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Therapie

Diagnose Diabetes mellitus bei Katzen: Was nun?

Ein reversibler Diabetes mellitus kann fünf bis sechs Wochen nach Therapiebeginn verschwinden. Voraussetzung ist eine frühzeitige und effektive Therapie.

Inhaltsverzeichnis

Von Dr. med. vet. Marion Robra

Eine fundierte Diabetestherapie basiert auf fünf Säulen. An erster Stelle steht das Absetzen möglicher diabetogener Medikamente (Glukokortikoide, Megestrolacetat). Als nächstes sollte eine rasche Umstellung des Futters und eine Änderung des Fütterungsmanagements erfolgen sowie ein Bewegungsplan erstellt werden. Katzen mit Diabetes mellitus sollten mehrmals täglich ein Nassfutter mit einem Proteingehalt > 45 % und einem Kohlehydratgehalt < 10 % erhalten. Dabei sind die Grundregeln einer Futterumstellung bei Katzen einzuhalten. Bei Übergewicht ist die Fütterung so anzupassen, dass eine Reduktion des Körpergewichts von 1 % pro Woche erreicht wird. Hilfreich ist zudem die Zufütterung der Aminosäure Arginin, da sie einen positiven Einfluss auf die Beta-Zellen hat. Bereits zweimal täglich 10–15 Minuten Bewegung fördert die Insulinsensitivität und unterstützt die Gewichtsreduktion, daher sollte in Zusammenarbeit mit dem Tierhalter ein Bewegungsplan erstellt werden.

An dritter Stelle steht die Diagnose und Therapie möglicher Grund- oder Begleiterkrankungen wie z. B. Harnwegsinfekte, Erkrankungen der Zähne und/oder der Maulhöhle, Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsenentzündung) Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion). Werden sie nicht erkannt und therapiert, erschweren sie die Einstellung des Blutzuckerspiegels durch Insulin. Im schlimmsten Fall führen sie zu einem Therapieversagen.

Die vierte Säule einer erfolgreichen Therapie ist die Insulintherapie. Das von der Katze nicht mehr ausreichend produzierte Insulin muss durch Zufuhr von außen ersetzt werden. Alle Insuline werden im Magen-Darm-Trakt zerstört und müssen daher als Injektion verabreicht werden. Zur Behandlung eines unkomplizierten Diabetes bei der Katze werden Langzeitinsuline eingesetzt. Langzeitinsuline sind Insuline, bei denen durch Austausch einer Aminosäure oder Anhängen einer Zinkgruppe ein verzögerter Abbau stattfindet. Sie zeichnen sich durch einen langsamen Wirkungsanstieg und einen langsamen Wirkungsverlauf aus, d. h. in der Regel reicht eine Injektion alle 12 Stunden aus, um den Blutzuckerspiegel ausreichend kontrollieren zu können.

Was? Wann? Wie? Wo?

Zum Einsatz bei der Katze stehen zwei für diese Tierart zugelassene Insuline zur Verfügung: Zum einen ein Zinkinsulin vom Schwein (Caninsulin® 40 IE/ml), zum anderen ein gentechnisch hergestelltes Human- Zinkinsulin (ProZinc® 40 IE/ml). Ein weiteres erfolgreich bei der Katze eingesetztes Insulin ist Glargine (Lantus® 100 IE/ml). Es stammt aus der Humanmedizin und darf daher erst bei ausbleibendem Therapieerfolg der beiden für die Katze zugelassenen Insuline angewendet („umgewidmet“) werden.

Allen Insulinen gemeinsam ist, dass sie durch Verdauungsenzyme zerstört werden. Daher müssen sie in der Regel zweimal täglich durch Injektion in das Unterhautfettgewebe (s. c.) verabreicht werden. Bevorzugte Körperstellen sind die Flanken, die seitliche Brustwand oder der Nacken. Die Injektion erfolgt während der Fütterung, da Katzen die Injektion auf diese Art gut tolerieren. Die Injektion sollte nur im Zusammenhang mit der Fütterung erfolgen, da bei Nahrungsverweigerung kein Insulin verabreicht werden darf, um eine lebensbedrohliche Hypoglykämie zu vermeiden.

