Foto: Thöle; Klinik für Heimtiere, Reptilien, Zier- und Wildvögel TiHo Hannover

Darmverschluss beim Kaninchen

Gastrointestinale Stase richtig therapieren

Nach Diagnose einer gastrointestinalen Stase stehen die Stabilisierung des Patienten sowie die Therapie der Grunderkrankung im Vordergrund. Welche Optionen gibt es?

Von Dr. med. vet. Yvonne Eckert und Dr. med. vet. Milena Thöle

Ist die Verdachtsdiagnose Ileus gestellt, muss das Tier zunächst zügig analgetisch abgedeckt werden. Ein Ileus ist mit starken Schmerzen verbunden und kann schnell zum Schock führen. Es eignen sich Schmerzmittel mit Wirkstoffen, die für eine viszerale Schmerzausschaltung sorgen, zum Beispiel Metamizol und/oder Buprenorphin. Auf die Gabe von nichtsteroidalen Antiphlogistika wie Meloxicam sollte verzichtet werden, da diese eine zusätzliche Belastung für die Schleimhaut des Magens und der Nieren darstellen können.

Kranke Heimtiere werden sehr schnell hypotherm, daher sollte immer die rektale Körperinnentemperatur bestimmt werden. Sinkt diese unter 38,0 °C, sollte das Tier umgehend auf eine Wärmequelle (z. B. SnuggleSafe® Heizkissen mit zugehörigem Schutzüberzug, um Verbrennungen der Haut zu vermeiden) verbracht werden. Im weiteren Verlauf muss die Körperinnentemperatur regelmäßig (je nach Ausprägung alle 30 Minuten bis stündlich) kontrolliert werden.

Rektale Körperinnentemperatur überwachen!

Wird der Verdacht auf einen Ileus gestellt und zeigt das Thermometer eine rektale Körperinnentemperatur unter 38,0 °C an, sollte das Kaninchen umgehend auf eine Wärmequelle verbracht und analgetisch versorgt werden.

Konservative Therapie

Wird die Verdachtsdiagnose Ileus durch weiterführende Diagnostik (z. B. Röntgen, Kontrastmittelröntgen, Blutuntersuchung) bestätigt und ist ein sofortiger chirurgischer Eingriff nicht indiziert, erfolgt eine konservative Therapie. Die Medikamentenapplikation erfolgt idealerweise per os (p. o.) und intravenös (i. v.). Bei sehr kritischen Patienten kann es vorkommen, dass die p. o.-Gabe nicht mehr möglich ist. In diesem Fall muss zunächst auf ausschließlich subkutane und intravenöse Applikationswege ausgewichen werden. Weiterhin besteht die Möglichkeit, eine Nasen-Schlund-Sonde zu legen. Diese kann zur Zwangsfütterung und Medikamenteneingabe sowie zur Verkleinerung des Magens (Absaugen von Gas und flüssigem Mageninhalt) bei sehr kritischen Patienten verwendet werden.

Neben dem Schmerzmanagement kommt der Infusionstherapie eine große Bedeutung zu. Ileuspatienten weisen häufig einen schlechten Hydratationszustand auf. Diese Patienten und generell Patienten mit Schockanzeichen sollten zeitnah intravenös eine kristalloide Vollelektrolytlösung erhalten. Hierbei orientiert man sich an einem Erhaltungsbedarf von 60–80 ml/kg KGW/d zuzüglich der nötigen Menge zur Rehydrierung (Grad der Dehydratation in % x 10 x kg KGW; Kraft, Emmerich und Hein 2012).

Auf die Gabe von Glukose in der Infusionslösung sollte verzichtet werden, da betroffene Tiere infolge des Schmerz- und Schockgeschehens meist hyperglykämisch sind. Der Hydratationszustand des Patienten muss im weiteren Therapieverlauf regelmäßig kontrolliert und die Infusionsmenge gegebenenfalls entsprechend angepasst werden. Die Applikation sollte grundsätzlich intravenös erfolgen.

