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Mit gezieltem Training können aus Welpen erwachsene Hunde werden, die gerne in die Tierarztpraxis kommen.
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Mit gezieltem Training können aus Welpen erwachsene Hunde werden, die gerne in die Tierarztpraxis kommen.

Inhaltsverzeichnis

Medical Training

So geht der Welpe gerne in die Praxis

Bereits beim ersten Tierarztbesuch kann durch einfache Maßnahmen und gezieltes Training der Grundstein für eine entspannte und kooperative Behandlung gelegt werden.

Von Dr. med. vet. Dorothea Johnen

Wenn ein Welpe in die Tierarztpraxis kommt, ist die Freude oft groß. Schließlich sind Welpen mit ihrer etwas tollpatschigen Art, den großen Pfoten und dem oft freundlichen und zugewandten Wesen einfach entzückend. Doch in vielen Fällen machen Welpen bereits bei ihrem allerersten Tierarztbesuch negative Erfahrungen und verknüpfen die Praxis und das tiermedizinische Personal mit unangenehmen Emotionen und Schmerzen. In der Folge werden sie zappelig, zeigen Gegenwehr und möchten die Praxis eventuell gar nicht mehr betreten (siehe Abb. 1). Schlimmstenfalls wird aus dem flauschigen Herzensbrecher innerhalb weniger Besuche ein kleiner Piranha. Dabei lässt sich dies durch einige einfache Maßnahmen und gezieltes Training wirkungsvoll verhindern.

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Operante Konditionierung (Lernen durch Konsequenzen)

Tiere lernen in jedem Moment, egal, ob wir Menschen gerade gezielt etwas trainieren möchten oder nicht (siehe Abb. 2). Ob ein bestimmtes Verhalten in Zukunft häufiger oder weniger häufig gezeigt wird, hängt davon ab, ob sich dieses Verhalten aus Sicht des Tieres lohnt. Dabei findet die Bewertung, was lohnenswert ist und was nicht, in den meisten Fällen eher unbewusst statt. Es ist abhängig von den Konsequenzen, die auf ein bestimmtes Verhalten folgen, ob dieses Verhalten in Zukunft häufiger oder seltener gezeigt werden wird.

Konsequenzen, die dafür sorgen, dass ein bestimmtes Verhalten häufiger gezeigt wird, werden Verstärker genannt. Konsequenzen, die die Wahrscheinlichkeit für ein bestimmtes Verhalten senken, werden Strafen genannt. Zusätzlich wird zwischen positiven und negativen Verstärkern und Strafen unterschieden, wobei diese Begriffe mathematisch zu verstehen sind. Positiv bedeutet in diesem Zusammenhang, dass etwas aus der Umwelt hinzugefügt wird, negativ, dass etwas entfernt wird (siehe Abb. 3).

Springt der Welpe zum Beispiel einen Menschen zur Kontaktaufnahme an und dieser beugt sich daraufhin hinunter und streichelt ihn, kann dies vom Welpen sehr unterschiedlich bewertet werden und unterschiedliche Einflüsse auf das zukünftige Verhalten haben:

  • Der Welpe freut sich über die Kontaktaufnahme. Aus seiner Sicht wurde das Verhalten „Anspringen von Menschen“ mit den erwünschten Streicheleinheiten verstärkt. Er freut sich über die Aufmerksamkeit und wird in Zukunft in ähnlichen Situationen häufiger Menschen anspringen.
  • Der Welpe empfindet das Herunterbeugen und angefasst werden als bedrohlich. Aus seiner Sicht wurde das Verhalten „Anspringen von Menschen“ durch die beängstigende Körpersprache des Menschen gestraft. Er empfindet Angst und wird in Zukunft in ähnlichen Situationen seltener Menschen anspringen.

Im ersten Fall handelt es sich um eine positive Verstärkung, da die erwünschte Kontaktaufnahme des Menschen unmittelbar nach dem Verhalten „hinzugefügt“ wurde und das Verhalten somit in Zukunft häufiger gezeigt wird. Im zweiten Fall handelt es sich um eine positive Strafe, da das als bedrohlich empfundene Überbeugen unmittelbar nach dem Verhalten „hinzugefügt“ wurde und das Verhalten demzufolge in Zukunft seltener gezeigt wird (siehe Abb. 3).

