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Angsterkrankungen können den Alltag von Betroffenen stark einschränken.
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Angsterkrankungen können den Alltag von Betroffenen stark einschränken.

Symptome und Behandlungen

Keine Panik!? Von wegen.

Wenn Panikattacken den Alltag regieren, kann es schwer fallen, für Patienten da zu sein. Wir erläutern, was Panik ist und was Betroffene tun können.

Von Lisa-Marie Petersen

Klimakrise, Coronapandemie, Ukraine-Krieg – es scheint, als ob auch in 2022 immer neue Krisenwellen heranrollen, welche verunsichern und die psychische Widerstandskraft (= Resilienz) auf die Probe stellen. Tierärzte und TFAs sehen sich mit einer hohen Arbeitsbelastung, Personalmangel und verunsicherten Besitzern konfrontiert und brauchen gute Coping-Mechanismen, die diesen Dauerstress abpuffern können.

Ein Phänomen, von dem es seit dem Auftreten des Coronavirus immer mehr zu lesen gibt, sind Panikattacken. Diese plötzlich auftretenden Anfälle von Angst scheinen alle Teile der Bevölkerung zu fluten und in die Notaufnahmen von Krankenhäusern zu spülen. Das Problem: Betroffene  haben einen hohen Leidensdruck, werden aber häufig falsch behandelt oder fühlen sich nicht ernst genommen. 

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Das Gefühl der Angst ist einem jeden von uns bekannt,  denn es gehört zu den existenziellen Grunderfahrungen des Menschen. Wenn im Dienst plötzlich komische Geräusche auftauchen oder der Besitzer übergriffig wird, beginnt das Herz zu pochen, der Mund wird trocken und der Atem flacht ab. Das sind die körperlichen Reaktionen auf die Sympathikusaktivierung. Bei höchster Erregung verändert sich die kognitive Leistungsfähigkeit, da sich die Aufmerksamkeit auf die Gefahrensituation einengt und der Muskeltonus ist erhöht: Der Körper bereitet sich auf die Flucht vor. Also diese Abläufe sind physiologisch, sofern eine tatsächliche Bedrohung vorliegt. 

Was sind Panikattacken?

Auch Menschen mit Panikattacken empfinden Angst und all die damit verbundenen körperlichen Alarmsignale, allerdings mit dem großen Unterschied, dass keine reale Bedrohung existiert. Die anfallsartige, starke Angst tritt demnach ohne objektivierbare Ursache und ganz plötzlich auf.  Da neben der körperlichen Komponente auch die emotionale,  kognitive sowie motorische Ebene aktiviert wird, stellen Panikattacken eine überwältigende Grenzerfahrung dar, die Betroffene so schnell nicht wieder vergessen.  Häufig treten Schwitzen, Zittern, Brustschmerz, Herzrasen, Schwindel und Atemnot/Erstickungsgefühle bis hin zur Todesangst auf.  Obwohl der Gipfel der Angst-Symptomatik meist innerhalb der ersten Minuten erreicht ist, können die Symptome bis zu einer Stunde anhalten. Menschen, die von einer Panikattacke durchgeschüttelt werden, fahren häufig in die Notaufnahme oder rufen einen Krankenwagen, da sie fürchten, einen Herzinfarkt zu haben und ihr Leben bedroht sehen. Wenn die Notfallmediziner keine organische Ursache finden können, fühlen sich Betroffene nicht ernst genommen und es entsteht der Gedanke „ich werde verrückt“ oder auch „keiner kann mir helfen“. Da Angstattacken ein sehr prägendes Ereignis darstellen, kann nach mehreren Attacken die Furcht vor einem weiteren Anfall (Erwartungsangst) den Alltag bestimmen und zu einem ausgeprägtem Vermeidungsverhalten führen. Kommt es zu Verhaltens- und Persönlichkeitsveränderungen sprechen Psychiater von einer Panikstörung.

