Foto: Parmentier

Ernährung

So erarbeiten sich Heimtiere ihr Futter selbst

Zur artgerechten Haltung von Heimtieren und Exoten gehört auch eine gesunde, ausgewogene Nahrung. Das Futter auf einem „goldenen Tablett“ zu präsentieren, hat jedoch seine Tücken!

Inhaltsverzeichnis

Von Sylvia Lieselotte Parmentier und Dr. med. vet. Milena Thöle

In freier Wildbahn verbringen Pflanzenfresser vier bis acht Stunden pro Tag mit Futtersuche. Dabei legen die Tiere teilweise kilometerlange Strecken zurück. Sie klettern, graben, und suchen Futter in schwer zugänglichen Verstecken. Das Futter variiert saisonal, ist manchmal rar und manchmal im Überfluss vorhanden. Somit stellt jeder Tag eine neue Situation dar. Futtersuche beziehungsweise Futtererwerb regen Gehirn und Sinnesorgane stark an und trainieren Körper und Geist.

Wird Futter jedoch in einem Napf präsentiert, fehlen Bewegung, anregende Reize und die geistige Leistung. Daraus ergeben sich Langeweile, Reizverarmung und Bewegungsmangel, was die Ursachen für Übergewicht, Teilnahmslosigkeit oder Verhaltensstörungen sein können.

Was ist zu tun?

Durch eine erschwerte Futtersuche und -aufnahme sowie Reizanregung kann man das Aktivitätslevel der Tiere immens steigern und damit Stress, Frustration und Langeweile reduzieren. Dies hilft, Verhaltensstörungen zu vermeiden und zu lindern. In der Fachsprache spricht man von „Foraging“ (= erschwerte Futtersuche/-aufnahme) und „Enrichment“ (= Reizanregung). In mehreren wissenschaftlichen Studien wurde gezeigt, dass Tiere eine erschwerte Futtersuche der Fütterung aus dem Napf vorziehen, ein schlechtes Gewissen braucht der Halter daher nicht zu haben.

Futtersuche und -gewinnung erschweren

Eine einfache Möglichkeit, die Futtersuche zu erschweren, ist eine sogenannte Wühlbox, in der Nicht-Essbares mit Essbarem kombiniert wird. Das Tier muss selbst entscheiden, was essbar ist und dieses Futter zwischen dem Nicht-Essbaren suchen. Dadurch wird die geistige Aktivität gesteigert, der Geruchs-, Seh- und Tastsinn angeregt und die Beschäftigungszeit mit dem Futter verlängert. Hierfür kann beispielsweise in einer Kiste Zeitungspapier zusammen mit Heu oder Gemüse für Nagetiere und Kaninchen verteilt werden. Auch für Vogelarten, die gerne am Boden nach Futter suchen – wie Wellensittich, Nymphensittich und Mönchsittich – sind Wühlboxen gut geeignet; für sie können Pellets oder Sämereien versteckt werden.Futtergewinnung kann auch dadurch erschwert werden, dass Futter schwer zugänglich ange­boten wird. Gemüsestücke können dafür z. B. an einer Leine aufgehängt oder Futterbäume gebaut werden. Das Futter ist dann erst beim Stand auf den Hinterbeinen erreichbar, der Gleichgewichtssinn und die Feinmotorik der Muskulatur werden trainiert.

Auch verstecktes Futter erschwert die Futtergewinnung, verlängert die Futteraufnahmezeit und regt die geistige Aktivität an. Dabei haben sich bei Kaninchen vor allem rollende Futterspielzeuge bewährt, während bei Vögeln freischwingende Spielzeuge die größte Zeitverlängerung bieten.

Spielzeuge kann man kommerziell erwerben oder aber der Halter kann sie, meist kostengünstig und schnell, selbst basteln. Anleitungen finden sich auf vielen Internetseiten.

Für gesunde Tiere muss Obst und Gemüse nicht klein geschnitten werden, sondern kann großstückig angeboten werden. Das trainiert neben der Kaumuskulatur auch die Motorik, da das Tier das Futter selber festhalten muss. Eiswürfel mit Obst oder Gemüse stellen eine Erfrischung dar, unterstützen die Trinkwasseraufnahme und regen Geschmacks- und Tastsinn an. Im Topf angebotene frische Kräuter verlängern die Fütterungsdauer, die Tiere können in der Erde wühlen und der Geschmack-, Tast- und Geruchssinn werden angeregt. Dabei ist natürlich auf die Verträglichkeit der Kräuter und auf eine schadstofffreie Erde zu achten.