In einem anderen Szenario wird der Welpe bereits von einem knieenden Menschen gestreichelt, bevor er an diesem hochspringt. Der Mensch unterbricht daraufhin das Streicheln und wendet sich ab, um das unerwünschte Hochspringen nicht versehentlich zu belohnen. Auch hier hängt es wieder sehr von der emotionalen Lage des Welpen ab, wie der Kontaktabbruch empfunden wird:

  • Der Welpe empfand die gut gemeinten Streicheleinheiten des Menschen als beängstigend oder unangenehm. Er ist erleichtert über den beendeten, für ihn als bedrohlich empfundenen Kontakt und wird in Zukunft in ähnlichen Situationen häufiger Menschen anspringen. Aus seiner Sicht wurde das Verhalten „Anspringen von Menschen“ verstärkt.
  • Der Welpe wollte gerne weiter gestreichelt werden. Er ist frustriert über die entzogene Aufmerksamkeit und wird in Zukunft in ähnlichen Situationen seltener Menschen anspringen. Aus seiner Sicht wurde das Verhalten „Anspringen von Menschen“ bestraft.

Im ersten Fall handelt es sich um eine negative Verstärkung, da die Kontaktaufnahme des Menschen unmittelbar nach dem Verhalten „weggenommen“ wurde und das Verhalten in Zukunft häufiger gezeigt wird. Im zweiten Fall handelt es sich um eine negative Strafe, da die erwünschte Aufmerksamkeit unmittelbar nach dem Verhalten „weggenommen“ wurde und das Verhalten in Zukunft seltener gezeigt wird (siehe Abb. 3).

Um zu erkennen, ob der Welpe die Kontaktaufnahme als angenehm oder als beängstigend empfindet, lohnt es sich, sich mit der Körpersprache von Hunden und Stresssignalen zu beschäftigen. Da im Vorfeld oft nicht klar ersichtlich ist, ob ein Welpe gerne angefasst werden möchte, ist es immer sinnvoll, eine erste Kontaktaufnahme vorsichtig zu gestalten und dem Welpen die Wahl zu lassen, ob er sich berühren lassen möchte.

Häufige Stress- und Konfliktsignale bei Hunden

  • Konfliktsignale bei Hunden
  • erhöhte Muskelanspannung
  • hektische oder deutlich verlangsamte Bewegungen
  • Meideverhalten (Blick abwenden, Gewicht wegverlagern, Bogen laufen, Abstand halten)
  • abgeduckte Körperhaltung
  • Hinsetzen/Hinlegen
  • Vorderpfote anheben
  • Hecheln
  • Gähnen
  • Blinzeln
  • Speicheln
  • Licking intention (über die Schnauze lecken)
  • erweiterte Pupillen
  • plötzliche Schuppenbildung
  • plötzliches Haaren
  • Schwitzen an den Pfotenballen
  • Übersprungshandlungen (z. B. Schnuppern, Kratzen)

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Klassische Konditionierung (Verknüpfung von Emotionen)

Ebenso, wie Tiere in jedem Moment lernen, verknüpfen sie auch in jedem Moment die empfundenen Emotionen mit der jeweiligen Situation. Freut sich der Welpe in der Praxis über erwünschte Aufmerksamkeit und Leckerlis, wird er diese positiven Emotionen mit der Praxis verknüpfen und beim nächsten Besuch Freude empfinden. Erschreckt sich der Welpe vor unsanftem Handling und schmerzhaften Behandlungen, wird er diese negativen Emotionen ebenso verknüpfen und sich beim nächsten Tierarztbesuch fürchten. Auch durch die Konsequenzen der operanten Konditionierung werden Emotionen hervorgerufen: Positive Verstärkung erzeugt Freude (z. B. über die Gabe von Futter), negative Verstärkung erzeugt Erleichterung nach einer empfundenen Belastung (z. B. durch das Nachlassen eines als unangenehm empfundenen Zugs an der Leine), positive Strafe erzeugt Angst (z. B. durch eine bedrohliche Körpersprache des Menschen) und negative Strafe erzeugt Frust (z. B. durch das Wegnehmen eines Kauknochens). Da diese Emotionen auch mit den anwesenden Menschen verknüpft werden, sollte geplantes Training hauptsächlich über positive Verstärkung durchgeführt werden. Auch negative Verstärkung kann in manchen Situationen sinnvoll sein.

