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Diarrhoe beim Hund

Durchfall: Wenn das Chaos regiert

Der Verdauungsvorgang ist komplex und störungsanfällig. Dementsprechend sind die Ursachen für Diarrhoe beim Hund vielfältig und müssen nicht zwangsweise im Magen-Darm-Trakt lokalisiert sein.

Inhaltsverzeichnis

Von Dr. med. vet. Marion Robra

Damit am Ende der Verdauung ein gut geformtes Häufchen auf der Wiese landet, müssen die einzelnen „Mitglieder“ des Verdauungstrakts ihre Arbeit sorgfältig und gut aufeinander abgestimmt verrichten. Wie in einem Orchester bestimmt der Dirigent, in diesem Fall die Darmperistaltik, das Tempo und den Weg. Der Nahrungsbrei wird mithilfe ihrer gerichteten, regelmäßigen Kontraktionen durch den Magen-Darm-Trakt bewegt. Auf seinem Weg werden die in ihm enthaltenen Nährstoffe abgebaut und über die Darmzotten zur weiteren Verwertung in die Blutbahn aufgenommen. Ebenso werden Elektrolyte und Wasser resorbiert. Die unverdaulichen Nahrungsbestandteile und z. B. über die Galle in den Darm abgegebene Stoffwechselendprodukte werden im Rektum gesammelt und als nährstoffarmer, eingedickter, geformter Kot ausgeschieden.

Jede Veränderung der Passageschwindigkeit und der Zusammensetzung des Nahrungsbreis, der Resorptionsfähigkeit der Darmzotten und der Zusammensetzung der Darmflora hat Einfluss auf die Kotbeschaffenheit und kann zu Durchfall (Diarrhoe) führen. Mit anderen Worten: Sind sich Dirigent und die einzelnen Orchestermitglieder nicht einig und stimmen sie sich nicht miteinander ab, wird das Endprodukt der gemeinsamen Arbeit nicht optimal gelingen. Die Kotbeschaffenheit wird zunehmend flüssiger, die Kotabsatzfrequenz kann zunehmen, die Kontrolle über den Kotabsatz kann verloren gehen und es können Beimengungen von Schleim oder Blut auftreten.

Abhängig von der Dauer der Erkrankung wird zwischen einer akuten und einer chronischen Diarrhoe, bei der die Symptome länger als drei Wochen bestehen, unterschieden.

Bei der chronischen Diarrhoe werden maldigestive, deren Ursache in einer unzureichenden Verdauung der Nahrungsbestandteile liegt, von malabsorptiven Formen, bei denen die Resorption gestört ist, unterschieden.

Doch nicht immer liegt das Problem dort, wo man es vermutet: Auch wenn es naheliegt, den Übeltäter am Ort des Geschehens, also im Magen-Darm-Trakt (intestinal), zu vermuten, kann die Ursache für eine Diarrhoe dort liegen, muss es aber nicht. Daher werden Erkrankungen mit primär gastrointestinaler Ursache von Erkrankungen, deren Ursache außerhalb des Magendarmtraktes (extraintestinal) liegt, unterschieden.

Primär gastrointestinale Ursachen der Diarrhoe

Je nach auslösender Ursache werden folgende Formen der primären gastrointestinalen Diarrhoe unterschieden:

Diätetische Diarrhoe – der Hund ist, was er isst

Die diätetische Diarrhoe wird durch das Futter hervorgerufen. Sie ist die mit Abstand am häufigsten auftretende Form der Diarrhoe. Plötzliche Futterumstellung, ungewohntes, ungeeignetes Futter und zu große Futtermengen führen zu einer Überlastung des Verdauungstraktes und damit zu Durchfall.

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Das Mikrobiom („Magen-Darm-Flora“) des Darms passt sich der Nahrungszusammensetzung an, eine plötzliche Futterumstellung kann bei Jungtieren und empfindlichen Patienten zu massiven Störungen der individuellen Bakterienbesiedlung des Darms und einer Überwucherung mit unerwünschten Darmbakterien und nachfolgend zu Diarrhoe führen.

Zu große Futtermengen pro Mahlzeit oder sehr fettreiche Nahrung führen dazu, dass die Nahrung nicht ausreichend aufgeschlossen wird, bevor sie weitertransportiert wird. Unverdaute Nahrungsbestandteile gelangen in Darmabschnitte, die nicht zur Verdauung geeignet sind und verhindern durch ihre osmotischen Anziehungskräfte die ausreichende Rückresorption von Wasser. Der Kot wird ungenügend eingedickt und bleibt flüssig. Ein Phänomen, das nicht selten bei sehr großen Hunderassen, wie z. B. Doggen, zu beobachten ist. In Relation zu ihrer Körpergröße ist der Magen-Darm-Trakt bei diesen Rassen ungewöhnlich kurz und sie benötigen ein hochwertiges leicht verdauliches Futter mit hoher Energiedichte, um die Nahrung ausreichend verdauen zu können.

Ebenfalls zur diätetischen Diarrhoe gehören die sogenannte Futtermittel-Unverträglichkeit (-Intoleranz) und die Futtermittel-Allergie. Bei dieser Form der Diarrhoe reagiert der Magen-Darm-Trakt mit einer Entzündung auf bestimmte Nahrungsbestandteile. Es kommt zu einer Zerstörung der Darmzotten und damit zur Abnahme der zur Resorption stehenden Oberfläche. In der Regel handelt es sich bei diesen Nahrungsbestandteilen um Eiweiße, die sowohl tierischer wie auch pflanzlicher Herkunft sein können. Für den Irischen Setter ist eine familiäre Häufung einer Glutenunverträglichkeit beschrieben. Auch bei anderen Rassen, wie z. B. dem Labrador Retriever oder der französischen Bulldogge, scheint eine genetische Veranlagung für Futtermittelallergien zu bestehen.

