Gelenkerkrankungen als auch für den Sporthund sind natürlich der Muskelaufbau, also die ausreichende Versorgung mit hochwertigem Eiweiß, wichtig. Eine sinnvolle Ergänzung können darüber hinaus Antioxidantien und essenzielle Aminosäuren sein. Auch chondroprotektive (knorpelschützende) Stoffe wie Chondroitin, Glukosamine, undenaturiertes Kollagen Typ II oder Grünlippmuschelextrakte können einen signifikanten Einfluss auf den Gelenkstoffwechsel haben. Laut Studien müssen sich die Tierhalter hier allerdings auf eine Langzeitanwendung einstellen.

Die „gelenkfreundliche“ Ernährung

Bei allen Gelenkerkrankungen sollte im Rahmen der Therapie auch die Fütterung optimiert werden. Die ausreichende Aufnahme von Omega-3-Fettsäuren gilt als förderlich bei entzündlichen Prozessen. Daher ist bei der Auswahl des Futters sowohl der Anteil von Omega-3-Fettsäuren im Vergleich zu Omega-6-Fettsäuren sowie den Anteil ungesättigter und gesättigter Fettsäuren in der Ration wichtig.

Allgemein gilt, dass der Anteil von Omega-3-Fettsäuren zu Omega-6 ungefähr bei 2:1 bis 4:1 liegen soll. Eine ausreichend große Menge ist essenziell, denn nur bei einem Überschuss an Omega-3-Fettsäuren wird der Körper auch diese für die Bildung von entzündungshemmenden Botenstoffen heranziehen. Sollte die Ration einen höheren Anteil an gesättigten Fettsäuren haben, so werden vermehrt entzündungsfördernde Entzündungsparameter (Botenstoffe) produziert.

Über den  Autor

Dr. Erik Diez ist Tierarzt, Anicura Wahlstedt GmbH. Sein Fokus liegt auf Orthopädie und bildgebender Diagnostik. Er ist zurzeit in Weiterbildung zum Fachtierarzt für Kleintiere und forscht im Rahmen seines PhD im Bereich Praxismanagement und –ökonomie.

Kontakt zum Autor: Erik.diez@anicura.de, www.tierklinik-wahlstedt.de

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