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Schmerzmanagement Katze

Schmerz auf leisen Pfoten

Wie Sie feine Schmerzsignale im Verhalten einer Katze erkennen, richtig interpretieren und Maßnahmen zur Linderung ergreifen können.

Inhaltsverzeichnis

Von Dr. med. vet. Gabriele Rummel

Mit dem Phänomen Schmerz werden wir in der tierärztlichen Praxis täglich konfrontiert: Schmerz als Symptom von Krankheit (z. B. Pankreatitis, Arthritis), Schmerz als Folge von Verletzungen (z. B. Bisse, Frakturen), Schmerz als Begleitung chirurgischer (z. B. Kastration) und diagnostischer (z. B. Blasenpunktion) Interventionen oder gar als eigenständige Krankheit, die wir dann chronifizierten oder chronischen Schmerz nennen.

Dabei wird der Schmerz so tief im Gedächtnis verankert, dass er das Tier peinigt, auch wenn die eigentliche Ursache für den Schmerz längst abgeheilt ist. Dann tut weh, was normalerweise nicht weh tut, selbst sanfte Berührungen können sehr schmerzhaft sein.

Schmerzfreiheit bedeutet Lebensqualität und es ist eine Herausforderung, Schmerzen zu erkennen und zu vermeiden. Wichtig ist dies insbesondere für stationäre Akutpatienten, da ein optimales Schmerzmanagement den Erfolg der Operation und den Heilungsverlauf entscheidend beeinflusst.

Was Schmerz bewirkt

Schmerz ist eine physiologische Schutzreaktion, die den Organismus vor möglichen Schäden bewahrt. Er ist ein Frühwarnsystem, das Gesundheit und Überleben sichert.

Akuter Schmerz führt dazu, dass sich ein Lebewesen so schnell wie möglich dem schädigenden Einfluss entzieht. Das gelingt nicht immer. Hält der Schmerz länger an oder ist er sehr stark, schädigt er den gesamten Organismus mit weitreichenden Konsequenzen für Körper und Seele. Der Körper antwortet mit Stress (Aktivierung des Sympathikussystems). Stress ist kurzfristig sinnvoll, da er lebenswichtige Organe wie Herz und Gehirn besser mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt und biochemische Botenstoffe ausschüttet, die den Schmerz kontrollieren (Aktivierung des körpereigenen Schmerzkontrollsystems). Länger anhaltender Schmerz verursacht irreversible Schäden, die weit über eine akute Schädigung hinausgehen:

  • periphere Durchblutungsstörungen

  • Bluthochdruck

  • Tachykardie mit Hypoxie der Herzmuskulatur

  • Katabolismus (abbauender Stoffwechsel)

  • Suppression des Immunsystems

  • Verringerung der Magen-Darm-Motilität

  • Beeinträchtigung der Atemfunktion

Die emotionale Antwort darauf ist Angst. Angst wiederum erhöht den Stress und senkt die Schmerzschwelle. Im Körper (Gehirn) entstehen Umbauprozesse, die das Schmerzempfinden erhöhen (Ausbildung eines Schmerzgedächtnisses), stärkere Schmerzen lösen ihrerseits noch mehr Stress und Angst aus. Dieser Teufelskreis wirkt sich negativ auf die Genesung des Patienten aus:

  • Die katabole Stoffwechselsituation verzögert die Wundheilung.

  • Verzögerte Wundheilung und Schmerz führt zu Automutilation (Selbstverstümmelung).

  • Reduzierte Atemtätigkeit durch Schmerz im Abdomen oder Thorax erhöht die Pneumoniegefahr.

  • Reduzierte Magen-Darmtätigkeit führt zu Appetitlosigkeit und kann zu sekundären Organschäden führen.

Schmerzerkennung bei Katzen ist schwer

Das Verhalten der Katze ist sehr stark durch das Erbe ihrer wilden Vorfahren geprägt. Um nicht Opfer ihrer Feinde zu werden, zeigen sie keine Schwäche. Katzen verstellen sich und präsentieren sich immer in voller Stärke, darin sind sie meisterhaft. Während beispielsweise ein Hund mit Zahnschmerzen schlecht frisst und sich wimmernd bemerkbar macht, frisst eine Katze mit hochgradigem FORL (Feline odontoklastische resorptive Läsionen) weiter, die Besitzer wollen häufig gar nicht verstehen, dass ihre Katze unter Schmerzen leidet.

