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Warnzeichen und Prophylaxe

Ein Ileus kommt selten allein

War ein Kaninchen bereits an gastrointestinaler Stase erkrankt, fürchten Besitzer auch nach einer erfolgreichen Therapie Rezidive.

Inhaltsverzeichnis

Von Dr. med. vet. Yvonne Eckert und Dr. med. vet. Milena Thöle

Kaninchen werden artgerecht als Pärchen oder in größeren Gruppen gehalten. Hierdurch ist die zuverlässige Beurteilung des Einzeltieres – insbesondere die tatsächliche Futteraufnahme sowie des Kot- und Urinabsatzes – häufig nur schwer möglich. Anfängliche Symptome von Einzeltieren können in der Gruppe leider schnell übersehen werden.

Wöchentliche Gesundheitskontrolle

Eine wöchentliche Gesundheitskontrolle der Tiere zu Hause ist immer empfehlenswert. Der Besitzer sollte die Kaninchen wiegen und das Körpergewicht protokollieren. Hierfür eignet sich je nach Größe des Tieres eine herkömmliche Küchenwaage. Der Gewichtsverlauf kann so zuverlässig beurteilt werden, Gewichtszu- und -abnahmen werden dokumentiert und können bei Bedarf an den Tierarzt übermittelt werden. Veränderungen des Gewichts von mehreren 100 g können beim Kaninchen Anzeichen einer schwerwiegenden Erkrankung oder Stoffwechselstörung sein und sollten sehr ernst genommen werden.

Bei den Gesundheitskontrollen sollte zusätzlich die Anogenitalregion des Tieres beurteilt werden: Verklebungen mit Kot oder Urin sind beim Kaninchen nicht physiologisch und können eine organische Ursache haben. Verunreinigungen sollten vom Besitzer vorsichtig mit lauwarmem Wasser entfernt werden.

Bei Bedarf können die Krallen gekürzt werden. Auch Anzeichen einer Pododermatitis kann der Besitzer bei einem Blick auf die Hinterläufe und Vordergliedmaßen erkennen. Es ist sinnvoll, dass die einzelnen Schritte der Gesundheitskontrolle bei einem Tierarztbesuch gemeinsam mit dem Besitzer durchgegangen werden. So weiß er, worauf zu achten ist, wie er die Untersuchungen durchführen muss und welche Befunde er erheben kann, beziehungsweise wie sie zu deuten sind.

Erfahrene Patientenbesitzer können nach Anleitung durch den Tierarzt eventuell sogar eine vorsichtige Abdomenpalpation durchführen. Ein sehr praller Magen kann unter Umständen auch von einem Laien zu Hause palpiert werden. Hierbei sollte natürlich die Compliance des Patientenbesitzers und die individuelle Vorgeschichte des Tieres – Handling gewohnt oder nicht gewohnt – berücksichtigt werden. Nicht jeder Besitzer ist in der Lage, eine Abdomenpalpation bei seinem Tier durchzuführen. Je nach Ernährungszustand und Kooperationsbereitschaft des Tieres kann die Palpation erschwert werden. Außerdem birgt jede Palpation Risiken: Die Gefahr einer Magenruptur bei zu festem Druck oder Verletzungen des Tieres bei Stürzen sind nicht zu unterschätzen.

Hinweis: Regelmäßige Gesundheitskontrollen zu Hause sind für die Früherkennung von Erkrankungen der Kaninchen zu empfehlen.

