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Hunde erkunden ihre Umwelt immer mit der Nase voran, ohne Vortasten mit den Pfoten. Die Sicht im Schnauzenbereich ist beschränkt und trotzdem wird sich nicht gestoßen – dank der faszinierenden Funktion der Tasthaare.
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Hunde erkunden ihre Umwelt immer mit der Nase voran, ohne Vortasten mit den Pfoten. Die Sicht im Schnauzenbereich ist beschränkt und trotzdem wird sich nicht gestoßen – dank der faszinierenden Funktion der Tasthaare.

Tierschutz

Die Vibrissen des Hundes – ein wichtiges Sinnesorgan

Mittlerweile ist einiges über das Vibrissensystem des Hundes bekannt, es muss als funktionstüchtiges Sinnesorgan angesehen werden. Sie abzuschneiden oder wegzuzüchten bringt Probleme mit sich und ist tierschutzwidrig.

Von PD Dr. med. vet. Dorothea Döring und Prof. Dr. Dr. Michael H. Erhard

Wir Menschen verfügen nicht über dieses spezialisierte Tastsinnesorgan, das fast alle Säugetiere im Gesicht tragen: Vibrissen, auch Spürhaare, Tasthaare oder Sinushaare genannt. Daher können wir uns auch nicht vorstellen, wie es sich damit anfühlt und was man damit machen kann. Der Haushund ist das älteste Haustier des Menschen, viele Menschen leben eng mit ihrem Hund zusammen und haben ihn immer um sich. Und doch ist uns Menschen bisher entgangen, welche Bedeutung die Vibrissen beim Haushund haben und wozu sie benutzt werden.

Bei Hunden sind Vibrissen in ihrer tierarttypischen Anordnung bei allen Rassen verbreitet (siehe Abb. 1 und 2), bis auf wenige Ausnahmen wie bei manchen Nackthunden. Diese Haare sind sehr viel größer und dicker als Körperhaare und haben eine andere Anatomie des Haarfollikels, also der „Haarwurzel“ in der Haut (siehe Abb. 3): Anders als bei Körperhaaren enthält der Follikel beim Tasthaar große blutgefüllte Kammern (genannt Ringsinus und kavernöser Sinus) und eine Vielzahl spezialisierter Sinneszellen, sodass feine Berührungen des Tasthaares wahrgenommen werden können. Die Veterinär-Anatomieexperten sind sich einig, dass es sich um einen hochsensiblen mechanorezeptorischen Komplex handelt. Weitere Unterschiede zu den Körperhaaren: Tasthaare unterliegen nicht dem saisonalen Fellwechsel, sie werden bei der Embryonalentwicklung früher angelegt als das Fell und sie besitzen beim Hund eine „intrinsische“ Muskulatur. Das ist Skelettmuskulatur, die es dem Hund ermöglicht, seine Vibrissen aktiv zu bewegen.

Funktionen der Tasthaare beim Haushund

Hunde haben – bis auf seltene Ausnahmen (z. B. manche Nackthunde) – funktionstüchtige Vibrissen. Dass Hunde mit ihren Vibrissen fühlen können, lässt sich leicht beweisen: Man kann Hunde, auch Pudel und Pudelmischlinge, aufwecken, indem man ihre Vibrissen berührt. Das zeigen auch u. a. unsere Videos (siehe unten. Web-Wegweiser). Aber wozu brauchen Hunde ihre Vibrissen? Wieso sind diese trotz der Domestikation und Zuchtgeschichte so gut erhalten geblieben?

Wir sollten uns einmal in die Lebenssituation eines Hundes hineinversetzen: Ein Hund hat keine Hand zum Tasten, Greifen, Erkunden und Manipulieren von Objekten und Nahrung. Seine Schnauze erfüllt die Funktionen der menschlichen Hand. Der Hund kann jedoch nicht unter seine Schnauze blicken, seine Augen können nicht in der Nähe fokussieren, er hat auch keine so große Überlappung der beiden Gesichtsfelder wie der Mensch. Somit ist der Hund darauf angewiesen, mit der Schnauze und unter der Schnauze tasten zu können. Deswegen befinden sich hier an der Schnauze Vibrissen. Dass der Hund nicht unter seine Schnauze blicken kann, sondern darauf angewiesen ist, kleine Gegenstände unter seiner Schnauze zu ertasten, um sie gezielt mit dem Maul ergreifen zu können, muss nicht im Einzelnen mit Studien belegt werden, sondern ergibt sich aus den anatomischen Gegebenheiten (siehe Abb. 4).

