Foto: Lisa-Marie Petersen

Praxisreportage

Reha für Tiere

In der Reha-Praxis von Cécile-Simone Alexander werden nicht nur Hunde wieder fit gemacht. Die Tierärztin hilft auch Besitzern, die Reha durchzustehen.

Von Lisa-Marie Petersen

Der größte Unterschied zu ihrer vorherigen haustierärztlichen Tätigkeit ist für Cécile-Simone Alexander auch einer der schönsten: Patienten, die sie kennen, kommen in der Regel ohne Angst und mit einem Schwanzwedeln ins Behandlungszimmer. Die Hunde wissen: Hier erwarten mich keine Spritzen und Schmerzen, hier gibt es eine Massage oder lustige Übungen auf dem Trampolin. Danach fühlen sich die Spaziergänge wieder leichter an.

Als Pionierin gestartet

Seit zehn Jahren gibt es die Praxis für Physiotherapie und Rehabilitation im grünen Berlin-Zehlendorf bereits, genau gegenüber vom Universitätscampus der tierärztlichen Fakultät. Reha für Tiere anzubieten, damit war Alexander zu Beginn ihrer spezialisierten Tätigkeit eine Pionierin. Zu dem Zeitpunkt gab es weder Fortbildungen noch deutschsprachige Literatur. Die Idee? Wurde bei einem Abendessen geboren. „Ich hatte Freunde, die als Physiotherapeuten arbeiteten, und nach vielen Jahren in der allgemeinmedizinischen Praxis Lust auf eine Weiterentwicklung hatten“, erzählt Alexander, die heute eine Mitarbeiterin beschäftigt.

Doch die Idee in die Tat umzusetzen war mit vielen Herausforderungen verbunden: Humanmedizinische Ausbildungsstätten akzeptierten die Tierärztin nicht und von Kollegen erfuhr sie viel Gegenwind. Vielleicht hätte sie alles hingeschmissen, wenn ihr Doktorvater Horst Keller und der damalige Leiter der Physiologie Holger Martens ihr nicht am Anfang vor gut 20 Jahren den Rücken gestärkt hätten. Sie integrierte die Spezialisierung in ihre Allgemeinpraxis, bis dies zeitlich und mit dem Qualitätsanspruch nicht mehr vereinbar war. Ihre Allgemeinpraxis gab sie ab, um zeitgleich eine reine Rehabilitationspraxis zu gründen.

„Diese Spezialpraxis zu eröffnen war durchaus riskant, auch finanziell“, so Alexander, die in ein Trocken- und Unterwasserlaufband investierte. Zudem fiel es der Tierärztin nach der langen, klassisch-tierärztlichen Tätigkeit in Steglitz nicht leicht, „so viel Medizin aufzugeben“. Inzwischen sprießen Tierphysiotherapeuten an jeder Ecke aus dem Boden. „Leider haben die wenigsten einen tierärztlichen Hintergrund“, bedauert die Spezialistin, die auch als Dozentin arbeitet (. Kasten). Von schnellen Wochenendkursen hält sie wenig. Für die unterschiedlichen Bereiche der physikalischen Medizin gibt es schließlich auch medizinische Kontraindikationen, die erkannt werden müssen. So sollten z. B. lungen- oder herzkranke Tiere nicht aufs Unterwasserlaufband, Patienten mit Milztumoren gehören nicht in physiotherapeutische, sondern in chirurgische Hände.

Hausaufgaben von der Tierärztin

Die Besitzerin des ersten Patienten am heutigen Tage hat Röntgenbilder mitgebracht. Der in die Jahre gekommene West Highland White Terrier hat beachtliche Spondylosen an der Lendenwirbelsäule. „Die kann ich natürlich nicht wegzaubern, aber die verspannte Rückenmuskulatur lockern“, erklärt Alexander, die auch osteopathische Techniken anwendet. „Leider habe ich nur eine laterale Aufnahme“, bedauert sie beim Blick auf die übersandten Röntgenaufnahmen. Ein zusätzliches ventrodorsales Bild würde mir helfen, zu sehen, ob die Spondylosen auch seitlich wachsen und die Gefahr einer nervalen Kompression besteht.“ Hund und Besitzerin blicken der Behandlung entspannt entgegen. „Nach dem Besuch wird er mir wieder klarmachen, dass heute eine große Spazierrunde angesagt ist“, grinst die Halterin und ergänzt: „Wir haben auch brav die Übungen
gemacht, die sie uns gezeigt haben.“ Cécile-Simone Alexander nickt zufrieden. Statt der üblichen „Zweimal täglich eine Tablette“-Anweisung bekommen ihre Tierbesitzer andere Hausaufgaben. Das sind in der Regel drei bis vier Übungen, die sie zu Hause mit den Tieren trainieren sollen. Stretchen, Achten laufen, Gleichgewicht proben. „Ich merke schnell, ob Tierhalter trainiert haben“, lächelt Alexander – denn die Hunde zeigen, ob sie eine Übung kennen oder nicht. Ein großer Teil ihrer Arbeit besteht zudem darin, den Tierbesitzer zu begleiten: Schließlich kann die Reha gerade bei neurologischen Patienten viel Geduld erfordern. „Wir helfen Hund und Herrchen, durchzuhalten“, so die Tierärztin.

Grenzen einer Therapiemethode

Für den Behandlungserfolg braucht es also Zusammenarbeit – sowohl mit Besitzern, aber auch mit Kollegen. „Seit ich nicht mehr operiere, beschäftige ich mich intensiver mit chirurgischen Techniken als vorher“, erzählt die Spezialistin. Wieso das? „Für den richtigen Rehaplan muss ich die Operationstechnik kennen“, erklärt sie. So sind bei Kreuzbandpatienten nach einer TPLO andere Dinge zu beachten als z. B. nach einer Kapselraffung. Wichtig sind hierbei auch immer die enge Zusammenarbeit mit dem Chirurgen/Neurologen und natürlich die Kenntnis über die Grenzen der physikalischen Medizin: „Patienten, die auf den Operationstisch gehören, therapiere ich nicht."

Über die Autorin

Als Tierärztin horcht Lisa-Marie Petersen gern am Ort des Geschehens nach: Was beschäftigt die Tiermedizin derzeit? Interessante Themen verarbeitet die Fachjournalistin dann in redaktionellen Beiträgen für Print- und Onlinemedien.

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