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Vogelpatienten

(Er)Kennen, Beraten, Vermeiden: Haltungsfehler bei Ziervögeln

Ziervögel, die ausschließlich in Käfigen und Volieren oder mit zeitweisem Freiflug gehalten werden, sind in ihrem Bewegungsspielraum eingeschränkt. Jede dieser Haltungsformen birgt gesundheitliche Risiken.

Inhaltsverzeichnis

Von Dr. med. vet. Norbert Kummerfeld

Die allermeisten Erkrankungen der im Haushalt lebenden Vögel ergeben sich aus Haltungsfehlern und sind nicht primär infektiös bedingt. Infektionen (durch Bakterien, Viren, Pilze oder Endoparasiten) werden erst dann für die Differenzialdiagnose interessant, wenn die Vögel im Vorfeld (Anamnese ist wichtig!) Kontakt zu fremden (artgleichen) Tieren z. B. über Zukäufe, Ausstellungen oder Ferienvertretungen hatten.

Jede Haltungsart birgt Risiken

Die essenziellen Bedürfnisse nach der speziellen Biologie des Ziervogels sowie die besonderen realen Risiken unter den gewählten Haltungsbedingungen geben die wesentlichen Leitlinien für eine fachlich gute Betreuung. Die Gefahrenquellen können sich vielfältig aus Bauart, Größe und Einrichtung des Haltungssystems sowie dem Standort ergeben. Aber auch Vernachlässigung einschließlich Hygienemängeln, Intoxikationen, Aggressionen durch andere Tiere oder untereinander, die Folgen einer Einzelhaltung und/oder des Bewegungsmangels – unterstützt durch eine ungeeignete Fütterung – können das Wohlbefinden erheblich beeinträchtigen.

Jede Haltungsart birgt Risiken, die bei der Käfighaltung besonders groß sind. Ein kompetentes Management sollte bereits bekannte Probleme im Vorfeld erkennen und konsequent ausschließen. Gegebenenfalls muss hier eine entsprechende Beratung in der Tierarztpraxis die vorliegenden oder zu erwartenden Mängel offenlegen und notwendige Maßnahmen erklären. Aus dem Vorbericht mit Schilderung zur aktuellen Haltung und/oder zum Verlauf der Krankheit des vorgestellten Vogels sind bereits wesentliche Rückschlüsse möglich.

Der Käfig

Ein Käfig schränkt die Wahlmöglichkeiten sozialer Kontakte (völlige Isolation bei Einzelhaltung!) und anderer vogelspezifischer Verhaltensweisen einschließlich der artgemäßen Fortbewegung durch Fliegen am weitesten ein. Der Vogelbesitzer trägt hier also eine besondere Verantwortung für das Wohlergehen seiner Pfleglinge und muss die ermittelten Defizite abstellen.

Die Größe traditioneller Stubenkäfige („Hüpfkäfige“) führt zum Bewegungsmangel, da vogeltypisches Fliegen darin nicht möglich ist. Aktives Fliegen ist jedoch unverzichtbar, beispielsweise für die intensive Organdurchblutung (wie der Lunge, Leber oder Nieren) sowie zur Steigerung der Hauttemperatur an den Gliedmaßen als zusätzliche vogeltypische Barriere gegen Sohlenballengeschwüre (Pododermatitis). Eine Dauerhaltung mit Immobilisation in den traditionellen Käfigen ist deshalb unter dem aktuellen Verständnis zum tierschutzgemäßen Wohlergehen der Ziervögel kaum noch akzeptabel – kontrollierte Freiflugperioden in der Wohnung sollten daher in regelmäßigen Intervallen den Bewegungsmangel im Käfig mit seinen negativen Folgeerscheinungen (u. a. Adipositas, Pododermatitis, Aspergillose) ausgleichen.