Subkutane Depots können von diesen Tieren häufig gar nicht mehr resorbiert werden und erzielen so nicht die gewünschte Wirkung. Die V. auricularis lateralis (Ohrrandvene) eignet sich gut zum Legen eines Venenverweilkatheters. Alternativ (z. B. bei Tieren mit sehr kleinen Ohren) kann auf die V. cephalica antebrachii oder V. saphena lateralis ausgewichen werden.

Tieren, bei denen der Verdacht auf einen Ileus besteht, wird meist Kontrastmittel zur Überprüfung der Magen-Darm-Passage eingegeben. Gängige Mittel sind hierbei Bariumsulfat oder jodhaltige Kon­trastmittel wie Gastrografin.

Laxantien wie Laktulose können hochdosiert mit 2 ml/kg KGW bis zu 3 x tgl. p. o. gegeben werden (Kraft, Emmerich und Hein 2012). Da die Magen-Darm-Motorik beim Kaninchen nur schwach ausgeprägt ist, besteht ein weiterer Punkt der konservativen Therapie darin, die Motorik des Darmtraktes anzuregen. Ziel ist es, den Fremdkörper dadurch aboral zu bewegen. Dies geschieht beispielsweise mit einem Prokinetikum (Wirkstoff, der die Magen-Darm-Peristaltik fördert) wie Metoclopramid. Auch dem Antihistaminikum Ranitidin werden gewisse prokinetische Eigenschaften zugeschrieben. Auf die Gabe von Spasmolytika (krampflösende Wirkstoffe, z. B. Butylscopolamin) sollte unbedingt verzichten werden. Diese können die Peristaltik des Magen-Darm-Traktes beim Kaninchen zusätzlich lähmen, was fatale Folgen haben kann.

Keine krampflösenden Wirkstoffe: Auf die Gabe von Spasmolytika (z. B. Butylscopolamin) muss beim Kaninchen mit gastrointestinaler Stase verzichtet werden.

Bei einer starken Aufgasung kann zur Senkung der Oberflächenspannung Dimeticon (Wirkstoff, der entschäumend wirkt) gegeben werden. Um den Magen-Darm-Inhalt „weiterzuschieben“, sollten die Tiere zusätzlich vorsichtig per Hand gefüttert werden (z. B. mit Critical Care® oder Herbi Care®). Hierbei ist aber auch Vorsicht geboten: Je nach Füllungszustand des Magens kann es zu einer Ruptur der vorgeschädigten Magenwand kommen.

Bei ungestörter Nierenfunktion hat sich die Gabe eines Magenschleimhaut-Schutzes (z. B. Sucrabest®) bewährt. Diese sollte nach oralen Medikamenten erfolgen, da sich das Präparat wie ein Schutzfilm auf die Schleimhaut des Magens legt und die Resorption verhindern kann. Zusätzlich kann bei einem dilatierten Magen ein H2-Antihistaminikum (kontrolliert die Magensäureproduktion, z. B. Ranitidin, s. o.) verdünnt intravenös gegeben werden. Die Gabe eines Antibiotikums muss individuell überdacht werden.

Wenn eine OP nicht angezeigt ist

Möglicher konservativer Therapieplan bei einem Ileuspatienten (nach Kraft, Emmerich und Hein 2012):

  • Analgesie (Metamizol 50–75 mg/kg KGW alle 6 h s. c.; Buprenorphin 0,03–0,05 mg/g alle 6 h s. c./i. v.)

  • Infusionstherapie (Erhaltung 60–80 ml/kg KGW + Grad der Dehydratation in % x 10 x kg KGW i. v.)

  • Prokinetikum (z. B. Metoclopramid 0,5 mg/kg alle 12 h s. c.)

  • Laxans (z. B. Lactulose 2 ml/kg alle 8 h p. o.)

  • Entschäumungsmittel (z. B. Dimeticon 1 ml/kg alle 6–12 h p. o.)

  • Handfütterung (z. B. Critical Care® oder Herbi Care® 50–100 ml/kg/d p. o.)