Futter an mehreren Orten verteilen

Futter kann innerhalb eines Käfigs, einer Voliere oder im Freilaufbereich verteilt werden. Auch so werden die Sinne angeregt und die Bewegung gesteigert. Bei Vögeln können mehrere Näpfe angebracht werden.

Fütterungszeiten variieren

Näpfe/Futterstellen müssen nicht immer zur gleichen Zeit mit Frischfutter befüllt werden, der Zeitpunkt kann durchaus variieren. Bereits eine kleine Zeitverschiebung bietet Abwechslung. Bei herbivoren Heimtieren und Nagern muss natürlich Heu immer ad libitum zur Verfügung stehen. Auch Vögel sollten immer die Möglichkeit haben, Futter aufzunehmen. Wellen- und Nymphensittichen können Grassamen (frische Wildsamen oder getrocknet) angeboten werden, die reich an Ballaststoffen aber energiearm sind. Für größere Sittiche und Papageien eignen sich dafür Pellets oder eine fettarme Körnermischung.

Futter variieren

Weitere Abwechslung erreicht man, indem man Futter selbst variiert. Dabei muss die Tierart bei der Zusammensetzung des Futters beachtet werden. Kaninchen und Nagetieren (z. B. Meerschweinchen, Degu, Chinchilla, Zwerghamster) sowie Reptilien sollte täglich frisches Gemüse, aber kein oder nur geringe Mengen Obst angeboten werden. Papageien und Sittichen sollten täglich frisches Gemüse und etwas Obst bekommen. Eine Futterumstellung auf vermehrtes Frischfutter und das Einführen neuer Futterpflanzen in den Futterplan darf nicht zu abrupt erfolgen, damit sich der Magen-Darm-Trakt an die neue Ernährung gewöhnen kann. Dies ist vor allem bei herbivoren Nagetieren und Kaninchen wichtig.

Nährstoffärmeres Futter wählenWird nährstoffarme Nahrung verfüttert, müssen die Tiere mehr Futter aufnehmen, um ihren Energiebedarf auszugleichen. Dies steigert den Zeitbedarf für die Futteraufnahme. Nährstoffarmes Futter ist extrem förderlich für den gesamten Magen-Darm-Trakt, da die Verdauung angeregt wird. Kraftfutter sollte bei Meerschweinchen oder Kaninchen gar nicht verfüttert werden. Die natürliche Nahrung der meisten Heimtiere ist relativ arm an Fetten und Eiweißen. Das Universalfutter für sie ist Frischgras und Heu. Wichtig ist, dass diese frei von Pestizidrückständen sind und immer zur Verfügung stehen. Um die Aktivität der Tiere zu fördern, kann das Heu gerne schwer erreichbar angeboten werden. Es muss dabei stets auf die Sicherheit der Tiere geachtet werden, da sie beispielsweise leicht in Heuraufen hängen bleiben können.

Die Pellet-Fütterung hat sich bei Papageien inzwischen sehr etabliert, neben der optimalen Nährstoffzusammensetzung führt die Pellet-Fütterung zu einer verlängerten Beschäftigung mit dem Futter. Pellets sind außerdem optimal für das Verstecken in Spielzeugen geeignet.Für Kaninchen ist zu beachten, dass die Gefahr der Krankheitsübertragung durch frisches Gras oder selbstgesammelte Kräuter möglich ist. Daher ist eine Impfung gegen Myxomatose und RHD 1 und 2 (Rabbit Haemorrhagic Disease; Chinaseuche) zum Schutz immer dringend zu empfehlen.

Über die Autorinnen

Sylvia Lieselotte Parmentier ist Fachtierärztin für Wirtschafts-, Zier- und Wildgeflügel. Dr. med. vet. Milena Thöle ist Fachtierärztin für Heimtiere/Kleinsäuger und an der Klinik für Heimtiere, Reptilien, Zier- und Wildvögel; Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover tätig.

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