Es ist sicher, dass Katzen leiden – aber sie leiden still. Die Anzeichen des Schmerzes sind oft so subtil, dass selbst sehr erfahrene Beobachter diese kleinen Anzeichen übersehen können. Erschwert wird unsere Wahrnehmung dadurch, dass stationäre Katzen zusätzlich emotionalen Stress in Form von Angst zeigen und es für uns sehr schwierig ist, zwischen Schmerz und Angst zu differenzieren.

Schmerz bei der Katze äußert sich meist als Verhaltensänderung, allerdings wird das Verhalten durch viele Faktoren eines stationären Aufenthaltes beeinflusst, auch das individuelle Temperament des Patienten kann die Beurteilung erschweren. Ebenso können Medikamente Verhaltensänderungen maskieren oder unterdrücken. Katzen sitzen hinten im Käfig, zeigen Aggression und einen Mangel an normalen Verhaltensmustern.

Präoperative Analgesie

Zahlreiche Studien belegen, dass Schmerzen erfolgreich kontrolliert werden können, wenn die Schmerztherapie vor Auslösen des schmerzhaften Eingriffs erfolgt. Optimal ist es, wenn überhaupt kein Schmerz entsteht, jegliche Sensibilisierung (peripher und zentral) sollte unterdrückt werden. Die Schmerzunterdrückung beginnt 30–45 Minuten vor dem Eingriff und ist am erfolgreichsten multimodal, d. h. es werden unterschiedliche Medikamente kombiniert (Opioid mit NSAIDs).

Da emotionaler Stress das Schmerzempfinden ungünstig beeinflusst, sollten für die Katze präoperativ Bedingungen geschaffen werden, die den Stress verringern. Am besten geeignet ist eine ruhige, reine Katzenstation. Der Raum und die Unterlagen der Katze sollten mit Pheromonen (z. B. Feliway®) besprüht werden und der Umgang mit den Patienten sehr liebevoll sein.

Die Katze sollte schon jetzt beobachtet werden, um ihr Verhalten bereits vor der Operation einschätzen zu können. Ist sie ein schüchterner Typ und versteckt sich unter ihrer Decke, so muss dieses Verhalten nach der Operation nicht als ungewöhnlich eingestuft werden und ist vernachlässigbar.

Intraoperative Analgesie

Hier sind Lokalanästhesie, Leitungsanästhesie (Zähne) Nervenblockade, Epiduralanästhesie, Schmerzmittel als Dauertropf, Anpassung der Schmerzmittel und Anästhesie anhand der Vitalparameter (Blutdruck, Herzfrequenz, EKG, Oxymetrie) sowie vorsichtiges Handling von Organen in der OP (Druck löst Schmerz aus) zu nennen. Dazu gehört auch, dass die narkotisierte Katze sehr vorsichtig berührt und weich gelagert wird.

Postoperatives Schmerzmanagement

Hier liegt das große Aufgabengebiet der TFA, denn sie übernimmt die Überwachung der Patienten auf der Station. Die Versorgung auf Station ist genauso wichtig wie die Operation, denn sie ist ausschlaggebend für eine schnelle und erfolgreiche Erholung des Patienten.

Die Kontrolle des Patienten hat direkt nach der Operation sehr engmaschig zu erfolgen, in den ersten zwei Stunden alle 15–30 Minuten und die nächsten 6–8 Stunden alle 60 Minuten.

Natürlich besteht ein erhöhtes Schlafbedürfnis nach der Operation, was wir dem Patient auch ermöglichen. So muss die Kontrolle der Vitalparameter so sanft wie möglich erfolgen und auch aufgezeichnet werden, ob die Analgesie ausreichend ist. Sehr wichtig ist, dass die Gabe von Schmerzmitteln frühzeitig erfolgt und vor allem immer nachkontrolliert wird, ob das Schmerzmittel auch gewirkt hat. Die intravenöse Gabe von Schmerzmitteln hat eine extrem kurze Wirkungsdauer, fünf bis maximal zehn Minuten später muss die Katze schmerzfrei sein.

Je aufmerksamer der Patient beobachtet wird, umso sicherer ist, dass er nicht in ein Schmerzgeschehen abrutscht. Von großer Bedeutung ist, dass der Patient nicht nur akut effektiv behandelt wird, sondern auch lange genug. Akute Schmerzpatienten sollten nicht nach Hause entlassen werden!