Risiken beim Freiflug

Der Freiflug kann zwar für notwendige artgerechte Bewegung sorgen, viele Vögel müssen jedoch zunächst zum aktiven Fliegen „genötigt“ werden. Dieser Freiraum in unbekannter Umgebung außerhalb des gewohnten Käfigs hält durchaus große Risiken z. B. für Verletzungen durch Anflug von Hindernissen oder gegen spiegelnde Flächen sowie durch Intoxikationen oder Fremdkörperaufnahmen bereit. Neben Glasscheiben könnten dann auch exotische Zimmerpflanzen (z. B. Weihnachtsstern oder Kakteen) sowie Gasflammen oder Chemikalien in der Küche ebenso wie der Kater des Hauses neue Gefahrenquellen darstellen.

Die roten Schmuckblätter des Weihnachtssterns beispielsweise enthalten Saponine, die nach Abschlucken in den Kropf Erbrechen oder Vorwürgen (Regurgitationen) von rötlichem Schleim auslösen – erschrockene Vogelbesitzer verwechseln das oft mit Blut. Feine Kaktusstacheln besitzen oft Widerhaken und können nach Absturz auf die Fensterbank und Kontakt im Kopfbereich, insbesondere mit der Hornhaut des Auges, fatale Folgen haben. Aus Neugier oder statt Vogelgrit kann außerhalb des Käfigs schließlich blei-/zinkhaltiges Material (z. B. Gewichte aus Gardinenschnüren) angeknabbert und aufgenommen werden. Nymphensittiche sowie Agaporniden werden neben Amazonen und Wellensittichen mit diesem Verdacht besonders oft vorgestellt und leiden dann u. a. mit zentralnervösen Störungen unter einer Schwermetallvergiftung.

Den Käfigstandort überdenken!

Darüber hinaus ist ein Käfig als kleiner sowie in jeder Hinsicht künstlicher Lebensraum anzusehen, dessen Bauart, Ausgestaltung und Hygienestatus vollständig in den Händen des Pflegers liegen. Gleiches gilt auch für die Bedingungen in der direkten Umwelt des Käfigbewohners – diese sind, wie z. B. bei der Auswahl des Standortes, von elementarer Bedeutung für das Tierwohl. Ein falscher Standort kann für den Vogel sogar zu perakut letalen Situationen führen, wenn die Wahl beispielsweise auf die Küche, wo gerade eine PTFE-beschichtete Pfanne zu stark erhitzt wird und der Vogel infolge einer „ sog. Teflonvergiftung“ mit Lungenblutung akut verstirbt. Der Standort auf dem sonnigen Fensterbrett nach Süden kann Ursache für einen Hitzschlag sein.

Eine Dauerhaltung im schattigen Schlafzimmer dagegen führt über Lichtmangel zu Hormonstörungen mit Kalziumdefiziten. Als deren Folgen können Skelettveränderungen, generelle Mauserstörungen, z. B. Stockmauser (Federn bleiben wie kleine Stacheln in ihrer Scheide stecken), oder bei Testosteronmangel auch ein lokaler Federausfall (Alopezie) im Scheitelbereich, z. B. bei Kanarienhähnen, auftreten. Steht der Käfig neben dem wärmenden Heizungsradiator, ist dies ebenfalls ungünstig, da hier die Thermik für angewärmte sauerstoffarme, staub-/pilzsporenhaltige und damit besonders austrocknende Atemluft sorgt. Diese ist – verschärft durch den Bewegungsmangel – eine mögliche Ursache für chronischen Schnupfen oder sogar Aspergillose des Atemtraktes (nach Kontamination von Lunge und Luftsäcken mit Schimmelpilzen).

Gesundheitsrisiken bei Käfighaltung

Die sich aus Mängeln in den Haltungsbedingungen ergebenden Erkrankungen sind meist mehrfaktoriell, d. h. es liegt eher eine Summe von Fehlern als Ursache vor. Nur wenn diese einzelnen erkannt und analysiert werden, sind Ansatzpunkte für eine erfolgreiche Therapie oder Prophylaxe gegeben.