Prophylaxemaßnahmen

Bürsten/Scheren

Wurden nach einer gastrointestinalen Stase Trichobezoare (Haarballen) als Ursache für den Ileus identifiziert, kann das regelmäßige Bürsten des Patienten prophylaktisch hilfreich sein, um Rezidive zu vermeiden. Grade im Fellwechsel zeigen Kaninchen einen deutlichen Haarverlust. Lose Haare werden oral aufgenommen und das Risiko einer erneuten gastrointestinalen Stase steigt. Leider zeigen sich viele Kaninchen beim Bürsten nicht sehr kooperativ, d. h. das Bürsten ist zum Teil nicht oder nur schwer durchführbar. Eine Alternative besteht darin, die Tiere zu scheren, um das Fell kurz zu halten. Natürlich muss gerade bei Außenhaltung berücksichtigt werden, dass das Fell je nach Witterungsverhältnissen auch eine Schutzfunktion hat. Es sollte deshalb individuell gemeinsam mit dem Besitzer entschieden werden, ob eine Schur des gesamten Tieres sinnvoll ist. Wichtig ist auch, dass Partnertiere gebürstet oder geschoren werden. Kaninchen putzen sich häufig gegenseitig und nehmen so vor allem auch die Haare der Partnertiere auf.

Fütterung und Bewegung

Wenn Futterbestandteile die Ursache der Stase waren, sollte eine Fütterungsberatung erfolgen. Erfahrungsgemäß stellen Johannisbrotkerne, Kürbiskerne oder Sojabohnen mögliche Risikofaktoren für einen mechanischen Ileus dar. Auf diese Futterbestandteile sollte dann unbedingt verzichtet werden.

Andere Fremdkörper wie Fasern von Teppichen, Handtüchern oder Hanfmatten im Gehege können ebenfalls als Ursachen für einen mechanischen Ileus in Frage kommen. Neigen die Tiere dazu, derartige Partikel aufzunehmen, kann eine Umstrukturierung des Geheges sinnvoll sein.

In seltenen Fällen kann ein massiver Befall mit Endoparasiten zu einem Ileus führen („Wurm­ileus“). Wurden ätiologisch Endoparasiten als Ursache für den Ileus nachgewiesen, ist eine regelmäßige parasitologische Untersuchung einer Sammelkotprobe der Tiere im Bestand anzuraten, um Rezidive zu vermeiden.

Bei manchen Tieren kann es sinnvoll sein, das Risiko der gastrointestinalen Stase durch die regelmäßige Gabe von Medikamenten zu senken. Hierbei sind zum Beispiel Präparate mit Flohsamen, Malzpasten für Heimtiere und Laktulose zu nennen. Sie können dazu beitragen, dass die Magen-Darm-Passage erleichtert wird. Der hohe Zuckergehalt dieser Präparate ist allerdings zu berücksichtigen. Dieser kann sich ggf. negativ auf die Keimflora des Magen-Darm-Traktes der Kaninchen auswirken. Des Weiteren können diese Präparate zu einer Veränderung der Kotqualität führen (weicher Kot, Durchfall). Zudem ist die regelmäßige, tägliche Medikamenteneingabe für manche Besitzer schwierig umzusetzen. In diesen Fällen kann versucht werden, die Präparate mit beliebten Futtermitteln zu vermischen. Beispielsweise können flüssige Medikamente über das Frischfutter geträufelt werden, so werden sie von den Tieren oft freiwillig aufgenommen. Ob die dauerhafte Gabe von Futterergänzungsmitteln indiziert ist, sollte individuell abgewogen werden.

Generell ist eine artgerechte Haltung mit viel Platz (2–3 Quadratmeter pro Tier) und verschiedenen Beschäftigungsmöglichkeiten zu empfehlen. So können die Tiere ihrem Bewegungsdrang nachkommen. Ausreichend Bewegung fördert die Verdauungsvorgänge und ist wichtig für eine physiologische Darmmotorik. Um Langeweile im Kaninchenalltag vorzubeugen, sollte das Gehege regelmäßig umstrukturiert werden. Die Tiere sind so beschäftigt und ungewünschtes Verhalten, wie zum Beispiel das Annagen von Teppichen, kann gegebenenfalls vermieden werden. Auch verschiedene Beschäftigungsmöglichkeiten wie Tunnel, mit Heu gefüllte Papiertüten oder Futterbälle können dabei helfen, die Tiere von unerwünschtem Verhalten abzuhalten.

