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Vor-Ort-Reportage

Eine Praxis nur für Samtpfoten

Katzen sind schwierige Patienten? Nicht beim richtigen Handling! Unsere Reportage aus einer Katzenpraxis in Hamburg zeigt, wie ein entspanntes Miteinander gelingt.

Von Dr. med. vet. Simone Bellair

Bereits seit 2011 gibt es die Katzenpraxis „Cats Only“ in Hamburg-Eimsbüttel. Kathleen und Michael Garner haben sich damals nach mehrjähriger Tätigkeit in „normalen“ Kleintierpraxen dazu entschieden, eine Praxis nur für Katzen zu eröffnen. Bevor es schließlich losgehen konnte, befassten sich die beiden intensiv und detailliert damit, ihr Konzept auf solide Beine zu stellen.

Eine ruhige Atmosphäre schaffen

Der kombinierte Empfangs- und Wartebereich erinnert an ein Wohnzimmer: viel Holz, gedämpftes Licht, warme Farben, Ledermöbel sowie ein künstlicher Kamin vermitteln Ruhe und Behaglichkeit. Von Anfang an empfängt „Cats Only“ die Tierbesitzer und ihre Katzen in einer entspannten und stressfreien Umgebung. Und das soll auch so sein, denn Unruhe und Anspannung von Besitzer und Umgebung übertragen sich schnell auf die Katzen und erschweren so oft die folgende Behandlung. Auch die Organisation als Terminsprechstunde trägt zu der entspannten Atmosphäre bei: Da sich in der Regel nur wenige Tiere gleichzeitig in der Praxis befinden, können Untersuchung und Behandlung mit ausreichend Zeit und Ruhe stattfinden. Dies ist besonders wichtig, wenn es sich um ängstliche oder aggressive Tiere handelt.

Auf die Bedürfnisse der Katzen eingehen

Die restliche Praxisausstattung ist ebenfalls ausschließlich auf Katzen ausgerichtet: Alle Gerätschaften (z. B. die Zahnstation, das Röntgengerät, das Endoskop und auch das Ultraschallgerät) sind etwas kleiner dimensioniert und somit für Hauskatzen besonders gut geeignet. Im OP-Bereich gibt es einen kleinen Operationstisch mit wärmender Unterlage, im Vorraum befindet sich ein Inkubator, in dem sowohl Welpen versorgt werden können als auch, bei Bedarf, erwachsene Katzen postoperativ in Ruhe wach werden.

Im Haupt-Behandlungsraum fällt der Untersuchungstisch sofort ins Auge: Er ist als Stehtisch konzipiert und komplett aus Holz. Durch den Verzicht auf den üblichen Metalltisch bekommen die Patienten ein Gefühl der Sicherheit: „Unser Ziel ist es, dass die Tiere positive Erfahrungen machen“, sagt Michael Garner, „das nächste Mal geht es dann leichter.“ Denn: „Katzen sind nicht nur Jäger, sondern auch Fluchttiere. Die meisten vermeintlichen ‚Problemkatzen‘ sind nicht aggressiv, sondern nur ängstlich und haben schlechte Erfahrungen gemacht“, argumentiert Garner. Daher gilt für Untersuchungen, Behandlungen und den allgemeinen Umgang in der Praxis: „No stress handling. Sonst ist die Katze am Schreien und der Besitzer am Weinen“, so Garner. Auf Zwangsmaßnahmen wird weitgehend verzichtet. Ist doch einmal eine Fixation nötig, so reicht meist ein Handtuch zum Einwickeln des Tieres aus. Oft haben Katzenbesitzer aber auch falsche Vorstellungen davon, welche Ansprüche eine Katze hat. Viele „Verhaltensstörungen“ sind einfach nur Haltungsfehler und falsche Erwartungen an das Katzenverhalten. Die allgemeinen Haltungstipps, die das Praxisteam an die Besitzer weitergibt, tragen deshalb viel zum unbeschwerten Zusammenleben von Katze und Halter bei.

