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Wildtierfindlinge

Eichhörnchen in der Tierarztpraxis

Eichhörnchen gehören zu den häufigsten Wildtieren in der Tierarztpraxis. Unser Beitrag nennt die gängigsten Vorstellungsgründe sowie die Besonderheiten dieser Tiere.

Inhaltsverzeichnis

Von Dr. med. vet. Annette Kaiser

In Deutschland und Österreich ist ausschließlich das Europäische Eichhörnchen (Sciurus vulgaris) beheimatet. Es kommt in verschiedenen Farbschlägen von Rot über Braun bis hin zu Grau-Schwarz vor (siehe Abb. 1). Tiere der letztgenannten Färbung werden daher häufig mit dem Grauhörnchen (Sciurus carolinensis) verwechselt und als invasive Art verunglimpft, was nicht zutreffend ist.

Neben verletzten Tieren werden in der Tierarztpraxis häufig Jungtiere nach einem Sturz aus dem Nest vorgestellt. Hier ist eine zuverlässige Altersbestimmung essenziell für die weitere Versorgung der Tiere (siehe Tabelle im Anhang). Jungtiere können mit Jungtieren anderer Nager wie z. B. Siebenschläfern, Haselmäusen, Wildratten oder auch mit anderen Kleinsäugern wie Mardern verwechselt werden.

Bei Vorstellung eines Eichhörnchens in der Praxis erfolgt nach einer Altersbestimmung eine Einschätzung des Gesamtzustands und der Schwere etwaiger Verletzungen. Unverletzte Jungtiere sollten nach einer Erstversorgung in eine geeignete Auffangstation zur Aufzucht gegeben werden, da es bei Einzelaufzuchten zu Fehlprägungen kommen kann (siehe Abb. 2). Bei adulten Tieren entscheidet die Schwere der Verletzung über das weitere Vorgehen. Bei massiven Traumata, Frakturen oder fortgeschrittenen internistischen Erkrankungen bleibt häufig nur die Euthanasie, da erwachsene Tiere kaum – auch nicht für die Dauer einer nötigen Rekonvaleszenz – in Gefangenschaft gehalten werden können. Werden verletzte adulte weibliche Tiere in Laktation aufgefunden, sollte in der Umgebung nach dem Nest gesucht werden.

Aufzucht von Jungtieren

Jungtiere bis zur fünften Woche erhalten ausschließlich Milch. Bewährt haben sich Welpen- oder Kittenmilch von Royal Canin oder Gimpet oder ein Milchaustauscher für Ziegen. Ab der sechsten Lebenswoche kann erste feste Nahrung in Form von geschälten Sonnenblumenkernen und Nüssen, Gemüse oder Zwieback aufgenommen werden. Eichhörnchen sind erst ab der zehnten Lebenswoche in der Lage, Nüsse zu knacken oder Zapfen zu öffnen. Eine Auswilderung der Tiere ist frühestens ab einem Alter von 14 Wochen schrittweise über eine Auswilderungsvoliere möglich. Wichtig ist, dass die Tiere noch eine Weile Zugang zu Futter- und Schlafplätzen haben (siehe Abb. 3), da sie auch in freier Wildbahn erst mit einem halben Jahr eigene Kobel bauen können.

Medikamentenanwendung

Es gibt in der einschlägigen Literatur keinerlei Dosierungsempfehlungen für Hörnchen. Auch entsprechende Studien fehlen. Aufgrund der Verwandtschaft zu Präriehunden kann man sich für manche Medikamente an der amerikanischen Literatur orientieren. Ansonsten handelt es sich um rein empirische Anwendungen und Dosierungen, die sich über Jahre bewährt haben. Da es auch keine zugelassenen Medikamente auf dem Markt gibt, muss jedes Präparat entsprechend des Tierarzneimittelkontrollgesetzes (TAKG) „umgewidmet“ werden. Für die Abgabe von Medikamenten an Pflegestellen und Aufzuchtstationen gelten die Regeln der aktuellen TÄHAV.

Eine Zusammenstellung von Medikamenten, die erfahrungsgemäß wirksam sind und angewendet werden können, ist unter www.eichhoernchen-schutz.de/medikamentenliste/ zu finden.

Erstversorgung

Eichhörnchen weisen wie alle Wildtiere stets einen mehr oder minder schweren Befall mit Ektoparasiten auf. Flöhe und Zecken sowie Fliegeneier und -maden sollten in jedem Fall abgesammelt werden. Der Einsatz von Antiparasitika kann vor allem bei jungen und/oder geschwächten Tieren zum Tod führen und sollte daher nur Ausnahmefällen vorbehalten sein. Ein solcher Fall stellt z. B. ein massiver Befall mit Läusen dar (siehe Abb. 4), die durch den schweren Blutverlust zum Tod des Wirts führen können und aufgrund der Vielzahl und Größe manuell kaum entfernbar sind. Hier kann bei Jungtieren ein decansäurehaltiges Präparat (PetVital® Verminex) in kleinen Mengen verwendet werden (z. B. je ein Tropfen in die Achselbeugen und Leisten). Bei Tieren über sechs Wochen kann auch Selamectin in dem Gewicht angepasster Dosierung verwendet werden.