Der Wirkstoffgehalt von Insulinen wird in internationalen Einheiten (IE) angegeben. Je nach Wirkstoffgehalt werden 100er Insuline (Lantus® 100 IE/ml) und 40er Insuline (Caninsulin® 40 IE/ml, ProZinc® 40 IE/ml) unterschieden. Zur Injektion werden spezielle Spritzen mit sehr feiner, kurzer, feststehender Nadel verwendet. Die Skalierung erfolgt in IE und häufig zusätzlich in ml. Entsprechend dem Wirkstoffgehalt der unterschiedlichen Insuline gibt es Insulinspritzen für Insuline mit 100 IE/ml und für Insuline mit 40 IE/ml (siehe Foto in der Bildergalerie). Die Anfangsdosis beträgt, abhängig von der verwendeten Insulinart, je nach Gewicht der Katze 0,25 IE bis 0,5 IE/Katze (Caninsulin®, Lantus®) bzw. 0,2 bis 0,4IE/kg KGW (ProZinc®) alle 12 Stunden. Langzeitinsuline sind nicht zur Therapie eines komplizierten Diabetes mellitus, d. h. eines Patienten in einer diabetischen Ketoazidose, geeignet, da sie einen verzögerten Wirkungseintritt haben. Die Verwendung von Langzeitinsulinen stellt bei diesen Patienten eine Kontraindikation dar.

Die fünfte Säule eines langfristig erfolgreichen Diabetes-Therapiekonzeptes bildet die langfristige Zusammenarbeit mit dem Tierhalter und die Langzeitkontrolle des Patienten. Auch bei Remission (Verschwinden) und erst recht bei Fortbestehen des Diabetes sollte auf eine lebenslange proteinreiche und kohlenhydratarme Fütterung geachtet werden. Besondere Aufmerksamkeit ist dem Gewicht zu schenken. Regelmäßige Gewichtskontrollen und strikte Einhaltung des Idealgewichts verringern das Risiko von Rückfällen oder Blutzuckerentgleisungen.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Therapieziel ist eine Remission des Diabetes bzw. – wenn dies nicht erreicht werden kann – eine Einstellung des Blutzuckerspiegels zwischen 80–250 mg/dl (4,4–14 mmol/l), d. h. dass alle Blutzuckerwerte eines Tages nicht unter 80 mg/dl (4,4 mmol/l) bzw. über 250 mg/dl (14 mmol/l) liegen sollen.

Blutzuckermessung

Zur Blutzuckermessung sind im Handel zahlreiche Geräte erhältlich. Bei der Katze sollten nur für diese Tierart geeichte Geräte verwendet werden, die mit möglichst geringen Blutmengen auskommen. Die Messung erfolgt aus Kapillarblut. Zu diesem Zweck wird mit einer Stechlanzette an geeigneter Stelle (Ohr, Pfote) ein Tropfen Blut erzeugt und mit dem Messstreifen des Blutzuckermessgerätes aufgenommen.

Blutzuckertagesprofil

Um eine optimale Blutzuckereinstellung zu erreichen, muss der Blutzuckerspiegel regelmäßig gemessen werden. Die über den Tag in Abständen von 2–3 Stunden erfolgte Blutzuckermessung mit anschließender Dokumentation wird als Blutzuckertagesprofil bezeichnet. Die erste Messung und die letzte Messung erfolgen jeweils vor Injektion des Insulins vor oder während der Fütterung. Der zu diesem Zeitpunkt gemessene Blutzucker wird als Nüchternblutzucker bezeichnet. Er sollte nicht höher als 250 mg/dl (14 mmol/l) liegen. Ein Blutzuckertagesprofil gibt auch Auskunft über den Zeitpunkt des maximalen Wirkungseintritts des verwendeten Insulins (tiefster Blutzuckerwert). Dieser Punkt wird als Nadir bezeichnet. Er sollte optimaler Weise genau zwischen zwei Insulingaben liegen und nicht weniger als 80 mg/dl (4,4 mmol/l) betragen (siehe Grafik in der Bildergalerie).