Der Bewegungsmangel im Käfig ist eine wesentliche Quelle für viele gesundheitliche Probleme und führt bei gleichzeitigem Luxuskonsum von Kolbenhirse, Sprech- und Singperlen oder Erdnuss-Snacks zur Fettsucht (Adipositas) mit Übergewicht. Nur Graupapageien leiden aus bisher nicht geklärten Gründen niemals an Verfettung – wie ungünstig Fütterung und Bewegungsmangel auch immer erscheinen mögen.

Sohlenballengeschwüre (Pododermatitis) sind bei Käfigvögeln weit verbreitet, weil sich zu Übergewicht und Bewegungsmangel noch Druckgeschwüre (z. B. aufgrund einförmiger oder zu harter Sitzstangen) gesellen. Durch zusätzlichen Abrieb mit scharfkantigem Käfigsand oder rauen Sandpapierstangen entstehen Miniverletzungen der Fußsohle, sodass der Zugang für Staphylokokken u. a. Eitererreger offen ist.

Gedrehte Kordelseile als Ersatz für Sitzstangen lassen sich leicht zerbeißen und in Teilen abschlucken und bilden so Fremdkörper-Bezoare im Kropf und/oder Drüsenmagen. Diese sollten immer baldmöglichst entfernt werden, dabei ist häufig ein Kropfschnitt als operative Maßnahme unvermeidlich.

Häufig fallen als drastische Hygienemängel verschmutzte Futter-/Wassernäpfe auf, wenn diese unmittelbar unter den Sitzstangen positioniert sind. Mit Kot kontaminiertes Körnerfutter findet sich wie Muschelschalen-Grit auch in der Sandeinstreu und wird dort von den Vögeln gesucht und gefressen. Erbrechen oder Verdauungsstörungen können die Folgen sein. Scharfschneidige Blechklammern oder solche mit großer Spannkraft als Halter für Sepiaschalen bergen ein hohes Verletzungsrisiko beim Knabbern an diesen im Allgemeinen sehr empfehlenswerten Mineralquellen. Diese müssen insbesondere den kleineren Vögeln mit ihrer weichen Seite präsentiert werden, damit sie überhaupt abgenagt und als Kalkquelle genutzt werden können.

Verhaltensstörungen schließlich sind sehr häufige und vielgestaltige Krankheitsbilder, z. B. Federrupfen, Schreien oder Futterwürgen, verbunden mit schweren Automutilationen (Selbstverstümmelungen) bei Einzelvögeln oder nicht harmonisierenden, oft gleichgeschlechtlich weiblichen „Paaren“. Das Problem eskaliert in sehr vielen Fällen erst dann, wenn Papageien ab drei Jahren in die Geschlechtsreife kommen. Spiegel oder Kameraden aus Kunststoff als Partnerersatz provozieren das Problem eher, als zu einer echten Lösung beizutragen. Ein Spiegelbild oder ein lebloser Plastikpartner zeigen eben kein eigenes Sozialverhalten oder beantworten Kontaktrufe. Scharfe Grate aus gepresstem Kunststoff, z. B. an den Flügelspitzen der Ersatzvögel, können zudem bei Paarungsversuchen zu massiven Verletzungen führen. Verhaltensstörungen steigern sich zusätzlich, wenn zu sozialem Frust noch unendliche Langeweile durch eine monotone Lebensraumgestaltung und Fütterung kommt.

Tipps zur Beratung bei Problemen mit Vögeln in Käfighaltung

  • Ohne Alternative und zwingend erforderlich ist eine Paar-/ besser Gruppenhaltung sicher gegengeschlechtlicher, etwa gleichaltriger und artgleicher Vögel (ein Wellensittich als Spielkamerad für einen einsamen Graupapagei ist für den kleineren lebensgefährlich).

  • Der Boden des Käfigs sollte mit Küchen- oder Zeitungspapier statt mit Sand ausgelegt werden, welches möglichst täglich zu wechseln ist.