Gesetze der Lerntheorie im Praxisalltag

Bereits seit langer Zeit werden Zoo- und Wildtiere durch sogenanntes Medical Training gezielt auf unangenehme Untersuchungen und Behandlungen vorbereitet. Was mit Tigern, Giraffen und Haien möglich ist, kann selbstverständlich auch mit Hunden durchgeführt werden – je früher man damit beginnt, desto besser.

Medical Training besteht aus zwei Komponenten. Einerseits beinhaltet es das gezielte Vorbereiten durch Training von Tieren auf alle Handlungen, die sie im Zusammenhang mit medizinischen oder pflegerischen Maßnahmen erleben können (siehe Abb. 4). Dieser Teil des Medical Trainings sollte zu einem großen Teil von der Bezugsperson des Welpen durchgeführt werden. Aber auch in der Tierarztpraxis ist vorbereitendes Medical Training möglich. Ist die Bezugsperson des Welpen nicht sehr trainingserfahren, sollte ihr die Unterstützung durch einen gewaltfrei und belohnungsbasiert arbeitenden Hundetrainer empfohlen werden.

Bei der zweiten Komponente des Medical Trainings handelt es sich um die bewusste Anwendung der Gesetze der klassischen und operanten Konditionierung während medizinischer und pflegerischer Maßnahmen. Ziel ist Stressminimierung oder -vermeidung in der akuten Behandlungssituation. Dieses kann durch eine gute Vorbereitung, vorausschauendes, achtsames und geschicktes Handling sowie die Anwendung positiver und negativer Verstärkung für erwünschtes Verhalten erreicht werden.

Wie können die ersten Praxisbesuche für Welpen optimal gestaltet werden?

Organisatorische Rahmenbedingungen

Den ersten Tierarzttermin möchten frisch gebackene Welpenbesitzer kurz nach der Übernahme meist zum Impfen vereinbaren. Damit nicht bereits beim ersten Besuch unangenehme Injektionen im Mittelpunkt stehen, lernt der Welpe die Praxis im Idealfall aber schon vorher kennen. Bereits beim ersten, in der Regel telefonischen Kontakt kann darauf hingewiesen werden, dass mindestens ein Kennenlernbesuch vor der ersten Impfung empfehlenswert ist. Nach Möglichkeit sollten Termine mit Welpen grundsätzlich so vereinbart werden, dass nicht zu lange Wartezeiten entstehen, um den Stresslevel nicht zu hoch ansteigen zu lassen. Um einen positiven Gegenpol zu der für den Welpen oft stressigen Atmosphäre einer Tierarztpraxis und den potenziell unangenehmen Erfahrungen bei Untersuchungen und Behandlungen zu schaffen, darf in diesen Fällen gerne auch auf besondere Belohnungen zurückgegriffen werden, welche in ausreichender Menge zur Verfügung stehen sollten (siehe Abb. 5). Ideal sind weiche, maximal erbsengroße Leckerlis, Wurst- oder Käsestückchen, Leberwurst aus Tuben oder selbst angemischte Pasten aus entsprechenden Leckerlispendern.

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Stressarmes Warten

Das Warten in einem vollen Wartezimmer mit anderen Menschen, Tieren und vielen fremden Eindrücken und Gerüchen kann für Welpen aufregend, überfordernd und beängstigend sein. Je nach Witterung könnte der Welpe mit seiner Bezugsperson vielleicht vor der Praxis oder im Auto warten, um unnötigen Stress zu vermeiden. Muss in der Praxis gewartet werden, hilft es vielen Welpen, wenn sie auf dem Schoß ihrer Bezugsperson (siehe Abb. 6), in einer bekannten tragbaren Box oder auf einer kuscheligen Decke warten dürfen. Ein Kauartikel kann helfen, Stress abzubauen und Langeweile zu vermeiden. Unter Umständen kann es sinnvoll sein, Sichtbarrieren zu errichten, falls der Welpe Angst bekommt oder um ungewollte Interaktionen mit Menschen oder anderen Tieren zu vermeiden. In vielen Fällen reicht dafür eine über einen Stuhl gehängte Jacke oder Decke.

Von einem erwachsenen Hund wird im Wartezimmer ruhiges Sitzen oder Liegen erwartet. Um zu verhindern, dass der Welpe den Wartebereich als Abenteuerspielplatz ansieht und auch in Zukunft jedem anderen Menschen und Tier aufgeregt „Hallo“ sagen möchte, sollte bereits bei Welpen darauf geachtet werden, dass sie im Wartebereich keine fremden Menschen oder Tiere begrüßen. Auf diese Weise werden auch Stress, Angst und Überforderung vermieden, die oft durch Kontaktaufnahmen entstehen. Stattdessen sollten sie für ruhiges Verhalten mit Futter belohnt werden.

