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Steckbrief

So beugen Sie Verhaltensstörungen bei Zwerghamstern vor

Die Haltung von Zwerghamstern empfiehlt sich in Pärchen oder gemischten Gruppen.

Von Dr. med. vet. Patricia Kaulfuß und Daniela Rickert

Macht sich ein Halter vor der Aufnahme eines Heimtiers schlau, weiß er über dessen Bedürfnisse Bescheid und kann so möglichen Verhaltensstörungen vorbeugen.

Systematik

Mäuseverwandte – Mäuseartige – Hamster

Lebenserwartung

Dsungarischer Zwerghamster 2–3 Jahre, Roborowski Zwerghamster 1,5–2 Jahre

Geschlechtsreife

Dsungarischer Zwerghamster 4–5 Wochen, Roborowski Zwerghamster 14–24 Tage

Herkunft

Mittlerweile sind ca. 20 verschiedene Zwerghamsterarten entdeckt worden. Am häufigsten als Heimtiere gehalten werden der Dsungarische Zwerghamster, der Campbell Zwerghamster und Hybriden aus beiden Arten sowie der Roborowski Zwerghamster. Die Herkunft der Zwerghamster ist unterschiedlich. Das natürliche Verbreitungsgebiet der Dsungarischen Zwerghamster ist Kasachstan und Südwest-Sibirien. Sie wohnen in relativ kargen Steppengebieten und ernähren sich in erster Linie von Gräsern, Kräutern und Insekten. Ihre natürliche Fellfarbe ist grau, mit einem dunklem Rückenstrich und weißem Bauch. Im Winter wechseln sie ihr Fell und werden weiß, ein Indiz dafür, dass sie keinen Winterschlaf halten bzw. auch im Winter aktiv sind und auf Futtersuche gehen müssen. Allerdings können sie im Winter ihre Körpertemperatur absenken, um weniger Energie zu verbrauchen (Torpor). Dabei zehren sie eher von Fettreserven und nehmen an Gewicht ab. Die Tiere leben in freier Wildbahn teilweise allein, mitunter auch als Paar. Der Bock wird häufig allerdings nach erfolgreicher Befruchtung vor der Geburt aus dem Nest vertrieben und lebt dann allein.

Das natürliche Verbreitungsgebiet der Campbell Zwerghamster ist die Mongolei sowie die Mandschurei, auch in Nordchina und im südlichen Zentralsibirien wurden sie schon gefunden. Sie leben ebenfalls in kargen Steppen.

Ernährung

Die Tiere ernähren sich von Gräsern, Pflanzen und Insekten, legen keine großen Bauten an und haben keine ausgeprägte Vorratshaltung.

Campbell Zwerghamster zeigen bei der Zucht eine große Farbenvielfalt. Es gibt sie von hell bis dunkel in allen Farbschattierungen.

Sozialverhalten

Campbell Zwerghamster betreiben eine gemeinschaftliche Brutpflege, es wird angenommen, dass sie monogam leben (in Paargemeinschaft mit Nachwuchs). Als Heimtiere gehalten leben sie meist im Familienverbund zusammen. Auch gleichgeschlechtliche Paare oder sogar Gruppen leben mitunter über einen langen Zeitraum friedlich zusammen. Sie sind etwas scheuer dem Menschen gegenüber. Wild lebend halten auch sie keinen Winterschlaf, sie färben sich aber nicht um, wie der Dsungare.