  • Näpfe für Futter und Wasser sowie Gritsteinchen müssen, um sauber zu bleiben, immer über den Sitzstangen angebracht sein.

  • Als Sitzstangen eignen sich natürliche Äste, frisch geschnitten von Weiden, Birken, Haselstrauch oder Birnen -/Apfelbäumen. Nach Abnagen der Rinde werden diese entsorgt und durch neue ersetzt.

  • Der Standort bietet im idealen Fall frische Luft an der Sonne, aber auch Halbschatten auf Kopfhöhe der Besitzer, unerreichbar für große Haustiere.

  • Das Futter ist der Aktivität und Größe der Vögel in kleinen Portionen über den Tag verteilt und möglichst etwas versteckt (als Beschäftigung!) anzubieten.

  • Zeitweiser Freiflug ist zur Erhaltung von Wohlbefinden und Gesundheit jedes Käfigvogels unbedingt erforderlich – allerdings nie ohne Aufsicht.

Die Voliere

Alle Probleme aus der Käfighaltung sind abgeschwächt auch auf Volieren zu übertragen, dazu kommen einige neue Aspekte. Volieren sollen die Folgen des Bewegungsmangels verhindern und die (wenn auch eingeschränkte) Möglichkeit des vogelgerechten aktiven Fliegens bieten. Aufgrund des erweiterten Raumangebotes lässt sich mit einer entsprechenden Ausgestaltung („Enrichment“) auch das artgemäßes Verhalten fördern.

Die angemessene Mindestflugstrecke zwischen zwei Sitzstangen sollte bei Sittichen und Kleinpapageien 3 m, bei mittelgroßen Papageien ab 4 m sowie bei Großpapageien besser 6 m und mehr betragen. Als Energiesparer klettern Papageienartige über kürzere Strecken nämlich lieber, beispielsweise zum so erreichbaren Futterplatz. Hindernisse dürfen den Flugraum natürlich nicht verlegen. Vogeltypisches Fliegen (d. h. mit ausgestrecktem Schwanzgefieder) ist z. B. bei Wellensittichen oder Alexandersittichen äußerst rasant und als Volierenlänge müsste deshalb selbst bei diesen eher kleineren Vögeln ebenfalls mindestens 6 m vorgesehen werden. Die Breite der Voliere sollte möglichst einen Kurvenflug und damit längere Flugstrecken und -zeiten erlauben. Sie muss zudem Ausweichmanöver unterlegener Tiere immer zulassen, d. h. die Grundform sollte nicht schlauchförmig mit Sackgassen, sondern eher quadratisch geplant werden.

Enrichment – Anreicherung

Die Struktur der Voliere muss neben der Beschäftigung zusätzlich ausreichenden Sichtschutz bieten, um Aggressionen und daraus resultierende Verletzungen zu vermeiden – die Volierenbewohner (selbst langjährige und deshalb vertraut erscheinende Zuchtpartner!) müssen sich „aus den Augen“ gehen können. Strukturelemente sind ständig auszubessern bzw. zu ersetzen, da Neugier und Beschäftigungstrieb der Vögel fortwährend zu einer starken Abnutzung führen. So müssen z. B. zerbissene natürliche Äste, ausgehöhlte Baumstümpfe, zerpflückte Papiersäcke usw. fortlaufend ausgetauscht werden, um die Neugier zu erhalten und Schäden durch „Langeweile“ vorzubeugen. Die Strukturelemente selbst dürfen aber nicht zur Gefahrenquelle werden, wie z. B. abgeschluckte Kiefernspane, Nägel oder Schrauben als Fremdkörper sowie mineralische Farben vom „Spielzeug“ als mögliche Giftquellen. Harte, kantige und/oder sogar splitternde Dachlatten sind als Sitzstangen zur Prävention von Pododermatitis ebenso ungeeignet wie verdrellte Seile aus Hanf oder Kunststoff.

Auf geeignete Baumaterialien achten!