Katzenpension inklusive

Ein besonderes Zusatzangebot ist die Katzenpension, die von Beginn an eingeplant wurde und ein wichtiger Bestandteil des Konzeptes ist. Der Pensionsbereich liegt in eigenen Räumen der Praxis, sodass Pensionstiere und Patienten sich durch große innenliegende Fenster zwar sehen können, aber keinen direkten Kontakt zueinander haben.

Die Pensionskatzen sind in speziellen „Cat Condos“ untergebracht. Diese Katzenwohnungen sind Spezialanfertigungen nach den Vorgaben von Michael Garner. „In den USA gibt es kommerzielle Anbieter dieser Katzenunterkünfte. Diese sind aber kleiner und von der Qualität her eher auf Ikea-Niveau – das hat unseren Ansprüchen nicht genügt“, sagt er. Die für die Praxis extra von einem Schreiner angefertigten Cat Condos sind geräumig und stabil und bieten über jeweils fünf Etagen getrennte Bereiche für den Fress-, Schlaf- und Toilettenbereich. Durch ein eingebautes Lüftungssystem wird die Luft permanent abgesaugt, sodass ein leichter Unterdruck entsteht. Unangenehme Gerüche und mögliche Infektionserreger werden dadurch eliminiert.

Insgesamt können neun Katzen zeitgleich aufgenommen werden. Besonders Ferienzeiten und Feiertage sind oft schon Monate im Voraus gebucht. Viele Besitzer nutzen die Möglichkeit, kleinere operative Eingriffe während des Pensionsaufenthaltes durchführen zu lassen. So ist die professionelle OP-Nachsorge sichergestellt und die Besitzer sind entlastet.

Cat Friendly Clinic

Die Praxis von Kathleen und Michael Garner ist nach den Richtlinien der International Society of Feline Medicine (ISFM) konzipiert und wird seit 2011 jährlich mit dem „Gold-Zertifikat“ als „Cat Friendly Clinic“ ausgezeichnet. „Cats Only war damals die erste deutsche Praxis, der dieser Status verliehen wurde“, berichtet Garner. In Zusammenarbeit mit der American Association of Feline Practitioners (AAFP) hat die ISFM beispielsweise auch Leitlinien über die Bedürfnisse von Katzen an ihre Umwelt erstellt. In Deutschland gibt es seit 2011 die Deutsche Gruppe Katzenmedizin, die umfangreiche Informationen für Tierärzte, Tiermedizinische Fachangestellte und Katzenbesitzer zur Verfügung stellt und eng mit der ISFM verbunden ist.

Fünf Tipps für eine katzenfreundliche Praxis

  • Schaffen Sie getrennte Warte- und Behandlungsbereiche nur für Katzen. Ist das räumlich nicht möglich, sind zeitlich getrennte Sprechzeiten eine gute Alternative.

  • Hocker oder Podeste als Abstellmöglichkeiten für den Katzenkorb vermitteln den Tieren Sicherheit durch die erhöhte Position.

  • Vermeiden Sie grelles Licht und reduzieren sie die Geräuschkulisse im Warte- und Behandlungszimmer, z. B. durch die Verwendung von Holzmöbeln anstelle von Metalltischen und -stühlen.

  • Der Katzenbereich sollte geruchsneutral sein, also nicht nach starken Reinigungs- und Desinfektionsmitteln oder anderen Tierarten riechen.

  • Reduzieren Sie Zwangsmaßnahmen. Sollte eine Fixation nötig sein, reicht es oft, die Katze in ein Handtuch einzuwickeln („Cat Burrito“, „Towel Wrap“).

Über die Autorin

Als Fachjournalistin recherchiert und schreibt Simone Bellair über aktuelle Themen rund um die Tiermedizin. Die promovierte Tierärztin betreut außerdem die Fachbeiträge in unserer Zeitschrift Der Praktische Tierarzt.

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