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Verhaltensstörung bei der Katze

Kahler Bauch und nackter Schwanz: die psychogene Alopezie

Katzen sind reinlich und ausgiebiges Putzen ist für sie normal. Ist der Putzdrang jedoch so ausgeprägt, dass kahle Stellen entstehen, kann eine Verhaltensstörung dahinterstecken. Fünf Fragen an Expertin Patricia Solms.

Die psychogene Leckdermatitis ist eine autoaggressive Verhaltensstörung. Welche Ursachen können dahinterstecken?

Die Ursachen sind leider sehr vielfältig, was das Herausfinden der genauen Umstände manchmal erschwert. Häufige Ursachen sind hohe Erregungslagen, Stressoren, Ängste, Konfliktsituationen und Frustrationen. Diese können zum anhaltenden Lecken als Ersatzverhalten führen, welches sich dann zum abnormal-repetitiven Verhalten weiterentwickelt. Dieses Verhalten dient vermutlich zur Reduktion von Stress, welches später auch - unabhängig von der jeweiligen Ursache - generalisieren kann (Emanzipation des Verhaltens). Dies wiederum trägt leider zur hohen Stabilität der Erkrankung bei und verursacht dadurch eine erhebliche Löschungs- und damit auch Therapieresistenz.

Ist es möglich einer Katze ein solches Verhalten wieder abzutrainieren?

Da abnormal-repetitive Verhaltensweisen keine „Untugenden“ sind, sondern eine manifestierte klinische Verhaltesstörung darstellen, ist es mit einem Training leider nicht getan. Einem Menschen, der sich zwanghaft die Hände wäscht, kann man auch nicht einfach sagen, dass er das wieder lassen soll. Dies bedarf einer Verhaltenstherapie - sowohl beim Menschen, als auch bei der Katze. Vor allem Bestrafungen des Verhaltens sollten vermieden werden. Durch die Bestrafung der Tiere werden die Ursachen wie Angst, hohe Erregungslagen, Konfliktverhalten und Frustration verstärkt und damit das Verhalten eher begünstigt, statt es zu unterbrechen.

Wie gehen Sie bei solchen Patienten vor?

An erster Stelle sollte immer die klinische Untersuchung stehen, denn auch organische Erkrankungen wie beispielsweise Schmerzen führen zu Stress und können eine psychogene Leckdermatitis auslösen. Die Therapie dieser Störung verlangt demnach eine ausführliche Befunderhebung, unter Berücksichtigung aller individuellen Fragestellungen des jeweiligen Verhaltensproblems und dem Ausschluss sämtlicher (auch organischer) Differenzialdiagnosen. Wenn keine organische Erkrankung zu Grunde liegt, ist die Verhaltenstherapie so unterschiedlich und individuell wie die Ursachen selbst. Zum Beispiel brauchen Tiere, welche das Verhalten aufgrund von Langeweile ausführen, mehr Auslastung, wohingegen Tiere, die das Verhalten aufgrund von Stress zeigen, mehr Routine in ihrem Alltag benötigen.

Hilft es das Verhalten zu ignorieren?

Das Ignorieren des Verhaltens hilft meiner Erfahrung nach nur, wenn zuvor eine Fehlkonditionierung des Verhaltens stattgefunden hat - beispielsweise ein Verhalten durch Aufmerksamkeit belohnt wurde. Und selbst da ist der Erfolg durch Ignorieren fragwürdig. Oftmals ist das Ausüben des Leckverhaltens selbstbelohnend. Daher führt Ignorieren oftmals nur zur Verschlimmerung des Verhaltens und kann daher nicht generell als empfehlenswert angesehen werden.

Welche medikamentösen Möglichkeiten stehen Tierärzten zur Verfügung?

In der Veterinärmedizin ist die Auswahl an Medikamenten für diese Erkrankung sehr eingeschränkt, sodass häufig auf verschiedene Stoffklassen von Psychopharmaka der Humanmedizin zurückgegriffen wird und umgewidmet werden muss. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass die medikamentöse Therapie nicht unproblematisch ist - Katzen sind keine kleinen Menschen - und daher erfahrenen Tierärzten vorbehalten bleiben sollte. Zudem ist der Einsatz nicht als schnelle Lösung des Problems, sondern vielmehr als unterstützende Maßnahme zu betrachten und erfordert einen bedachtsamen Umgang mit der jeweiligen Substanz. Häufig müssen diese Medikamente über 6-12 Wochen, oftmals mit sukzessiver Dosiserhöhung, verschrieben werden, bevor die ersten Erfolge erzielt werden können. Des Weiteren ist zu beachten, dass Psychopharmaka auch Nebenwirkungen haben können, sodass beim Einsatz die Risiken gegenüber dem Nutzen abgewogen werden sollten.

Hilfreiche Lektüre zum Thema bietet der Praxisleitfaden „Verhaltensprobleme bei der Katze - Von den Grundlagen bis zum Management“. Auf 200 Seiten geben Patricia Kaulfuß, Kerstin Röhrs, Waltraud Nüßlein, Dorothea Döring, Daniela Zurr und Sabine Schroll - sechs renommierte, verhaltenstherapeutisch tätige Tierärztinnen - Tipps für die tägliche Praxis und schildern nachvollziehbare Therapieansätze. Als Extra gibt es zahlreiche Hand-Outs für Patientenbesitzer. Das Buch können Sie hier bestellen.

Verhaltensprobleme bei der Katze - Von den Grundlagen bis zum Management. Schlütersche Verlagsgesellschaft, 200 Seiten, 72 Abbildungen, 6 Tabellen, ISBN: 9783899939743

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