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Abb. 4: Tasten im Bereich unter der Schnauze, den der Hund nicht überblicken kann
Foto: Dorothea Döring
Abb. 4: Tasten im Bereich unter der Schnauze, den der Hund nicht überblicken kann

Der Mensch kann sich im Dunkeln mit den Händen vorantasten und beim Laufen durch Gebüsch mit den Händen Äste fernhalten, um sein Gesicht zu schützen. Ein Hund geht immer mit dem Gesicht bzw. der Schnauze voran, auch durch Gestrüpp und auch im Dunkeln. Daher wirken die Vibrissen wie ein Abstandshalter bzw. wie „Antennen“, die das Gesicht (die Nase, Augen usw.) schützen. Die Schutzfunktion der Vibrissen für die Augen ist mittlerweile zweifelsfrei belegt: Die Berührung der Vibrissen über dem Auge und der Vibrissen seitlich an der Schnauze (auch „mystaziale“ Vibrissen genannt) bewirkt reflektorisches Zwinkern mit den Augen. Dies haben wir mittels Videos belegen können und das kann man auch bei jedem Hund ausprobieren.

Vermutlich dienen die Vibrissen auch als „Abstandshalter“ beim Verfolgen von Duftspuren. Wenn ein Hund eine Spur am Boden mit der Nase verfolgt, „schwebt“ die Schnauze knapp über dem Boden. Hier helfen offenbar die Vibrissen, einen geeigneten Abstand zum Boden zu wahren und damit zu verhindern, dass sich der Hund Nase oder Lippen an Steinen oder Bodenunebenheiten stößt.

Dem Hund zieht ein guter Geruch in die Nase. Wie kann der Hund feststellen, aus welcher Richtung die Duftmoleküle kommen? Auch hier kommen offenbar die Vibrissen mit ins Spiel. Denn mit ihrer Hilfe kann ein Hund feststellen, aus welcher Richtung ein Luftzug bzw. der Wind kommt. In Laborexperimenten von Yu und Mitarbeitern aus dem Jahr 2016 wurde bei Ratten nachgewiesen, dass sie die Richtung eines Luftzugs mithilfe ihrer Vibrissen detektieren können. Wurden ihnen die Vibrissen abgeschnitten, waren sie dazu nicht mehr so gut in der Lage. Und bereits vor neunzig Jahren zeigte Schmidberger in seinen Experimenten an blind gemachten Katzen, dass diese ihre Vibrissen brauchen, um Futter oder auch eine tote Maus zu lokalisieren. Der Geruch alleine reichte den Katzen zum Auffinden nicht aus, obwohl die Objekte offen und einfach zugänglich präsentiert wurden.

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Des Weiteren ist plausibel, dass die Vibrissen Hunden beim Schwimmen helfen. So können Hunde damit fühlen, wo die Wasseroberfläche ist, damit sie einschätzen können, wie hoch sie die Nase über das Wasser halten müssen. Eigentlich sehr praktisch! Vermutlich gibt es noch einige weitere Funktionen der Vibrissen, die wir bisher noch nicht kennen. Aber auch wenn wir Menschen noch nicht alle Funktionen der Hundevibrissen wissenschaftlich nachgewiesen haben und durchschauen, ist unbestritten:

  1. Vibrissen einschließlich ihrer Follikel sind beim Hund grundsätzlich funktionstüchtig ausgebildet. Anatomisch/histologisch gibt es keinen Hinweis darauf, dass sie weniger ausgebildet oder weniger funktionstüchtig wären als bei der Katze.
  2. Die Vibrissen besitzen beim Hund eine Schutzfunktion (reflektorisches Augenzwinkern, Wahrnehmung von Hindernissen).
  3. Die Vibrissen dienen dem Tasten im Bereich unter der Schnauze, der für den Hund mit den Augen nicht überblickbar ist.
  4. Weitere Funktionen sind plausibel.

Darf man die Vibrissen abrasieren oder abschneiden?

Es besteht kein Zweifel: Anatomisch-physiologisch ist belegt, dass das Tasthaar Teil eines funktionstüchtigen Sinnesorgans ist und sich insbesondere in Bezug auf den Aufbau des Haarfollikels deutlich vom Körperfell des Haushundes unterscheidet. Die Entfernung des Tasthaares führt zu einem (vorübergehenden) Funktionsverlust dieses Sinnesorgans. Daher stellt das Abschneiden der Vibrissen keine pflegerische Maßnahme im Sinne von „Frisieren“, sondern eine vorübergehende Amputation dar, die dem Tierschutzgesetz widerspricht. Dem Tier entsteht durch das Untauglichmachen eines Sinnesorgans ein zeitlich begrenzter, aber nicht unerheblicher Körperschaden. In Österreich gibt es dazu bereits ein Gerichtsurteil (Landesverwaltungsgericht Steiermark, LVwG 30.9-60/2021-37 vom 16.03.2022).