Unterkühlte Tiere müssen vor jeglicher Behandlung aufgewärmt werden. Bei Säuglingen eignet sich dafür zunächst durchaus auch die Körperwärme des Finders. Ansonsten können Wärmequellen wie warme Handschuhe/Wärmflaschen, Heizmatten, Snuggle­Safe® etc. verwendet werden. Wichtig ist jedoch, die Tiere niemals direkt auf die Wärmequelle zu legen und diese maximal auf Körperwärme aufzuheizen.

Ausgetrocknete Tiere können sowohl über subkutane Infusionen von warmer Vollelektrolytlösung – gegebenenfalls mit Glukose – als auch oral rehydriert werden. Es eignen sich jegliche Zucker- oder Elektro­lytlösungen. In der Praxis bewährt hat sich mit sehr guter Akzeptanz Oralpädon® Apfel-Banane. In keinem Fall sollten Kuh- oder Kondensmilch verabreicht werden.

Zur analgetischen Erstversorgung eigenen sich Meloxicam (orale Lösung für Katzen, 1–2 Tropfen pro Tier) oder Novalgin® 50 mg/kg, oral oder subkutan.

Eine Wundversorgung erfolgt analog der Regeln der Wundversorgung bei anderen Kleintieren mit primärem Wundverschluss, wo dieser möglich ist, ansonsten mit aggressivem Debridement von infizierten Wunden und anschließender lokaler Behandlung. Tiere, die Fellverschmutzungen oder Verätzungen aufweisen, müssen je nach Substanz vorsichtig gereinigt werden. Besonders gefährlich ist Bauschaum, mit dem Hohlräume verschlossen werden, aus denen sich dann Tiere noch im letzten Moment retten (siehe Abb. 5). Er verursacht neben großflächigen Verklebungen des Fells auch tiefe Verätzungen der Haut und der Augen. Noch nackte Säuglinge können Verätzungen durch Ameisensäure davontragen, wenn sie in einem Ameisenhügel gelandet sind.

Bei der Erstuntersuchung sollte auch ein Blick auf die Inzisivi geworfen werden. Meist als Folge von Stürzen im jungen Alter können sich Zahnfehlstellungen entwickeln. Die Tiere können oft erstaunlich lange Zeit in der freien Wildbahn überleben und werden in entkräftetem Zustand gefunden (siehe Abb. 6). Adulte Tiere mit entsprechenden Problemen müssen umgehend euthanasiert werden. Dagegen können Handaufzuchten, die eine bleibende Zahnfehlstellung entwickeln, durchaus lebenslang in artgerecht eingerichteten Volieren bei fachkundiger Betreuung gehalten werden. Sie müssen in regelmäßigen Abständen eingefangen werden, um die Zähne zu korrigieren.

Grundsätzlich gilt, dass auch auf den ersten Blick schwerwiegende Verletzungen wie Wirbelfrakturen, offene Frakturen oder Frakturen mit Gelenkbeteiligung bei Jungtieren oft zu einer guten Funktionalität ausheilen können. Ein Therapieversuch lohnt sich hier fast immer, wohingegen adulte Tiere nur für sehr kurze Zeit (einige Tage) in Gefangenschaft gehalten und therapiert werden können und sollten. Alle dann nicht reversiblen Einschränkungen sind Gründe für eine Euthanasie. Um eine vernünftige Entscheidungsgrundlage für das weitere Vorgehen zu haben, sollte die Anfertigung von aussagekräftigen Röntgenbildern, gegebenenfalls in Sedation (Diazepam) oder in einer kurzen Inhalationsnarkose, als einer der ersten Schritte nach der Stabilisierung durchgeführt werden.

Verletzte Tiere

Adulte Tiere in Notsituationen, z. B. gefangen in einem Katzennetz oder feststeckend, profitieren von einer Sedation vor der Befreiung. Eine zuverlässige und in der Regel risikoarme Sedation kann mit Diazepam erfolgen (1–2 Tropfen oral je nach Größe des Tiers bzw. 0,05 bis 0,1 ml s. c./i. m.). Diese kann auch bei Röntgenuntersuchungen oder Verbandswechseln hilfreich sein.