Katzen können stressbedingt sehr hohe Blutzuckerspiegel entwickeln, auch ohne dass sie an Diabetes erkrankt sind. Daher muss das Blutzuckertagesprofil zur Optimierung der Insulindosis in gewohnter häuslicher Umgebung durch den Tierbesitzer angefertigt werden. Die Messung muss alle 2–3 Stunden erfolgen, da sonst die Gefahr besteht, dass ein Absinken des Blutzuckers unter 80 mg/dl nicht erkannt und ein durch die Hypoglykämie ausgelöster nachfolgender Blutzuckeranstieg über 250 mg/dl (14 mmol/l) fehlgedeutet wird. Ohne das Wissen um die vorausgegangene Hypoglykämie würde die nachfolgende Hyperglykämie zu einer Erhöhung der Insulindosis verleiten. Die Erhöhung der Insulindosis ist bei Auftreten von hypoglykämischen Phasen kontraindiziert. Als Folge der Hypoglykämie müsste die Insulindosis gesenkt werden. Der starke Blutzuckeranstieg als Gegenregulation des Körpers auf eine Hypoglykämie wird als Somogyi-Effekt bezeichnet.

Die Anleitung des Besitzers: Gelernt ist gelernt oder Mut tut gut

Sowohl die zweimal tägliche Insulininjektion, wie auch die regelmäßige Blutzuckerkontrolle sind Aufgaben, die dem Tierhalter zufallen. In der Regel handelt es sich um medizinische Laien, denen meist schon der Anblick einer Spritze Unbehagen verursacht. Zunächst muss dem Besitzer in einfachen und verständlichen Worten das Krankheitsbild seiner Katze nahegebracht werden. Dazu ist ausreichend Zeit für ein Besitzergespräch einzuplanen. Im Gespräch sollte er die Möglichkeit erhalten, über seine Ängste und Sorgen zu sprechen. Außerdem sollte er ermutigt werden, die Therapie seiner Katze in die eigenen Hände zu nehmen. Der Therapieerfolg kann eine komplette Remission sein. Ein Ziel, das jedem Besitzer die Entscheidung für einen schnellen und effizienten Therapiebeginn erleichtert.

Anschließend sollte das zukünftige Fütterungsmanagement und insbesondere die Notwendigkeit einer Gewichtsreduktion bei adipösen (übergewichtigen) Patienten besprochen werden. Eine Futterumstellung kann bei Katzen ein schwieriges Unterfangen sein. Eine unzureichende Futteraufnahme kann bei Katzen zu einer schweren Entgleisung des Leberstoffwechsels führen. Oberstes Gebot jeglicher Futterumstellung muss sein, eine ausreichend hohe Kalorienaufnahme durch die Katze sicherzustellen. Am besten wird das neue Futter in einem gesonderten Napf parallel zu dem bisherigen Futter angeboten. Dann wird das bisherige Futter schrittweise reduziert, bis die vollständige Umstellung erfolgt ist.

Der nächste Schritt ist die Einweisung des Tierhalters in das Handling des Insulins und die Technik der Insulininjektion. Sowohl Caninsulin® wie auch Pro-Zinc® sind Suspensionen, die vor Gebrauch durch vorsichtiges Rollen zwischen den Handflächen aufgewirbelt werden müssen. Das Insulin darf dabei nicht geschüttelt werden, da es sonst zerstört werden kann. Insulin muss gekühlt gelagert werden und sollte nach Anbruch nicht länger als vom Hersteller angegeben verwendet werden. Beim Aufziehen ist unbedingt darauf zu achten, dass keine Luftblasen entstehen, da es sonst zu erheblichen Dosierungsfehlern kommt. Es bietet sich an, das Aufziehen der Insulinspritze und die Injektionstechnik mit physiologischer Kochsalzlösung (0,9 %iges NaCl) am Patienten oder an einem dafür geeigneten anderen Tier zu üben.