Eine artgerechte Fütterung kann dazu beitragen, einer gastrointestinalen Stase vorzubeugen. Rohfaserreiche Futtermittel wie Heu oder frischer Wiesenaufwuchs, unterstützen den Weitertransport des Verdauungsbreis und der aufgenommenen Haare und können somit einer Stase vorbeugen. Auch kann durch das ad libitum-Angebot von rohfaserreichem Futter ein Ausweichen der Tiere auf ungeeignete Materialien wie Käfigeinstreu, reduziert werden (Wolf, 2016).

Erste Anzeichen eines Ileus richtig deuten

Generell können Engstellen und Strikturen (hochgradige Einengungen) im Darmtrakt dazu führen, dass es – trotz guter Prophylaxe – zu Rezidiven bei den jeweiligen Tieren kommt. Der Besitzer sollte darauf hingewiesen werden, wie unterschiedliche Symptome gedeutet werden können und wann ein Tierarztbesuch auf jeden Fall nötig ist. Sollte den Besitzern eins oder mehrere der typischen Symptome auffallen, ist eine sofortige Vorstellung beim Tierarzt anzuraten.

Mögliche Symptome einer gastrointestinalen Stase

  • ein Kaninchen zieht sich von den anderen Tieren und vom Besitzer zurück, Eckensitzer

  • plötzliche Inappetenz, allgemeines Desinteresse an Futter oder an beliebten Futtermitteln

  • unruhiges Verhalten, häufige Brust-Bauchlage (Achtung, nicht zu verwechseln mit entspannter Ruheposition in Brust-Bauchlage)

  • erhöhte Atemfrequenz, verstärkte Abdominalatmung

  • fehlender Kotabsatz

  • verminderte Reaktion auf Ansprache

  • scheue Tiere lassen sich plötzlich anfassen

Zusammenfassung

Regelmäßige Gesundheitskontrollen und Prophylaxemaßnahmen ersetzen keinen Tierarztbesuch. Jedoch können aufmerksame Patientenbesitzer durch regelmäßige Kontrollen und eine Sensibilisierung für die Anzeichen einer gastrointestinalen Stase schneller auf ernste Erkrankungen ihrer Tiere reagieren. Protokolle der wöchentlichen Gesundheitskontrollen können zusätzlich bei der Beurteilung des Krankheitsverlaufs helfen. Auch kleine Maßnahmen wie eine Optimierung der Fütterung und Haltung oder das regelmäßige Bürsten der Tiere, können viel dazu beitragen, Rezidiven einer gastrointestinalen Stase vorzubeugen.

Ileus vorbeugen

Regelmäßige Gesundheitskontrollen und Prophylaxemaßnahmen ersetzen keinen Tierarztbesuch. Jedoch können aufmerksame Patientenbesitzer durch regelmäßige Kontrollen und eine Sensibilisierung für die Anzeichen einer gastro­intestinalen Stase schneller auf ernste Erkrankungen ihrer Tiere reagieren. Protokolle der wöchentlichen Gesundheitskontrollen können zusätzlich bei der Beurteilung des Krankheitsverlaufs helfen. Auch kleine Maßnahmen wie eine Optimierung der Fütterung und Haltung oder das regelmäßige Bürsten der Tiere, können viel dazu beitragen, Rezidiven einer gastrointestinalen Stase vorzubeugen. 

Literatur: Wolf, P (2016): Antworten zu häufigen Fragen in der Fütterung von Kleinsäugern. kleintier.konkret S2, 10–16.

Über die Autoren

Dr. med. vet. Yvonne Eckert ist seit 2015 wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Heimtiere der Klinik für Heimtiere, Reptilien und Vögel der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover
Dr. med. vet. Milena Thöle ist Fachtierärztin für Heimtiere/Kleinsäuger und leitet seit 2017 die Abteilung Heimtiere der Klinik für Heimtiere, Reptilien und Vögel der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover

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