Roborowski Zwerghamster

Die Roborowski Zwerghamster sind die kleinsten der drei Zwerghamster. Ihr natürliches Verbreitungsgebiet ist der Osten Kasachstan und der Norden Chinas. Dort leben sie in Wüsten und Halbwüsten und ernähren sich recht karg von Gräsern und Kräutern, weshalb man gerade bei diesen Tieren auf eine fettarme Kleinsämereienmischung mit Kräuteranteil achten sollte. Sie haben ein sandfarbenes Fell, helle Flecken über den Augen und der Bauch ist weiß. Sie haben keinen Rückenstreifen. Ihre Fußsohlen sind behaart und sie haben helle Streifen über den Augen. In der Zucht gibt es kaum Farbmutationen. Ihre natürliche Lebensweise ist kaum erforscht, vermutlich leben sie in freier Wildbahn als Paar zusammen und ziehen ihre Jungen gemeinsam auf. In der Heimtierhaltung wurden gute Erfahrungen mit Geschwisterhaltung gemacht –
aber auch dort mussten die Tiere nicht selten getrennt werden. Von allen Zwerghamstern sind sie die schlechtesten Kletterer, dafür laufen sie sehr gern. Auch wenn sie klein sind, sollten sie daher ein großes Gehege bekommen. Richtlinien der TVT (2013) besagen für alle Zwerghamster eine Gehegegröße mit den Mindestmaßen von 100 x 50 x 50 cm (L x B x H), die es ermöglicht, eine mindestens 20 cm tiefe grabfähige Bodenschicht einzubringen. Roborowski Zwerghamster wühlen und buddeln eher mäßig und mögen einen sandigen Untergrund. Wirklich zahm werden sie nur selten.

Verhaltensauffälligkeiten

Für Dsungarische Zwerghamster ist beschrieben, dass es nach der Trennung bislang dauerhaft verpaarter Tiere zur Gewichtszunahme sowie zu Verminderung sozialer Interaktion und explorativen Verhaltens kam. Die Gabe eines trizyklischen Antidepressivums beseitigte einige der Verhaltensänderungen, die durch die Trennung verursacht wurden, wenn auch nicht alle. Weitere Hinweise auf eine zumindest zeitweise soziale Lebensweise bei Dsungarischen Zwerghamstern gibt ein Experiment zur Wundheilung. Eine negative Auswirkung von psychischem Stress auf die Wundheilung bei Menschen und verschiedenen Nagerarten ist schon länger beschrieben. Wären Dsungarische Zwerghamster strikte Einzelgänger und lebten sie bei Gemeinschaftshaltung unter Dauerstress, wie dies von Hobbyhaltern derzeit oft postuliert wird, sollte bei ihnen eine Verschlechterung der Wundheilung zu erwarten sein. Genau das Gegenteil ist jedoch der Fall. Bei ihnen (wie bei anderen sozialen Nagetieren) bewirkt soziale Interaktion die Ausschüttung von Oxytozin, das stressinduzierter Kortisolausschüttung entgegenwirkt.

Dies lässt annehmen, dass bestimmte Zwerghamster-Arten den regelmäßigen Sozialkontakt zu anderen Artgenossen brauchen. Dementsprechend sollte Einzelhaltung nur dann eine Lösung sein, wenn einzelne Tiere sich überhaupt nicht mit anderen vergesellschaften lassen und es zu anhaltenden Streitigkeiten kommt. Da die Zwerghamster in der Natur üblicherweise als Paare oder Familiengruppen auftreten, könnten einige Probleme daran liegen, dass viele Halter die Pflege in rein gleichgeschlechtlichen Konstellationen versuchen – was in der Natur nicht vorkommt. Allgemein scheinen bei Hamstern (also auch bei Arten der einzelgängerischen Gattungen Goldhamster und Grauhamster) nach Erfahrung vieler Halter die Weibchen aggressiver (sowohl untereinander als auch den Männchen gegenüber) zu sein, als die Männchen untereinander sind. Damit sollte in menschlicher Obhut in vielen Fällen möglicherweise besser auf die gemeinsame Haltung mehrerer Weibchen verzichtet und stattdessen eine dauerhafte Paarhaltung von (kastrierten) Männchen mit Weibchen oder die Haltung gemischter Gruppen bevorzugt werden. Doch nicht nur die intraspezifische Aggression spielt eine Rolle, sondern auch Angst und interspezifische Aggression gegenüber den Haltern sind nicht selten. Als manifestierte Verhaltensstörung beim Zwerghamster tritt der Kronismus auf, welcher bei andauerndem Stress, Überbesatz und Eiweißmangel auftreten kann.

Über die Autorinnen

Dr. med. vet. Patricia Kaulfuß ist Tierärztin und Praxisinhaberin mit der Zusatzbezeichnung Verhaltenstherapie. Sie ist zudem Sachverständige für Sachkunde- und Wesensprüfungen.

Daniela Rickert ist Fachtierärztin für Tierschutz, arbeitet als Amtstierärztin und ist Leiterin des Arbeitskreises Zoofachhandel und Heimtiere der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz e. V. (TVT).

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