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Notdienst in Tierklinken

Nachts bleiben die Türen zu

Immer mehr Tierkliniken geben ihren offiziellen Klinikstatus ab. Den 24-Stunden-Notdienst können und wollen sie nicht mehr leisten.

Inhaltsverzeichnis

Von Dr. med. vet. Viola Melchers

Hunde-, Katzen- und Heimtierstation für bis zu 30 Patienten, 20 teilweise hochspezialisierte Tierärzte, moderne Diagnostik- und Therapiemöglichkeiten – und doch ist die Tierklinik Egelsbach seit April dieses Jahres keine „Tierärztliche Klinik“ mehr.

Den Klinikstatus haben Dirk Braun und seine Kolleginnen abgegeben, weil sie sich nicht in der Lage sahen, den von der Kammer geforderten Bereitschaftsdienst rund um die Uhr anzubieten und gleichzeitig das Arbeitszeitgesetz einzuhalten. „Jetzt machen wir um 22 Uhr den Laden dicht, um 8 Uhr morgens machen wir wieder auf“, berichtet Braun. Mit dieser Entscheidung steht das „Fachtierärztezentrum für Kleintiere“ nicht alleine da: Die aktuelle Tierärztestatistik der Bundestierärztekammer (BTK) zählt für 2017 22 Kliniken weniger als noch drei Jahre zuvor.

Nachtarbeit ist nicht beliebt

Das Gesetz schreibt eine Arbeitszeit von acht Stunden am Tag (oder in der Nacht) vor, nur in Ausnahmefällen darf bis zu zehn Stunden gearbeitet werden. Das größere Problem für die Kliniken ist die vorgeschriebene Ruhezeit von elf Stunden nach einem Arbeitstag. Das bedeutet: Wenn der Neurochirurg im Notdienst eine Wirbelsäulen-OP übernehmen muss, kann er am nächsten Tag nicht arbeiten, alle anstehenden Operationen müssen verschoben werden. „Durch den Nachtdienst verliere ich so Fachkompetenz am Tag“, fasst Braun zusammen. „Eine Bereitschaft rund um die Uhr ist so nicht umzusetzen, wenn man reell einen Betrieb leiten will.“

Das Arbeitszeitgesetz gibt es zwar schon seit 1994, doch in der Tiermedizin wurde es lange großflächig ignoriert oder fälschlicherweise davon ausgegangen, dass ähnliche Ausnahmeregelungen existieren wie in der Humanmedizin. Vermehrte Kontrollen der Gewerbeaufsichtsämter und erste Bußgeldforderungen an Klinikinhaber haben das Gesetz nachdrücklich in Erinnerung gebracht.

Uwe Tiedemann, Präsident der Bundestierärztekammer (BTK), sieht neben dem Arbeitszeitgesetz weitere Gründe für den Schwund tierärztlicher Kliniken: „Banken sind nicht mehr so bereit, Klinikübernahmen zu finanzieren. Die Arbeitszeiten sind häufig nicht mit Familie und Beruf zu vereinbaren.“ Auch Klinikleiter Braun berichtet über Schwierigkeiten, qualifiziertes Personal zu finden, das bereit ist, nachts zu arbeiten. Er erklärt sich das unter anderem mit der Verweiblichung des Berufes. „Frauen sind für mich die besseren Tierärzte“, lacht er – in der Klinik arbeiten außer ihm nur Tierärztinnen. „Aber in Deutschland wird immer noch nicht akzeptiert, dass die Frau das Geld nach Hause bringt“, meint Braun. Mit der Familiengründung würden viele Frauen daher beruflich deutlich zurückstecken.

Im Notfall sind die Wege weit

Die BTK sieht die Notdienstversorgung gefährdet: „Nicht nur durch die Abnahme der Kliniken, sondern durch eine geänderte Einstellung zur Übernahme von Notdiensten durch Nichtkliniken“, so Tiedemann. Viele Tierärzte haben außerhalb der Sprechstunden gerne auf nahe gelegene Kliniken verwiesen. Braun findet: „Die Haustierärzte haben sich aus dem Notdienst zurückgezogen. Zwischen dem Odenwald und Frankfurt waren wir die einzigen mit Bereitschaftsdienst rund um die Uhr.“ Und jetzt, wo auch in Egelsbach um 22 Uhr Schluss ist? „Wir haben uns vorher gefragt: Können wir das verantworten, dass da Tiere mit Magendrehung oder Kaiserschnitt vor der Tür stehen und wir machen nicht auf. Wir leiden darunter! Aber es war nicht anders möglich“, sagt Braun.