Was können Sie tun?

Wenn Sie geschorene Gesichter bei Ihren Hundepatienten sehen, sprechen Sie bitte freundlich und einfühlsam Ihre Klienten auf die Problematik an. Bisher wurde den Vibrissen kaum Aufmerksamkeit geschenkt und es entsprach der modischen Vorstellung der letzten Jahrzehnte, z. B. Großpudeln die Gesichter kahl zu scheren (siehe Abb. 5 und 6). Früher war dies nicht so, traditionell haben Pudel einen „Schnurrbart“ getragen, wie die FCI (Fédération Cynologique Internationale) für die Löwenschur und die moderne Schur auch heute noch in ihren Rassestandards fordert. Wer seinem Hund die Tasthaare abschneidet oder abschneiden lässt, ist sich bisher nicht bewusst, dass er etwas Tierschutzwidriges tut. Hier ist es wichtig, dass Sie Überzeugungsarbeit leisten! Wir freuen uns über Ihre Unterstützung!

Wachsen Vibrissen nach, wenn man sie ausreißt oder abschneidet?

Ja, die Vibrissen wachsen nach. Vibrissen können auch im Alltag abbrechen. Sie werden regelmäßig auf natürliche Weise erneuert. Interessant ist, dass eine Vibrisse erst ausfällt, wenn eine andere aus demselben Haarfollikel hochgewachsen ist, d. h. wenn sie etwa die Hälfte bis ein Dreiviertel der zukünftigen Länge erreicht hat. Das nennt man „Erneuern unter Funktionserhalt“: Der Körper trennt sich erst von einer Vibrisse, wenn Nachschub da ist. Dieses interessante Detail zeigt, dass die Vibrissen für den Körper wichtig sind.

Hat der Hund Gefühl in den Tasthaaren?

Nein, in den Tasthaaren selbst sind keine Nervenzellen vorhanden. Schneidet man eine Vibrisse ab, tut das dem Hund daher nicht weh. Aber in der Haarwurzel sitzen sehr viele empfindliche Nervenzellen. Das Herausreißen einer Vibrisse würde dem Hund wehtun.

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Kann der Hund auch ohne Vibrissen tasten, z. B. wenn man ihm die Schnauze kahl rasiert?

Das Tasthaar ist essenzieller Teil dieses spezialisierten Sinnesorgans. Fehlt das Tasthaar, können auch keine Berührungsreize aufgenommen und an die vielfältigen Sinneszellen im Tasthaarfollikel weitergeleitet werden. Natürlich kann der Hund auch über Sinneszellen in der Haut, z. B. mit den Lippen, tasten. Aber diese Tastmöglichkeiten sind zum einen nicht so hochspezialisiert wie die Tasthaare/-follikel. Zum anderen ist zu bedenken: Ist die Hundeschnauze kahl rasiert, fehlt auch das schützende Fell. Muss der Hund mit der Haut an den Lippen tasten, ist die Haut dabei schutzlos den Reizen ausgesetzt. Das wäre so ähnlich, wie wenn wir Menschen mit bloßer Hand einen Dornenbusch, eine heiße Herdplatte usw. anfassen müssten. Wir würden da auch lieber einen schützenden Handschuh anziehen. Die anatomischen Gegebenheiten Fell und Tasthaare bieten dem Hund eine optimale Tastmöglichkeit unter Schutz von Haut, Lippen, Schnauze und Gesicht. Und die Länge der Tasthaare ermöglicht ein Erkennen von Objekten auf Distanz, um noch rechtzeitig reagieren und sich schützen zu können.

Auf der Homepage des Lehrstuhls für Tierschutz, Verhaltenskunde, Tierhygiene und Tierhaltung der LMU finden Sie einen Erklärfilm mit Videobelegen, unser Gutachten und weitere Informationen.

Kontakt zu den Autoren:

PD Dr. Dorothea Döring, Prof. Dr. Dr. M. H. Erhard; Lehrstuhl für Tierschutz, Verhaltenskunde, Tierhygiene und Tierhaltung Veterinärwissenschaftliches Department; Ludwig-Maximilians-Universität München; Veterinärstr. 13/R; 80539 München; d.doering@lmu.de

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