In der „natürlich“ gestalteten (und bewachsenen) Voliere ist eine regelmäßige, zeitlich enge Kontrolle der Bewohner erheblich erschwert. Daraus darf sich keine Vernachlässigung z. B. in Form ausgeweiteter Parasitosen (wie Spulwurmbefall oder Knemidokoptes-Räude), eingewachsener Fußringe bzw. ungepflegter verwachsener Schnäbel oder Krallen ergeben. Die verlässliche Kontrolle der Volierenbewohner kann auch durch deren bloße Anzahl erheblich erschwert sein, deshalb sollte sich die Tierzahl auf ein gut zu überblickendes Maß beschränken.

Besonders hervorgehoben werden müssen auch hier die Gefahrenquellen aus Hygienemängeln (wie insbesondere durch Wildvögel verschmutzte Wassernäpfe, kotkontaminierte Futterkörner u. a. m.). Das Baumaterial der Voliere und ihrer Einrichtungen muss frei von Schwermetall (z. B. Zink, Blei) sein. So dürfen die Fenster der frostfesten Schutzräume oder Vogelzimmern nur mit schwermetallfreien Dichtungsmassen eingepasst werden und das Drahtgitter sollte möglichst nicht verzinkt sein, um akute Intoxikationen auszuschließen. Edelstahl gilt als optimale Alternative (auch kostengünstiger als oft vermutet).

Das Gittermaterial und die Verarbeitung ist einerseits stabil gegen die Nageversuche der Papageien, insbesondere Kakadus, Agaporniden oder Sittiche zu wählen, muss andererseits aber auch Schutz vor „Beutegreifern“ wie Habicht, Sperber, Uhu, Marder, Fuchs oder Hunden und Hauskatzen bieten. Treten im Umfeld sogar Ratten oder Wiesel auf, ist präventiv auf eine entsprechend engere Maschenweite des Gitters zu achten.

Werden in natürlich bewachsenen Außenvolieren die Bodenhygiene und die regelmäßige Kotkontrolle vernachlässigt, ist dort mit der Zeit durch eindringende Wildvögel oder Nager auch eine Kontamination, z. B. mit Trichomonaden, Helminthen, Mykobakterien, Salmonellen, Protozoen u. a., unvermeidlich und wird dann zu den entsprechenden Infektionserkrankungen mit nachfolgenden Problemen führen.

Volieren sind zudem immer mit einer Eingangsschleuse auszustatten, um ein Entfliegen beim Betreten sicher zu vermeiden. Für die längerfristige Überwinterung sollten in den erforderlichen Schutzräumen analog zur Käfighaltung Lichtquellen bereitstehen, die das natürliche Tageslichtspektrum (inkl. UV-Spektren) abgeben und flackerfrei geschaltet sind. Diese „Vogellampen“ sind nach Vorgaben der Hersteller regelmäßig zu wechseln (nicht erst bei Totalausfall).

Tipps zur Beratung bei Problemen mit Vögeln in Volierenhaltung

  • Mit einem fachgerechten Auf- und Ausbau einer Voliere (angemessene Größe, vogelgerechte Ausgestaltung, risikofreies Material) einschließlich ausreichendem Schutz vor praller Sonne, Regen und Frost sowie „Schädlingen“, ist eine gute Basis zum tiergerechten Halten der Vogelpaare/- gruppe gelegt.

  • Das Problem der geeigneten Tierzahl (wie Kontroll- und Beobachtungszeiten, Verträglichkeit der Vögel, Futter-/Wasserwechsel sowie erforderliche Menge, Aufwand für Schnabel- und Krallenpflege, fortlaufende Erneuerung der Strukturelemente, Vorsorge gegen Parasitosen) ist pragmatisch zu besprechen – Realität vor Wunsch!

  • Ein besonderer Beratungspunkt ist die Abwehr/Prävention von Beutegreifern und anderen Belästigungen, die auch zu Panikreaktionen führen könnten. Mögliche Maßnahmen orientieren sich jedoch immer an der besonderen Situation vor Ort, d .h. es sind konkrete Informationen über die Lage, Umgebung und spezielle Situation der Voliere erforderlich.