Im Behandlungsraum

Der Welpe sollte die Möglichkeit bekommen, während des Anamnesegesprächs den Behandlungsraum zu erkunden. Schüchternen Welpen kann auf den Boden gestreutes Futter und ein wenig Zeit helfen, die ersten Schritte zu wagen. Von TFA und Tierarzt sollte der Welpe ruhig und eher beiläufig begrüßt werden, um eine entspannte Grundstimmung zu fördern. Ideal ist eine hockende oder knieende, leicht vom Welpen abgewandte Haltung, um weniger furchteinflößend zu wirken. Ist der Welpe bereits im Behandlungsraum zu gestresst, um gestreutes Futter aufzusammeln, sollte unbedingt empfohlen werden, einen gewaltfrei und belohnungsbasiert arbeitenden Hundetrainer zurate zu ziehen, um den Welpen professionell bei der Bewältigung seiner Ängste zu unterstützen. Ist der Welpe kontaktfreudig und gelassen, kann er während des Anamnesegesprächs hochfrequent für ruhiges Sitzen oder Stehen mit Futter belohnt werden, damit er lernt, dass sich dieses Verhalten in diesem Kontext lohnt. Möchte er von sich aus keinen Kontakt zu den ihm fremden Personen aufnehmen, sollte er auch nicht dazu gezwungen werden. Auch hier kann gestreutes Futter helfen, das Eis zu brechen.

Auf dem Behandlungstisch

Auf dem Behandlungstisch ist ruhiges Stehen, Sitzen oder Liegen erforderlich, um den Welpen untersuchen und gegebenenfalls behandeln zu können. Aber gerade die exponierte Position auf dem Behandlungstisch ist für viele Welpen, die kein vorbereitendes Medical Training erfahren haben, beängstigend. Sobald der Welpe auf dem Tisch steht, ist es daher sinnvoll, gezielt ruhiges Verhalten mit Futter zu verstärken, damit sich dieses aus Welpensicht lohnt (siehe Abb. 7). Solange der Welpe ruhig bleibt, kann er entweder dauergefüttert werden oder im Abstand von wenigen Sekunden Futterstücke in die Schnauze gereicht bekommen. Die Freude über das Futter, die der Welpe in der Situation empfindet, verknüpft er höchstwahrscheinlich zusätzlich mit der Position auf dem Tisch, dem Behandlungsraum und den anwesenden Personen. Es bietet sich an, das Futter vor dem Welpen auf dem Tisch aufzubewahren und ihn ruhig, aber konsequent so festzuhalten, dass er es nicht selber erreichen kann. Solange er stillhält, wird ein Futterstück nach dem anderen schnell in seine Schnauze gereicht. Fängt er an zu zappeln, wird das Füttern für einen kurzen Moment unterbrochen und der Welpe weiter festgehalten. Sobald er wieder für mehr als eine Sekunde stillsteht, wird das Füttern fortgesetzt. Auf diese Weise verinnerlichen die allermeisten Welpen schnell, dass es sich sehr lohnt, stillzuhalten. Außerdem hat das auf dem Tisch vor ihnen deponierte Futter eine gewisse ablenkende Wirkung, sodass die nebenbei durchgeführte Untersuchung meist nicht als angstauslösend empfunden wird.

Merke!

Häufig wird mit dem Ablenken durch Futter erst begonnen, wenn der Welpe zu zappeln beginnt. Aus Sicht des Welpen lohnt sich nun das Zappeln, da er dafür mit Futter belohnt wurde. Besser: Solange der Welpe stillhält, ruhiges Verhalten hochfrequent mit Futter belohnen.

Um die potenziell unangenehme Situation auf dem Tisch so kurz wie möglich zu halten, sollte alles benötigte Equipment bereitliegen, ehe der Welpe hochgehoben wird. Soll der Welpe geimpft werden, empfiehlt es sich, den Impfstoff bereits aufzuziehen, solange der Welpe sich noch auf dem Boden befindet. In den meisten Fällen ist es für Welpen weniger bedrohlich, wenn sie durch ihre vertraute Bezugsperson auf den Tisch gehoben werden. Generell sollte beim Hochheben, Halten und Tragen des Welpen immer darauf geachtet werden, den Welpen ruhig und achtsam zu handeln. Dies reduziert die Wahrscheinlichkeit für Zappeln und Abwehrbewegungen.