  • Wärmequelle (z. B. SnuggleSafe®) und regelmäßige Temperaturkontrolle

  • Magenschutz (z. B. Sucrabest 0,5 ml/kg alle 12 h p. o. und H2-Antihistaminikum Ranitidin 2–4 mg/kg alle 12 h verdünnt i. v.)

Chirurgische Therapie

Lässt sich ein Ileuspatient mit konservativer Therapie nicht erfolgreich behandeln oder ist der Darmverschluss so stark ausgeprägt (z. B. durch einen extrem großen Magen), dass eine sofortige chirurgische Therapie indiziert erscheint, kann eine Operation das Leben des Tieres retten. Ein gutes OP-Management ist für den positiven Verlauf essenziell, wobei der Vorbereitung des Patienten sowie der intra- und postoperativen Versorgung eine große Bedeutung zukommt.

Während der OP-Vorbereitung sollte der Patient weiterhin auf einer Wärmematte (durch ein Handtuch vor direktem Fell-/Hautkontakt geschützt) gelagert werden. Damit der rasierte OP-Bereich nicht zusätzlich auskühlt, sollte warmes Wasser für die Waschlösung gewählt werden. Wie bei allen Schockpatienten besteht auch beim Ileuspatienten ein großes Problem in der Kreislaufinstabilität des Tieres. Dies ist bei der Wahl eines geeigneten Narkose­mittels zu beachten. Auch intraoperativ ist auf ein gutes Wärmemanagement zu achten. Zur Kontrolle kann vorsichtig eine Rektalsonde zur Überprüfung der Körperinnentemperatur eingeführt werden. Reicht eine Wärmematte auf dem OP-Tisch nicht aus, können Gelkissen unterstützend seitlich am Tierkörper positioniert werden. Die Infusionstherapie sollte intraoperativ mit einer Rate von 5–10 ml/kg KGW/h mit warmer Infusionslösung fortgesetzt werden.

Wichtig ist, den Patienten auch postoperativ gut zu betreuen. Hierbei spielt ebenfalls das Schmerz- und Wärmemanagement eine große Rolle. Auch die Infusionstherapie muss postoperativ fortgesetzt werden. Sobald der Patient schluckt, kann vorsichtig mit der Handfütterung begonnen werden. Zunächst sollten kleine Mengen in kurzen Abständen (stündlich) gegeben werden.

Hinweis: Die engmaschige und gute Überwachung des OP-Patienten trägt essenziell zu einem positiven Ergebnis der Operation bei und sollte nicht vernachlässigt werden.

Entlassung

Wenn der Patient bei gutem Allgemeinbefinden ist, Kot abgesetzt hat und seine physiologische Körpertemperatur eigenständig halten kann, ist es möglich, das Tier zu entlassen. Aber auch Zuhause ist, je nach Verlauf, noch für einige Tage eine engmaschigere Kontrolle und Betreuung durch den Patientenbesitzer nötig. Dieser ist genau zu instruieren, welche Medikamente über welchen Zeitraum gegeben werden müssen. Hierbei kann es sinnvoll sein, dem Besitzer die orale Medikamenteneingabe zu zeigen. Oft ist es diesem nicht möglich, die tatsächliche Futteraufnahme des Patienten zuverlässig zu beurteilen. Daher hat sich eine tägliche Gewichtskontrolle des Kaninchens als sinnvoll erwiesen, um möglichen Gewichtsverlusten mit Handfütterung entgegenwirken zu können.

Literatur: Kraft W, Emmerich IU, Hein J (2011): Dosierungsvorschläge für Arzneimittel bei Kleinnagern, Kaninchen und Frettchen. Schattauer, Stuttgart.

Über die Autorinnen

Dr. med. vet. Yvonne Eckert ist seit 2015 wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Heimtiere der Klinik für Heimtiere, Reptilien und Vögel der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover. Dr. med. vet. Milena Thöle ist Fachtierärztin für Heimtiere/Kleinsäuger und leitet seit 2017 die Abteilung Heimtiere der Klinik für Heimtiere, Reptilien und Vögel der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover.

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