Jungtiere werden oft nach Stürzen aus dem Nest, auch nach Baumfällarbeiten oder nach ersten Kletterversuchen in ungeeigneter Umgebung, z. B. an Häusern, aufgefunden (siehe Abb. 7). Am häufigsten finden sich nach Stürzen Schädel-Hirn-Traumata mit Bewusstseinstrübung und häufig Nasenbluten, Frakturen der Inzisivi oder des Kiefers sowie Frakturen der Gliedmaßen oder der Wirbelsäule. Analog zu verunfallten Haustieren sollten die Patienten zunächst mit Infusion stabilisiert und analgetisch abgedeckt sowie gegebenenfalls aufgewärmt werden. Bei frisch verunfallten Tieren mit Schädel-Hirn-Trauma kann ein kurzwirksames Kortison verabreicht werden.

Beutegreifer wie Katzen und Krähen können junger, unerfahrener Tiere habhaft werden. Katzenbisse sind, analog zu allen anderen Tierarten, in jedem Fall lokal zu versorgen und mit systemischer Antibiose abzudecken, auch wenn es sich nur um kleine sichtbare Verletzungen handelt. Krähen holen die Jungtiere oft aus den Nestern und picken dabei gezielt im Bereich des Schädels oder der Augen, was teils tiefe, perforierende Verletzungen in die Nasen- oder Schädelhöhle nach sich ziehen kann.

Eichhörnchen neigen nach Verletzungen zur Ausbildung von Abszessen. Diese können lokal im Bereich der Wunde, im Bereich des Kiefers als Folge von Zahnproblemen oder über hämatogene Streuung auch in Gelenken oder Körperhöhlen, auftreten. Eine aggressive lokale Behandlung in Verbindung mit systemischer Antibiose und Analgesie ist in der Regel erfolgversprechend. Eine Ausnahme bilden hier leider Abszesse im Kieferbereich, die häufig nicht ausgeheilt werden können.

Frakturen der langen Röhrenknochen bei Jungtieren heilen häufig auch konservativ, gegebenenfalls mit externer Schienung im Bereich der distalen Gliedmaßen, zufriedenstellend aus (siehe Abb. 8 und 9). Gegebenenfalls muss eine stark dislozierte Fraktur durch einen Pin oder einen Marknagel reponiert werden. Aufwendige Osteosynthesen sind selten nötig.

Bei erwachsenen Tieren ist eine Gefangenschaft für die Dauer der Knochenheilung, unter Umständen mit regelmäßigen Verbandswechseln, mit teils unverhältnismäßigem Stress für die Tiere verbunden. Eine Euthanasie sollte in diesem Fall daher immer in Erwägung gezogen werden. Sollte eine Gliedmaßenamputation nötig werden, ist eine Auswilderung nicht zu empfehlen, keinesfalls nach Amputation einer Vordergliedmaße.

Verletzungen der inneren Organe kommen nach Unfällen ebenfalls vor. Lungenkontusionen oder Pneumothorax sowie ein Uroabdomen nach Ruptur im Bereich der Harnwege sind häufig. Tiere mit Verletzungen der Wirbelsäule haben zudem mitunter Probleme beim Urinabsatz, die durch begleitende Harnwegsinfekte nochmals verkompliziert werden können. Der Harnabsatz muss so lange manuell und medikamentös unterstützt werden, bis er wieder eigenständig möglich ist.

Ebenfalls häufig sind Augenverletzungen. Im schlimmsten Fall muss der Bulbus entfernt werden, wenn erhaltende Maßnahmen, z. B. mithilfe einer temporären Tarsorrhaphie (siehe Abb. 10), nicht zum Erfolg führen. Einäugige, sonst gesunde Tiere können ausgewildert werden.

Die häufigste internistische Erkrankung, mit denen (adulte) Eichhörnchen vorgestellt werden, ist Durchfall. Neben Parasitenbefall (sehr häufig Kokzidien und Kryptosporidien) häufen sich in Süddeutschland in den letzten Jahren Adenoviren-Infektionen. Betroffene Tiere sind, wenn sie eingefangen werden können, meist so schwer erkrankt, dass eine Rettung nicht mehr möglich ist. Kryptosporidien stellen vor allem in Volieren und Auffangstationen ein großes Problem dar. Daher sollte in allen Pflegestationen auf maximale Hygiene und Sauberkeit geachtet werden. Als Komplikation kann bei massiven Durchfällen ein Rektumprolaps auftreten. Je nach Schweregrad ist eine Rückverlagerung mit anschließender Tabaksbeutelnaht ausreichend. Enterektomien zu schwer geschädigter Abschnitte sind möglich. Wenn aber große Abschnitte bereits nekrotisch sind, muss das Tier euthanasiert werden (siehe Abb. 11).

Über die Autorin

Dr. med. vet. Annette Kaiser, Fachtierärztin für Heimtiere, Fachtierärztin für Kleintiere, ist Oberärztin für Heimtiere der Tierklinik Haar. Sie betreut den Eichhörnchen-Schutz e. V. und den Wildtierwaisen-Schutz e. V.

Kontakt: annette.kaiser@anicura.de

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