Negative Verstärkung richtig einsetzen

Auch der gezielte Einsatz negativer Verstärkung ist empfehlenswert. Im besten Fall werden alle potenziell unangenehmen Handlungen immer dann beendet, wenn der Welpe gerade erwünschtes Verhalten zeigt. Fürchtet sich der Welpe beispielsweise vor dem Chiplesegerät und fängt er bei dessen Annäherung an, zu zappeln und versucht auszuweichen, kann ruhiges Verhalten bei Annäherung des Chip- lesegeräts negativ verstärkt werden. Dafür wird das Gerät dem Welpen erst einmal nur ein kleines Stückchen angenähert. Bleibt er ruhig, wird das Gerät wieder weggenommen als negative Verstärkung für das erwünschte Verhalten. Fängt er an zu zappeln, wird das Gerät ruhig auf der gleichen Distanz gehalten, bis der Welpe wieder stillhält. Erst dann wird es entfernt. Nun kann das Gerät Schritt für Schritt weiter angenähert werden und ruhiges Verhalten des Welpen jeweils wieder durch das Entfernen des Geräts negativ verstärkt werden, bis der Welpe schließlich ruhig bleibt, wenn es an seinen Hals gehalten wird. Dieser Prozess kann zusätzlich durch die Gabe von Futter unterstützt werden. Im Idealfall wird das Futter unmittelbar nach Annäherung des Geräts gegeben, wenn der Welpe erwünschtes Verhalten zeigt. Nach Übergabe des Futterstücks wird das Gerät entfernt. Auf diese Weise können die Effekte der positiven und der negativen Verstärkung kombiniert werden. Auch vom Tisch genommen werden sollte der Welpe in einem Moment, in dem er ruhiges und erwünschtes Verhalten zeigt, und nicht unabhängig vom gezeigten Verhalten einfach am Ende der Untersuchung oder Behandlung, um nicht unbeabsichtigt unerwünschtes Verhalten zu verstärken.

Merke!

Zeigt der Welpe länger als 3 Sekunden am Stück Abwehrverhalten, muss von echter Furcht ausgegangen werden. In diesem Zustand ist Lernen nur noch eingeschränkt möglich. Häufig hilft eine Veränderung des Settings, es dem Welpen einfacher zu machen. Beispielsweise kann die Bezugsperson den Welpen auf den Schoß nehmen und selbst den Mikrochip auslesen, wenn der Welpe die Annäherung des Chiplesegeräts durch eine fremde Person auf dem Behandlungstisch als beängstigend empfindet.

Injektionen

Auch Injektionen, wie beispielsweise das Impfen und Chippen, sind in vielen Fällen mit Welpen stressarm durchführbar. Wurde der Welpe bereits bei der Allgemeinuntersuchung für ruhiges Verhalten auf dem Tisch belohnt, kann im ersten Schritt eine Hautfalte an der Injektionsstelle gezogen und zunächst sanft zusammengedrückt werden. Hält der Welpe still, wird er mit Futter und dem Loslassen der Hautfalte belohnt. In einigen Durchgängen kann die Hautfalte langsam etwas mehr zusammengedrückt werden, bis ein leicht unangenehmes Kneifen entsteht. Toleriert der Welpe das Kneifen, kann die Injektion in die Hautfalte erfolgen. Dabei hat sich folgender Ablauf bewährt:

  • Die Hautfalte wird genommen und mit langsam steigender Intensität zusammengedrückt. Der Welpe wird ein erstes Mal für Stillhalten mit Futter belohnt.
  • Die Injektionsnadel wird durch die Haut gestochen, während der Druck der Finger auf die Hautfalte aufrechterhalten wird. Der Welpe wird unmittelbar nach dem Nadelstich ein zweites Mal mit Futter für das Stillhalten belohnt.
  • Der Impfstoff/das Medikament wird injiziert bzw. der Chip wird implantiert und die Nadel herausgezogen. Unmittelbar danach wird der Welpe mit einer größeren Menge Futter für das Stillhalten belohnt.

