Foto: De Hun´nenhoff

Tiere mit Handicap

Die Lebensfreude wieder ins Rollen bringen

Die Stiftung De Hun´nenhoff bietet Beratung für Tierhalter mit gelähmten Hunden an.

Inhaltsverzeichnis

Von Lisa-Marie Petersen

Dass sie mal 88 Hunden ein Zuhause bieten würde, hätte Humanmedizinerin Usha Peters wohl auch nie gedacht. Denn geplant war De Hun´nenhoff eigentlich nicht. Heute platzt der niedersächsische Hof zwischen Hannover und Hamburg aus allen Nähten, eine Aufnahme weiterer Hunde ist deshalb gerade leider nicht mehr möglich.

Den Zugang zu Vierbeinern mit Behinderung erhielt die Humangenetikerin über ihre erste Hündin Lia, die mit zwei amputierten Hinterbeinen zu ihr kam. Ein Todesurteil? Zum Glück nicht. Sie wurde mit einem Rollwagen versorgt und fegte laut Peters‘ Erinnerung „los wie ein Virtuose“ – Bewegung ist eben ein Lebenselixier. Sogar jagen wollte die Rolli-
Hündin noch. Sie wurde 14. „Es war einfach mit ihr“, erinnert Peters. Dann traf sie den Hundetrainer Tom Bode – beide hatten zu diesem Zeitpunkt drei Hunde. Über seinen Beruf kam der Trainer immer wieder mit den Haltern behinderter und gelähmter Hunde in Kontakt, die Hilfe suchten. „Wir zogen dann auf unseren Hof, um mehr Tiere aufnehmen zu können“, sagt Peters. Heute beherbergt das 47.000 Quadratmeter große Gelände auch 14 Katzen, zehn Pferde, sieben Schafe, Enten und Hühner. Das lässt sich natürlich nicht mehr alleine stemmen. „Wir haben ein ganz tolles Team von Angestellten und ehrenamtlichen Helfern, 29 an der Zahl“, so Peters. Jeder werde dabei langsam an die Arbeit mit den behinderten Hunden herangeführt, die Einarbeitung dauere so vier bis fünf Monate.

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Helfen helfen

Ziel der Stiftung ist es, Halter von Hunden mit Handicap beratend zur Seite zu stehen. „Die Leute können kommen, uns anrufen. Wir sind Mutmacher“, so Peters. Sie wollen aufklären, helfen. In Kooperation mit der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover fand bereits ein Seminar mit Tierarzt Oliver Harms statt, der Fachtierarzt für Chirurgie und Diplomate des American College of Sportsmedicine and Rehabilitation ist und das Paar bereits lange tierärztlich begleitet. „Herr Harms hat schon viele unserer Hunde betreut und gerettet“, erinnert Peters. Es sei ihr und Tom Bode wichtig, fundiertes Wissen weiterzugeben und auch Tierärzte zu ermutigen, die Diagnose Querschnittslähmung differenzierter zu betrachten. Insgesamt gehe es der Stiftung nicht darum, behinderte Tiere „auf Teufel komm raus“ am Leben zu halten. Dennoch sei ihnen wichtig, herauszustellen, dass eine Querschnittslähmung kein Todesurteil sein muss. „Das Motto der Stiftung lautet ‚helfen helfen!‘“, so Tom Bode. „Wir haben viel Erfahrung und wollen Besitzer gelähmter Hunde dabei unterstützen, diese Situation zu meistern und dem Tier eine Chance geben.“ Eine Tierärztin und eine Physiotherapeutin sind regelmäßig vor Ort, um den Zustand der Patienten zu beurteilen. Leid soll nicht verlängert werden. In vielen Fällen, so zeigt die Erfahrung der Gründer, lohne sich das Dranbleiben bei neurologischen Patienten jedoch absolut: „Unser 9-jähriger Rauhaardackel Hardy kam nach einem Bandscheibenvorfall wieder ins Laufen. Ebenso eine Hündin nach Autounfall.“ Manche Tierärzte gäben laut der Erfahrung von Peters und Bode zu schnell auf.

Gut beraten

Sowohl die Pflege als auch die Physiotherapie sind bei De Hun´nenhoff auf einem hohen Level: Neben einem Tierärztezimmer gebe es ein Unterwasserlaufband, Geräte zur Elektro- und Lasertherapie sowie zur Neurostimulation. Ebenso Fußbodenheizung und Klimaanlage. „Frau Peters und Herr Bode stecken da viel Herzblut rein“, sagt Harms, der weiß, welche Pflegeleistung die Versorgung gelähmter Hunde bedeutet. Schließlich müssten auch die Blasen mitunter manuell entleert und aufgepasst werden, dass sich die Tiere durch ihr reduziertes Schmerzempfinden nicht wund liegen. „Es gilt immer abzuschätzen, was vertretbar und ein lebenswertes Leben ist“, so Harms. Ein weiteres Problem von Menschen mit behinderten Hunden seien fehlende Möglichkeiten der zeitbegrenzten Unterbringung. „Aus diesem Grund bieten wir auch Pensionsplätze für Rollstuhlhunde an“, sagt Peters. Damit Besitzer, die sich die Mühe mit der Versorgung solcher Tiere machen, auch mal in den Urlaub können. Ebenso besteht die Möglichkeit, einen Rollwagen bei De Hun´nenhoff auszuleihen bzw. auszuprobieren oder anfertigen zu lassen. „Wir haben da gute Kontakte“, so Peters. Besitzer müssten mit Kosten von 400 Euro rechnen.

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Obwohl das ganze Projekt nach mehr als einem Fulltime-Job klingt, gehen Usha Peters und Tom Bode weiterhin ihren Berufen nach. „Natürlich haben wir auch hohe Kosten, die gestemmt werden müssen“, so Peters. Aus diesem Grund wurde aus dem Hof eine Stiftung, das spare ein paar Steuern und gebe die Möglichkeit, Spendenquittungen auszustellen. Spenden, auch Arzneimittel, seien immer willkommen. Ebenso werden Patenschaften für die Hunde gesucht. Wenn die Pandemie überstanden ist, können auch wieder Besucher kommen. Ebenso soll das Weiterbildungsprogramm für Laien, Hundephysiotherapeuten und Veterinäre wieder aufgenommen werden. Bis dahin dürfen Tierärzte ihre Patientenbesitzer gerne auf die Stiftung aufmerksam machen, falls diese Beratung benötigen oder sich engagieren wollen.

Weitere Informationen finden Sie hier.
 

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Über die Autorin

Als Tierärztin horcht Lisa-Marie Petersen gern am Ort des Geschehens nach: Was beschäftigt die Tiermedizin derzeit? Interessante Themen verarbeitet die Fachjournalistin dann in redaktionellen Beiträgen für Print- und Onlinemedien.

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