Der Freiflug

Freiflug ermöglicht aktives Fliegen als artgemäße Bewegung eines Vogels – allerdings muss die Situation dieser Haltung gut kontrolliert werden. Eine Haltung mit Freiflug im Freien bietet dem Ziervogel naturgemäß die beste Option für artgemäßes aktives Fliegen – stellt möglicherweise jedoch nur einen Teilaspekt der Haltungsmethode dar, bei der die Vögel zeitweise doch noch im Käfig oder einer Innenvoliere leben müssen. Freiflug ist allerdings nicht für alle Vogelarten gleichermaßen geeignet und nicht in jeder Umgebung (z. B. dichte städtische Bebauung) durchführbar. In größeren natürlich bewachsenen Parkanlagen lassen sich z. B. Amazonen oder Aras nach einer Gewöhnungszeit gut im kontrollierten Freiflug halten, bei z. B. Graupapageien, Wellensittichen oder Alexandersittichen gelingt das selten.

Risiken durch Beutegreifer

Beim Freiflug der in Deutschland exotischen Ziervögel in ländlicher Umgebung bleibt immer ein „akutes“ Restrisiko z. B. durch Beutegreifer wie Habicht, Sperber, Wanderfalke oder Uhu. Durch eine unkontrollierte Panikreaktion nach Erschrecken ist zudem mit Entfliegen oder einem Anprall nach Flug gegen bauliche Hindernisse oder Fahrzeuge zu rechnen. Die selbständige Futtersuche im ländlichen Raum außerhalb der gewohnten Umgebung birgt dazu die Gefahren eines Stromschlags oder sogar Beschusses (z. B. mit Luftgewehr) sowie von Vergiftungen (Aufnahme von Getreide, das mit Pestiziden, Herbiziden oder Rodentiziden behandelt wurde). Inwiefern ein Fluggeschirr („Aviator“) diese Probleme tatsächlich löst bzw. sogar neue schafft, bleibt zunächst dahingestellt.

Vorbehalte gegen die Leine

Klinische Erfahrungen in ausreichenden Fallzahlen z. B. über Verletzungen durch Absturz oder Strangulation von Papageien an einer Flexi-Leine liegen bisher (noch) nicht vor. Gleiche Vorbehalte gelten auch für den Einsatz eines Papageien-Fahrrades, selbst wenn die Werbung anderes verspricht. Es erscheint kaum vorstellbar, dass das erforderliche professionelle Training zur Gewöhnung an diese Fixation mit Brustgurt und langer Flexi-Leine oder eine schadensfreie Fortbewegung auf einem Rad vom „normalen“ Papageienhalter in tierschutzgerechter Weise zu leisten ist. Nicht umsonst ist es erforderlich, dass Falkner, die Greifvögel an Flugdraht oder -leine halten, eine intensive technische Ausbildung sowie eine Abschlussprüfung absolvieren.

Gefahr beim Fliegen in der Wohnung

Für kleinere Papageien oder Sittiche können auch ein besonders eingerichtetes „Vogelzimmer“ oder die Wohnung Freiflugbedingungen bieten, wie dies für alle Ziervögel in artentsprechend großzügigen Biotopvolieren möglich ist. Der Freiflug in der Wohnung sollte aber, wie bereits dargelegt, nie ohne Aufsicht erfolgen, da die nicht speziell auf Vogelhaltung eingerichtete Wohnung sehr viele Gefahrenquellen aufweisen kann. Verletzungen durch Aufprall gegen Fensterscheiben oder Spiegel sowie ein Absturz zwischen Wand und Schrank sind dramatische Beispiele (vor allem dann, wenn die Vögel nicht schnell genug befreit werden können!).

