Foto: Milena Thöle

Reportage

Eine eingeschworene Community

Heimtiermedizin auf Klinikniveau? Die Nachfrage ist da, erklärt Fachtierärztin Milena Thöle. Ein Besuch in der Tierklinik Posthausen.

Von Lisa-Marie Petersen

Als Heimtierexpertin Milena Thöle Anfang 2019 nach acht Jahren die tierärztliche Hochschule Hannover verließ, sprach sich das schnell herum in der Kaninchencommunity auf Facebook. Wer künftig Probleme mit seinen Langohren hat, findet sie nun weiter nördlich, Richtung Bremen. In der Tierklinik Posthausen behandelt und operiert die Fachtierärztin seit drei Monaten in erster Linie Kleinsäuger, aber auch Vögel und Reptilien. Am häufigsten werden ihr Kaninchen mit Zahn- und Ohrproblemen vorgestellt.
So haben Satinkaninchen ein in Fachkreisen bekanntes und gefürchtetes Problemgebiss, Widder leiden häufig unter Mittelohrentzündungen – vermutlich infolge der fehlenden Belüftung sowie der Ansammlung von Cerumen. Ist eine Bullaosteotomie nötig, reisen Halter schon mal aus Hamburg oder Frankfurt an, mitunter in Fahrgemeinschaften. Über den starken Zusammenhalt in Kaninchenkreisen staunt selbst die Spezialistin.

Ein eigener Platz für die Kleinsten

Für die kleinen Säuger und ihre gefiederten sowie gepanzerten Patienten hat Milena Thöle Großes vor: In Zukunft soll in Posthausen eine eigene Heimtierstation mit Zahnraum entstehen, nach Vorbild der tierärztlichen Hochschule Hannover. Derzeit sind ihre Patienten noch auf der gemeinsamen Krankenstation für Katzen und Heimtiere untergebracht, ein Sichtschutz schirmt die kranken Beutetiere vor neugierigen Blicken ab. „Das ist nicht ideal“, weiß die Expertin. Doch für eine eigene Station fehlt es zum heutigen Zeitpunkt schlichtweg an Platz, da das Klinikpersonal schneller anwuchs als gedacht: „Allein in 2018 haben wir acht neue Tierärzte eingestellt, um den Notdienst abdecken zu können“, erzählt Inhaber Tim Bonin. In den Räumlichkeiten, in denen beim Bau des Gebäudes noch vier Tierärzte arbeiteten, kümmern sich inzwischen über 20 Kleintierexperten um das Wohl der kranken Vierbeiner und Vögel.

Wach durchs CT

In OP-Vorbereitung, Labor und auf Station herrscht geschäftiges Treiben. Es wird telefoniert, diagnostiziert und therapiert. Milena Thöle wartet auf den Anruf der Besitzerin ihres heutigen Sorgenkindes: ein Kaninchen mit Augenproblemen. Die geplante Enukleation ist aufgrund seiner schlechten Verfassung ein riskanter Eingriff, auch die Infusion über Nacht hat das geschwächte Tier kaum stabilisiert. In der Zwischenzeit steht der Check-Up zweier Meerschweinchen auf dem Programm. Während das Weibchen putzmunter durch die Box flitzt, wünscht sich das Männchen ein Mauseloch und hält die Luft an. Sind da Blasensteine zu fühlen? Die Röntgenaufnahme wird es zeigen.

Für die Bildgebung greift Milena Thöle – ja, es wird auch beim Heimtier bezahlt – gerne auf das klinikeigene CT zurück, die narkoseempfindlichen Kaninchen können nämlich auch wach durch die Röhre. Dafür werden sie in eine Box gesetzt, die mit einem Deckel mit Luftlöchern verschlossen wird. Für schmerzhafte Eingriffe wie Zahnsanierungen sollten sie hingegen stets anästhesiert werden, zum Beispiel mit dem antagonisierbaren Anästhesieregime aus Midazolam + Medetomidin + Fentanyl. Da es bei Kaninchen häufig zur Apnoe kommt, rät Thöle allen Kollegen bei Vollnarkosen zur endotrachealen Intubation. Ebenso stehen Larynxmasken zur Verfügung, deren korrekter Sitz jedoch regelmäßig überprüft werden muss, da sie gerne verrutschen. „Ich hoffe, dass es Ähnliches in Zukunft auch für Meerschweinchen geben wird“, so die Tierärztin. Bei der Industrie hat sie deshalb schon angeklopft.

Sechs Hände halten mehr als zwei

Sowohl in der Heimtiermedizin im Allgemeinen als auch in Posthausen im Speziellen gibt es noch viel Entwicklungspotenzial. So ist die medizinische Versorgung von Kleintieren der von Kleinsäugern weit voraus, zudem steht Deutschland hinter England an. Thöle, die eine Zeit in Edinburgh hospitierte (wo im Übrigen viele Kleinsäuger krankenversichert sind), schätzt hierfür besonders den Austausch mit befreundeten Kollegen. „Wir wollen uns auch gegenseitig besuchen“, erzählt sie.

In Posthausen ist der Anfang auf alle Fälle gemacht. Milena Thöle hat sich gut eingearbeitet und empfindet ihre neue Stelle als „zukunfts­trächtig“. Ebenso stehen ihr für Behandlung und Diagnostik ähnlich gute Möglichkeiten zur Verfügung wie an der tierärztlichen Hochschule. Natürlich gibt es Unterschiede zum universitären Arbeitsalltag mit all seinen Studenten und helfenden Händen, dafür ist das Helferteam in der Privatklinik sehr gut eingespielt.

Über die Autorin

Als Tierärztin horcht Lisa-Marie Petersen gern am Ort des Geschehens nach: Was beschäftigt die Tiermedizin derzeit? Interessante Themen verarbeitet die Fachjournalistin dann in redaktionellen Beiträgen für Print- und Onlinemedien.

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