Eine Sonderform der diätetischen Diarrhoe ist die durch die Aufnahme von Giftstoffen (Toxinen) oder Medikamenten ausgelöste Diarrhoe. Die Diarrhoe kann dabei die direkte Folge einer Darmwandschädigung, einer Schädigung der Darmflora z. B. durch die Gabe von Antibiotika, oder einer durch Toxine oder pharmakologisch wirksame Substanzen erhöhten Darmperistaltik sein.

Infektiös bedingte Diarrhoe – wenn Fiffi jemanden mitbringt

Jungtiere/Welpen leiden häufiger unter einer parasitären Diarrhoe. Vermehrer, die jeden Cent sparen, Züchter die aus ideologischen Gründen Entwurmungen ablehnen und ein mangelndes Wissen um Übertragungswege und Vermehrung von Parasiten führen dazu, dass viele Welpen unerwünschte Mitbewohner beherbergen, wenn sie in ihr neues Zuhause einziehen. Spul- und Hakenwürmer sowie eine Infektion mit Protozoen wie z. B. Giardien, schädigen die Darmwand, stören das Mikrobiom und beeinträchtigen damit die Resorptionsfähigkeit des Darms.

Auch andere infektiöse Ursachen wie z. B. Infektionen mit Viren wie Parvo-, Corona-, Rota-, oder Staupeviren treten vorrangig bei Jungtieren auf. Ausgewachsene Tiere erkranken seltener und meist nur, wenn kein oder kein ausreichender Impfschutz vorhanden ist. Es kommt zu einer Virusvermehrung in den Darmepithelzellen, die dabei zerstört und damit funktionsunfähig werden.

Bei Patienten, die Zugang zu rohem Fleisch, ungekochten Innereien, Eiern, Rohmilch oder Aas haben, muss unbedingt an Infektionen mit bakteriellen Krankheitserregern wie z. B. Salmonellen, Colibakterien, Campylobacter jejuni, Yersinia enterocolitica und Clostridium perfringens gedacht werden.

Einige dieser Bakterien können Toxine bilden, die die Darmperistaltik erhöhen und zu einer vermehrten Sekretion und damit ebenfalls zu Durchfall führen.

Sonstige Ursachen

Ältere Patienten mit länger bestehendem Durchfall können einen Tumor der Darmwand und dadurch eine tumorös bedingte (neoplastische) Diarrhoe haben.

Bei jungen Patienten mit einer vorausgegangenen Durchfallerkrankung muss an eine Einstülpung des Darms (Invagination) als Ursache einer therapieresistenten Diarrhoe gedacht werden. Beides sind Gründe, Patienten mit Durchfällen, die schon länger bestehen und für die sich keine anderen Ursachen finden lassen, durch Bildgebung abzuklären.

Weitere primäre gastrointestinale Ursachen einer Diarrhoe sind intestinale Lymphangiektasien, dabei handelt es sich um eine genetisch bedingte angeborene (Norwegischer Lundehund) oder zum Beispiel im Rahmen einer Leberzirrhose erworbene Missbildung der Lymphgefäße der Darmschleimhaut. Darüber hinaus gibt es zahlreiche entzündliche Darmerkrankungen wie z. B. die ARE (Antibiotikaresponsive Enteropathie), die ulzerative Kolitis des Boxers und der französischen Bulldoggen sowie die Inflamma-
tory Bowl Disease (IBD), die mit chronischer Diarrhoe einhergehen.

Eine Sonderform ist das akute hämorrhagische Diarrhoesyndrom (AHDS), welches als akuter schwerer blutiger Durchfall auftritt, dessen Ursache allerdings noch nicht hinreichend geklärt ist.

Extraintestinale Ursachen einer Diarrhoe

Nicht jede Diarrhoe hat ihre Ursache in einer Erkrankung des Darmes selbst. Auch Erkrankungen anderer Organe können die Darmfunktion stören und die Kotkonsistenz beeinflussen. Bei einer exokrinen Pankreasinsuffizienz (EPI) erkrankt der für die Produktion von Verdauungsenzymen zuständige Anteil des Pankreas. Durch die fehlenden Enzyme kann die Nahrung (insbesondere die Fette im Dünndarm) nicht mehr ausreichend aufgeschlossen werden. Es kommt zum Absatz großer, breiiger, fetthaltiger Kotmengen.

Eine beim jungen Hund häufig unterdiagnostizierte Erkrankung ist der sogenannte Hypoadrenokortizismus. Im Laufe dieser Erkrankung kommt es zu einer Zerstörung der Nebennierenrinde und in Folge dessen zu einem Mangel der Hormone Aldosteron und Cortisol. Betroffene Patienten zeigen häufig wiederkehrende Diarrhoe und können als akut schwer kranke Patienten mit blutigem Durchfall vorgestellt werden. Störungen des Stoffwechsels, wie sie bei einem Leberversagen oder im Endstadium eines Nierenversagens auftreten, gehen ebenfalls mit Diarrhoe einher.

Weiterhin kann eine Diarrhoe im Zusammenhang mit einer Sepsis als Ausdruck eines Zusammenbruchs des Immunsystems auftreten. So werden auch Patienten mit einer schweren bakteriellen Parodontitis oder einer Gebärmutterentzündung (Pyometra) nicht selten wegen einer Diarrhoe beim Tierarzt vorgestellt.

Über die Autorin

Dr. med. vet. Marion Robra ist auf innere Medizin und Zahlheilkunde spezialisiert und praktiziert in eigener Kleintierpraxis in Barsinghausen bei Hannover.

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