Risiko Vergiftung

Daneben stellen viele Möglichkeiten für Vergiftungen ein hohes Risiko dar. Wenngleich die meisten Zimmerpflanzen für Vögel eher ungefährlich sind, können z. B. nach Anknabbern oder Aufnahme von exotischen Wolfsmilchgewächsen (sog. Hundsgiftgewächse) sogar akute Todesfälle auftreten. Ein „alter Hut“ sind zwar Vergiftungen mit Schwermetallen – nach wie vor werden aber jedes Jahr mehrere an Blei aus der Gardine, eines Tiffany-Lampenschirms oder anderen Quellen vergiftete Papageien oder Sittiche in der Klinik vorgestellt. Die Küche ist nicht nur aus hygienischen Gründen eine „No-Go-Zone", offene Milchtöpfe, Wasserkaraffen, die Teflon-Pfanne, der Suppentopf oder die Gasflamme u. a. sind gegebenenfalls tödliche Fallen für Ziervögel.

Tipps für die Beratung bei Problemen mit Vögeln im Freiflug

  • Freiflug im freien Feld ist nur unter besonderen Umständen möglich und sollte wie ein Freiflug in der Wohnung nur unter ständiger Aufsicht stattfinden.

  • Die Küche bleibt wegen besonders vieler Gefahren tabu.

  • Der Gebrauch eines „Aviators" oder eines „Papageienfahrrads“ sowie anderer technisches Trainingsgeräte (wenn diese unbedingt angeschafft werden müssen) setzt ein intensives professionelles Training des Vogels vor Benutzung voraus.

  • Ein untrainierter Vogel darf durch erzwungenen Freiflug nicht überfordert werden – eine hochfrequente Atmung mit offenem Schnabel, hängenden Flügeln und pumpendem Brustbein zeigt die Erschöpfung an.

Fazit

Die fortlaufend aktualisierte Sachkunde eines Vogelbesitzers zu den vogelspezifischen Ansprüchen des von ihm gepflegten Tieres ist unabdingbar für eine moderne tierschutzgemäße Haltung. Außer der Sachkunde zur betreuten Vogelspezies müssen ebenfalls auch Kenntnisse zum gewählten Haltungssystem (als Risikoanalyse) und dem tiergerechten Management vorliegen. Besonders herauszustellen ist dabei immer noch, dass die Einzelhaltung von Papageien, Sittichen und vielen weiteren Ziervögeln heute nicht mehr zu akzeptieren und ohne Zweifel tierschutzwidrig ist. Eine ausschließliche Dauerhaltung der deshalb mindestens paarweise (oder besser in Gruppen) zu haltenden Papageien, Sittiche oder Finken im „Hüpfkäfig“ muss als Option ausgeschlossen werden, um den Tieren wirklich eine artgemäße aktive Fortbewegung in Form des Fliegens zu ermöglichen.

Die Gestaltung der Vogelumwelt und die Konstruktion der Haltungsbedingungen sollten zukünftig modernen Anforderungen entsprechen, um das Wohlbefinden der Ziervögel in menschlicher Obhut tatsächlich langfristig zu sichern. Einrichtungsgegenstände und technische Produkte müssen auf ihre Tierverträglichkeit hin geprüft werden und ihre technische Sicherheit muss zweifelsfrei gegeben sein. Potenziell risikoreiche Käfigeinrichtungen (z. B. Sitzstangen mit Sandpapier, Spielzeug mit scharfen Graten, Plastikvögel als Sozialpartner, Kordeln oder verzinkte Gitterstäbe) sollten nicht empfohlen werden.

Im Vordergrund hat immer das verantwortliche Management des Vogelhalters zu stehen, das vor allem die speziellen Bedürfnisse der jeweils gepflegten Ziervögel bedienen muss und für einen optimierten risikoarmen Lebensraum zu sorgen hat.

Über den Autor

Dr. med. vet. Norbert Kummerfeld ist Fachtierarzt für Geflügel einschließlich Zier-, Zoo- und Wildvögel und Akademischer Direktor a.D. der Klinik für Heimtiere, Reptilien, Zier- und Wildvögel der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover

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