Grundsätzlich gilt, dass für die Katze auf Station das Umfeld so angenehm wie möglich zu gestalten ist:

  • Einsatz von Pheromon (z. B. Feliway®)

  • Care-Paket mit Decken mit Geruch von zu Hause

  • Lieblingsspielzeug

  • Möglichkeit zum Rückzug (Versteck unter Decke, Iglubox)

Schmerzen richtig beurteilen

Zur Schmerzmessung stehen heutzutage Schmerzskalen wie beispielsweise die Glasgow-Schmerzskala (s. u.) zur Verfügung, die helfen, das Schmerzempfinden der Katze einzuschätzen und anhand eines Punktesystems zu bewerten. Ein solches Bewertungssystem sollte jeder TFA vertraut sein und immer eingesetzt werden. Beurteilt werden:

  • Verhalten vor und nach der OP, Position in der Box

  • Reaktion auf Wundkontrolle

  • Aufmerksamkeit

  • Körperhaltung

  • Kopfhaltung

  • Ohrenstellung

  • Augenstellung

  • Gesichtsausdruck

Es ist sehr wichtig, die Prüfparameter einer Schmerzskala zu üben, denn erst mit ausreichender Erfahrung wird der Blick geschult und die Sprache der Katze verstanden.

Die Katze mit ausreichender Schmerzunterdrückung macht einen zufriedenen Eindruck, die Augen sind klar, die Ohren stehen nach oben, ihr Verhalten ist aufmerksam, der Körper entspannt, die Pfötchen in Katzenmanier unter den Körper geschlagen.

Die Katze mit Schmerzen will sich nicht anfassen lassen, kann aggressiv werden, kann träge oder unruhig sein, ist desinteressiert, schlägt mit dem Schwanz, sitzt geduckt mit gekrümmtem Rücken im Käfig, die Ohren sind zur Seite oder nach hinten gestellt, die Augen geschlossen, der Kopf gesenkt, die Pfoten nicht unter den Körper geschlagen. Zieht die Katze den Kopf ein und kneift die Augen zusammen, so ist das sogar ein Zeichen von großen Schmerzen. Diese zeigt die Katze oft auch, indem sie auf der Seite liegt, die Augen zukneift und die Ohren zur Seite legt.

Hier wird die große Verantwortung der TFA bei der Betreuung der Operationstiere deutlich: Sie entscheiden mit Ihrem Engagement und Wissen mit, ob sich eine Katze schnell und schmerzfrei mit allen Vorteilen der Heilung erholt und Sie können helfen zu verhindern, dass sich ein Schmerzgedächtnis entwickelt. Katzen, bei denen sich ein Schmerzgedächtnis entwickelt hat und die sich z. B. nach einer Operation in der Klinik zuhause nicht mehr anfassen lassen, sind nach Aussagen der Besitzer „nie mehr wie vor der OP“.

Da das Schmerzempfinden immer ganz individuell ist, ermöglicht nur die standardisierte Anwendung einer Schmerzskala bei jedem Patient die optimale individuelle Schmerzbehandlung. So kann die einfache Katerkastration beispielsweise für Kater Micky sehr schmerzhaft sein und für Kater Tommy überhaupt nicht. Es ist unsere Aufgabe zu gewährleisten, dass eine Katze möglichst zu keinem Zeitpunkt Schmerzen hat, unsere modernen Schmerzmittel machen das möglich. Kein Patient muss leiden – hier hat die TFA eine Schlüsselrolle und trägt große Verantwortung.

Praxistipp: „Die „Glasgow Composite Pain Scale für Hunde und Katzen“ finden Sie unten auf der Seite als Anhang zum kostenlosen Herunterladen. Tierärzte können die Schmerzskala als Formularblock (30 Seiten, Bestellnummer 1402) und kostenlosen Metacam®-Service für die Praxis bestellen – solange der Vorrat reicht.

Bestelladresse: Boehringer Ingelheim Vetmedica GmbH, Binger Straße 173 55216 Ingelheim/Rhein; www.vetmedica.de Fax: 06132-776332

Über die Autorin

Dr. med. vet. Gabriele Rummel ist Tierärztin in eigener Praxis in Nidderau. Ihr besonderes Interesse gilt den Erkrankungen der Katze. Sie ist Gründungs- und Vorstandsmitglied der Arbeitsgruppe Katzenmedizin der DGK-DVG und der Deutschen Gruppe Katzenmedizin sowie Mitglied der International Society of Feline Medicine (ISFM). Ihre Praxis ist als „cat friendly practice“ durch die ISFM zertifiziert.

Zusammengesetzte Glasgow-Schmerzskala bei der Katze und beim Hund

Glasgow Composite Measure Pain Scale: CMPS - Feline and Dog

© Boehringer Ingelheim

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