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Panik im Berufsalltag

Angsterkrankungen zählen neben Depressionen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen: Laut statistischen Erhebungen erlebt jeder fünfte Mensch im Laufe seines Lebens einmal eine Panikattacke, bei fünf Prozent der Bevölkerung entwickelt sich eine Panikstörung daraus. Noch häufiger sind objektbezogene Ängste (Phobien). Da  Frauen doppelt so häufig erkranken wie Männer, ist es sehr wahrscheinlich, dass es in der überwiegend weiblichen Berufsgruppe der Tierärzte und TFAs Betroffene gibt, die durch Panik in ihrem Privat- und Arbeitsleben eingeschränkt werden. So berichten Kolleginnen und Kollegen, dass die Erwartung eines Notdienstwochenendes Stress, Migräne, Schlaflosigkeit oder gar Angst auslöst. Wie empfänglich ein Mensch für Angstauslöser ist, hat mit der individuellen genetischen Ausstattung, der Erziehung, Lernprozessen sowie Persönlichkeitskomponenten zu tun. Leider haben Fälle emotionaler Erpressung sowie Handgreiflichkeiten unter Patientenbesitzern zugenommen, wie die Vorträge auf dem BSAVA-Kongress sowie die Vorfälle in der Tierklinik Sottrum gezeigt haben. Bei einem vulnerablen Menschen können solche Situationen eine überschießende Angstreaktion triggern. Verfügt dieser nicht über ausreichend oder ungünstige Bewältigungsstrategien, kann die psychische Überlastung eine Angststörung provozieren, wobei Panik situations- und objektunabhängig auftritt.

Was tun bei Panik?

Da es in Begleitung von Angst und Panik kaum möglich ist im Berufsalltag zu funktionieren und den Patienten adäquat zu helfen, sollten Sie die Symptomatik ernst nehmen. Je früher die Behandlung von Angststörungen gestartet wird, desto erfolgsversprechender ist die Therapie. Hierbei gilt es unbegründete Ängste frühzeitig zu enttarnen, zum Beispiel indem Sie sich die folgenden Fragen stellen: Gibt es einen realen Grund für Ihre Angst? Lassen Sie sich im Alltag einschränken oder vermeiden Sie Situationen, die Angst auslösen? Ziehen Sie sich zurück und werden immer einsamer? Wie sehr belastet das Gefühl der Angst Ihr Handeln und Denken?

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Ängste haben immer einen Ursprung und können auch die Begleiterscheinung von organischen und seelischen Krankheiten sowie Drogenmissbrauch sein. Zunächst sollte daher ein Arzt abklären, ob es körperliche Ursachen für die Anfälle gibt. So verursachen einige Krankheiten wie Schilddrüsenerkrankungen und Herzerkrankungen ähnliche Symptome wie eine Panikattacke. Da Alkohol und Koffein ebenfalls Panikattacken auslösen können, sollten Sie auf diese Substanzen verzichten. Zusätzlich wird Ausdauersport empfohlen.  Kommt es weiterhin zu anfallsartiger Angst, sollte ein Psychotherapeut sowie ggf. ein Psychiater kontaktiert werden, um die seelischen Ursachen der Angst zu explorieren.  Für die Behandlung stehen psychotherapeutische Verfahren sowie Medikamente zur Verfügung. Am effektivsten ist nach Studienlage störungsorientierte kognitive Verhaltenstherapie, in der sich der Betroffene gemeinsam mit dem Therapeuten seiner Angst stellt und Strategien zur Angstbewältigung erlernt. Steht kein Verhaltenstherapeut zur Verfügung oder ist die Symptomatik bereits chronisch, empfiehlt sich die Monotherapie mit SSRIs (selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern). Auch je schneller die Problematik angegangen wird, desto höher die Erfolgsaussichten und desto kürzer der Leidensweg.

Der Teufelskreis der Angst

  • Wahrnehmung eines körperlichen Reizes wie Herzklopfen
  • Kognitive Verarbeitung dieses Reizes: Harmlose Körpersensationen werden gedanklich als Gefahr bewertet
  • Emotionale Reaktion: Da lauert Gefahr! Angst entsteht. Es kommt zu einer physiologischen Stressreaktion
  • Körperliche Symptome werden ausgelöst: Tachykardie und Tachypnoe, Schwitzen, Zittern
  • Wahrnehmung der körperlichen Symptome und damit Bestätigung der Katastrophengedanken: „Jetzt bekomme ich einen Herzinfarkt!“

Über die Autorin

Als Tierärztin horcht Lisa-Marie Petersen gern am Ort des Geschehens nach: Was beschäftigt die Tiermedizin derzeit? Interessante Themen verarbeitet die Fachjournalistin dann in redaktionellen Beiträgen für Print- und Onlinemedien.

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