Für Tierbesitzer können die Reduzierung der Kliniken und die oft lückenhafte Notdienstversorgung sehr weite Fahrtzeiten bedeuten. Auch die Kosten für eine Notfallversorgung könnten steigen, denn verbleibende Kliniken müssen vermutlich Personal aufstocken, um weiterhin 24 Stunden an sieben Tagen einsatzbereit zu sein.

Notdienst: Eine Neuorganisation tut not

An einem Wochenende sah die Tierklinik Egelsbach früher 150 Patienten, darunter sowohl solche mit Flohbefall oder chronischem Durchfall als auch lebensbedrohliche Notfälle. Um diese Tiere gut betreuen zu können, sind laut dem Klinikleiter mindestens drei Tierärzte nötig. „Für unsere Tierärzte waren diese Dienste eine sehr große Belastung, das kann eine Klinik nicht durchhalten“, berichtet Braun. Deshalb würde er die Entscheidung, den Klinikstatus abzugeben, genauso wieder treffen: „Mein Personal ist jetzt glücklicher!“

Damit ein 24-Stunden-Bereitschaftsdienst für Kliniken wieder besser umsetzbar ist, müsste sich nach Brauns Ansicht die Rechtslage ändern. Entweder durch einen Tarifvertrag, der eine Ausnahmeregelung nach dem Vorbild der Humanmedizin ermöglichen würde. Oder durch eine Gesetzesänderung durch die, wie in der Schweiz 2017 geschehen, das Arbeitszeitgesetz für Tierärzte gelockert würde. Was den Notdienst angeht, sieht Braun Kliniken und Haustierärzte gleichermaßen in der Pflicht: „Wir brauchen das Verständnis: Ich bin Mediziner, also muss ich anders arbeiten als andere Leute.“ Denkbar wären auch ganz neue Lösungen wie Nachtkliniken, wie es sie zum Beispiel in Großbritannien gibt, vielleicht sogar als gemeinsames Projekt verschiedener Kliniken in einer Region. Die BTK hat eine Arbeitsgruppe „Notdienst“ gegründet, die sich zu verschiedenen Lösungsansätzen berät.

Derweil brennen in der Tierklinik Egelsbach auch weiterhin nachts die Lichter: Noch immer sind rund um die Uhr eine Tierärztin und eine TFA da, um stationäre Patienten zu versorgen und eventuelle Anrufe der Besitzer frisch operierter Tiere zu beantworten. Die bekommen nämlich eine Notfallnummer – Braun war es wichtig, diese Patienten nicht alleinzulassen.

Notdienst ist teuer

60.000 Euro zusätzlichen Umsatz müsste eine Tierklinik im Monat machen, damit sich eine 24-Stunden-Bereitschaft lohnt, rechnete Hans-Peter Ripper, Praxisberater des Bundesverbandes praktizierender Tierärzte  e. V., Anfang des Jahres anlässlich der „Berufspolitischen Stunde“ in Bielefeld vor. Mindestens drei, eher vier Tierärzte in Vollzeit und ebenso viele Fachangestellte seien nötig, um 120 Stunden Bereitschaftsdienst in der Woche abzudecken, ohne gegen das Arbeitszeitgesetz zu verstoßen.

Der Klinik-Föderalismus

Eine Genehmigung der Kammer ist überall in Deutschland nötig, um eine Tierärztliche Klinik zu führen. Doch die Anforderungen an Personal, Räumlichkeiten und Ausstattung werden von den Landestierärztekammern festgelegt und unterscheiden sich teilweise erheblich. Dies sind zentrale Anforderungen an das Personal:

  • Ständige Dienstbereitschaft wird von fast allen Kammern vorgeschrieben, eine Ausnahme ist Hamburg.

  • Mindestens fünf Tierärzte inkl. Betreiber schlägt die Musterklinikrichtlinie der BTK vor. In vielen Ländern gelten geringere Zahlen, in Niedersachsen reichen z. B. zwei Tierärzte aus.

  • Besondere Qualifikation wird gefordert, oft muss die Leitung bei einem Fachtierarzt liegen. Auch eine bestimmte, je nach Land unterschiedliche Menge an anerkannten Fortbildungsstunden ist Pflicht.

Über die Autorin

Als Fachjournalistin arbeitet Dr. med. vet. Viola Melchers vor allem für die Fachzeitschrift Der Praktische Tierarzt und das Portal Vetline.de. Die promovierte Tierärztin schreibt über Spannendes aus der veterinärmedizinischen Praxis und Wissenschaft.

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