Zum Abschluss dieser Einweisung in die Insulintherapie müssen mit dem Besitzer die Anzeichen und Gefahren einer Unterzuckerung (Apathie, Taumeln, Krampfanfälle) besprochen werden. Dosisanpassungen sollten frühestens nach sieben Tagen und nur nach Rücksprache mit dem Tierarzt erfolgen. Bevor eine Dosisanpassung erfolgt, ist eine fehlerhafte Anwendung des Insulins durch den Besitzer sicher auszuschließen (siehe Tabelle in der Galerie). Die erste Nachkontrolle erfolgt nach einer Woche. Es werden eventuell auftretende Probleme besprochen, außerdem erhält der Besitzer zu diesem Zeitpunkt eine Anleitung zur Messung des Blutzuckers und zur Erstellung eines Blutzuckertagesprofils. Auch wenn der Patient gut eingestellt ist, sind regelmäßige lebenslange Kontrollen notwendig.

Auf einen Blick

Bausteine einer erfolgreichen Diabetes-Therapie

  • Katzen mit Diabtes mellitus brauchen eine proteinreiche, kohlenhydratarme Ernährung. Die Fütterung erfolgt mehrmals täglich. Übergewichtige Katzen sollten durch entsprechende Diät 1 % ihres Körpergewichts pro Woche verlieren. Bewegung steigert die Insulinsensitivität.

  • Parallel zum Therapiebeginn müssen mögliche weitere Erkrankungen diagnostiziert und therapiert werden, da sie den Behandlungserfolg gefährden.

  • Katzen mit Diabetes mellitus sind immer insulinpflichtig, d. h. das fehlende Insulin muss durch die subkutane Injektion von Insulin einer anderen Tierart oder von humanem Insulin ersetzt werden.

Blutzuckermessung und Blutzuckerkurve

  • Der Nadir ist der tiefste Punkt in einer Blutzuckerkurve, er entspricht dem maximalen Wirkungseintritt eines Insulins.

  • Der Nüchternblutzucker ist der vor einer Insulingabe und vor Fütterung gemessene Blutzucker.

  • Blutzuckermessungen in der Praxis sowie einmalige Messungen zuhause, sind nicht geeignet die für die jeweilige Katze notwendige Insulindosis zu ermitteln. Ein eventueller Somogyi-Effekt kann übersehen werden und zu einer kontraindizierten Erhöhung der Insulindosis führen.

Insulintherapie

  • Insulin wird zweimal täglich s. c. während der Fütterung verabreicht.

  • Bei Futterverweigerung darf kein Insulin verabreicht werden, da die Gefahr einer Hypoglykämie besteht.

  • Insuline dürfen nur mit der zum Wirkstoffgehalt des jeweiligen Insulins passenden Insulinspritze verwendet werden, da es sonst zu Fehldosierungen kommt.

  • Langzeitinsuline sind zur Therapie eines akuten komplizierten Diabetes mellitus kontraindiziert.

Stoffwechselerkrankung bei der Katze

Wie entsteht Diabetes mellitus?

Diabetes mellitus ist neben der Hyperthyreose die häufigste Stoffwechselerkrankung der Katze. Die Tendenz ist steigend.

Diabetes bei Katzen

Typische Symptome des Diabetes mellitus

Werden Symptome nicht erkannt, kann aus einem unkomplizierten ein komplizierter Diabetes und damit ein lebensbedrohlicher Notfall werden.

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Geriatrischer Patient

Prädiabetische Katzen rechtzeitig erkennen

Beim Gesundheits-Check älterer Katzen sollte routinemäßig ein Blutglukose-Screening auf dem Plan stehen, so empfiehlt es eine aktuelle Studie zu Prädiabetes.