Dieses Vorgehen erfordert eine gute Koordination und Absprache aller mitwirkenden Personen, erlaubt aber in vielen Fällen das Impfen und Chippen hintereinander (drei Nadelstiche!), ohne dass der Welpe Zeichen von Angst oder Stress zeigt (siehe Abb. 8). Welpen von Zwergrassen reagieren allerdings oft mit Schmerzanzeichen auf die Injektion des Impfstoffs und nehmen dann manchmal kein Futter mehr als Belohnung an. In diesem Fall kann es sinnvoll sein, die zweite Injektion zügig nach der ersten zu verabreichen und den Welpen anschließend schnell vom Tisch zu heben und bei der Bezugsperson Schutz suchen zu lassen. Der Welpe sollte anschließend noch einen Moment im Behandlungsraum verbleiben dürfen, bis er sich wieder etwas beruhigt hat und er im Idealfall noch etwas Futter vom Boden aufsammeln kann, um einen guten letzten Eindruck zu erhalten.

Merke!

Unmittelbar während des Nadelstichs sollte der Welpe eher nicht durch Futter abgelenkt werden. Im schlechtesten Fall kann er sonst die Futtergabe mit dem Schmerzreiz verknüpfen und Angst vor Schmerzen bekommen, wenn in einem ähnlichen Kontext Futter angeboten wird. Wird erst gestochen und unmittelbar danach Futter angeboten, kann der Welpe im besten Fall den Einstich mit dem Futter verknüpfen und in einem ähnlichen Kontext bei einem leichten Schmerzreiz Vorfreude auf Futter empfinden. In diesem Fall ist das richtige Timing essenziell.

Evaluation

Abhängig davon, ob der Welpe beim Aufenthalt in der Praxis Anzeichen von Furcht oder Stress gezeigt hat, sollten eventuell Trainingsbesuche in der Praxis vereinbart werden und/oder den Haltern die Zusammenarbeit mit einem gewaltfrei und belohnungsbasiert arbeitenden Trainer für vorbereitendes Medical Training empfohlen werden.

Untersuchung und Behandlung kranker Welpen

Erkranken Welpen, sind ein Praxisbesuch und die Durchführung von unangenehmen oder schmerzhaften Untersuchungen oder Behandlungen meist unumgänglich. Doch auch in diesem Fall lässt sich durch eine gute organisatorische Planung, durch achtsames, ruhiges Handling und durch den gezielten Einsatz negativer Verstärkung viel Stress vermeiden. Ist der Appetit nicht beeinträchtigt und spricht aus gesundheitlichen Gründen nichts dagegen, kann selbstverständlich ebenso mit Futter belohnt werden wie beim Impfen. Für wirklich schmerzhafte Behandlungen, wie etwa die Exploration und Versorgung einer Bissverletzung, ist gerade bei Welpen, die erfahrungsgemäß eher schmerzempfindlicher sind als erwachsene Hunde, über den Einsatz einer Narkose nachzudenken, um traumatische Erlebnisse zu verhindern.

Fazit

Grundsätzlich ist es sinnvoll, Welpenbesitzern zu raten, im ersten Lebensjahr ihres Hundes mehrere Tierarztbesuche durchzuführen, bei denen keine unangenehmen oder schmerzhaften Untersuchungen oder Behandlungen stattfinden. So kann eine Art Vertrauenskonto eingerichtet werden. Durch jede als angenehm empfundene Erfahrung und das gezielte Belohnen erwünschten Verhaltens wird auf dieses imaginäre Konto eingezahlt. Eine spätere, wirklich als unangenehm oder beängstigend empfundene Erfahrung lässt den Kontostand zwar absinken, aber im besten Fall nicht ins Minus rutschen.

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Sowohl vorbeugendes Medical Training als auch die gezielte Anwendung der Lerngesetze in der Tierarztpraxis sind eine wertvolle Chance, um das Entstehen von problematischem Verhalten beim Handling oder bei pflegerischen und medizinischen Maßnahmen zu verhindern und dafür zu sorgen, dass aus Welpen Hunde werden, die gerne in die Tierarztpraxis gehen.

Über die Autorin

Dorothea Johnen arbeitet als praktische Tierärztin in einer Berliner Tierarztpraxis und als Tiertrainerin. Ihre Schwerpunkte sind das Medical Training, die tierärztliche Verhaltenstherapie sowie Coaching und Weiterbildung von Tierbesitzern, Trainern und Tierärzten.

Kontakt zur Autorin: dorothea.johnen@easy-dogs.net

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