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Physikalische Therapie

Sommerzeit ist Badezeit!

Wer einen schwimmfreudigen Hund hat, kann sich die heilsame Wirkung des Wassers auch außerhalb einer Physiotherapiepraxis zunutze machen. Was ist beim Schwimmen im freien Gewässer zu beachten?

Von Cécile-Simone Alexander

Größter Vorteil des Schwimmens im offenen Gewässer ist die Animation des Hundes durch äußere Reize. Ein Hund wird sich in einem Gewässer, an dem sich Schilf bewegt und Wasservögel oder andere Tiere zu beobachten sind, selbstverständlicher bewegen als in einem reizarmen Therapieraum. Die positiven Wirkungen des Schwimmens auf den ganzen Organismus sind enorm:

  • Aufbau und Erhalt der Rückenmuskulatur

  • Ausgleich von Koordinationsdefiziten

  • Therapieunterstützung bei schmerzhaften Bewegungseinschränkungen der Gelenke (z. B. Zehengelenkarthrose)

  • Bewegungstherapie für Hunde mit Cauda-equina-Kompressionssyndrom oder degenerativer Myelopathie (nur mit Schwimmweste)

  • optimal für Hunde, die unter Erkrankungen mit eingeschränkter Gelenkflexion, z. B. bei Arthrosen leiden oder nach längerer Ruhigstellung infolge von Gelenk- oder Bandverletzungen oder Frakturen

  • bei Erkrankungen des Hüftgelenks bzw. zur Reha nach Hüftgelenkoperationen

Gefahren beachten!

Ein Nachteil kann die Gestaltung der Uferböschungen von Seen und Flussläufen sein. Eine sehr steile Böschung bewirkt eine zu große Belastung der Vorderextremitäten beim Hineinlaufen in das Wasser (bei orthopädischen Problemen) sowie der Hinterextremitäten beim Verlassen des Wassers (bei orthopädischen oder neurologischen Problemen). Ebenso problematisch ist ein unkontrolliertes Hineinspringen ins Wasser, das vor allem für die Wirbelsäule belastend ist. Schließlich birgt die Verschmutzung vieler Seen sowie auch deren Uferstreifen Gefahren: Einerseits gibt es eine nicht zu unterschätzende Verletzungsgefahr durch Glasscherben, andererseits kann es zu Hautentzündungen oder allergischen Hautreaktionen durch Gewässerverunreinigungen und Algenbildung im Wasser kommen.

Zu beachten ist auch unbedingt die Wassertemperatur. Die meisten Badeseen erreichen erst im Spätsommer eine Temperatur von 19 –21 °C, Flussläufe bleiben in der Regel unterhalb dieser Temperaturen. Ein Hund mit orthopädischem oder neurologischem Problem sollte aber nicht unter 15 °C baden, weil die Durchblutung der Extremitätenmuskulatur durch Vasokonstriktion unter Kälteeinwirkung herabgesetzt wird. Außerdem sind diese Patienten häufig auch infektanfälliger und neigen daher eher zu Bronchitiden und Zystitiden.

Hunde mit Erkrankungen der Halswirbelsäule oder des Ellbogengelenks sollten nicht nicht schwimmen. Bei bestimmten Rassen empfiehlt sich vor dem ersten Schwimmen unabhängig vom Alter des Tieres eine Vorstellung beim Tierarzt, um eine Herzerkrankung auszuschließen.

Welche Vorbereitungen sind zu treffen?

Auch für das Schwimmen im Gewässer gilt, dass die Hunde drei Stunden nüchtern sein sollten und vorab ausreichend Gelegenheit haben sollten, sich zu lösen. Auch ein gründliches Aufwärmen der kalten Muskulatur ist ratsam. Dazu kann eine Handtuchmassage mit einem rauen Frotteehandtuch erfolgen. Jedes Bein wird gründlich und kräftig 1–2 Minuten lang von der Pfote bis zur Kruppe „abgerubbelt“, anschließend verfährt man mit dem Rücken ebenso. Daran schließt sich das Stretching an. Dann soll der Hund, ca. 5 Minuten lang im Schritt geführt werden und in dieser Zeit für kurze Abschnitte auch immer wieder im Trab. Anschließend wird der Hund noch 2 Minuten im knietiefen Wasser geführt.

Für bewegungsbehinderte und ältere Hunde empfiehlt es sich, immer eine Schwimmweste anzulegen, damit ein ruhig geführtes Laufen in das Wasser und ein sicheres Schwimmen gewährleistet sind. Zudem kann der Hund beim Schwimmen von dem Besitzer am Haltegriff geführt und gesichert werden. Einige Hunde können zwar schwimmen, haben aber einen schlechten „Schwimmstil“, d. h. sie kippen in der Lendenwirbelsäule derart ab, dass sie schräg im Wasser liegen und nur langsam vorankommen. Ihnen ist mit einem Schwimmgürtel geholfen, wie er für Kinder verwendet wird. Hunde bestimmter Rassen sollten generell nie ohne Schwimmweste schwimmen. Hierzu zählen z. B. alle Bulldoggen, Dackel und Mops.

Das Schwimmtraining optimal gestalten

Viele Hunde brauchen einen Anreiz, um zu schwimmen. Der Nachteil des gängigen „Stöckchen-Werfens“ liegt (neben der Verletzungsgefahr durch Stöcke) einerseits im üblicherweise hektischen und unkontrollierten Hinterherspringen der Hunde, andererseits in der häufig zu kurzen Weite des Wurfes. Besser eignet sich ein Dummy aus dem Hundesport oder ein Ball. Der Hund sollte idealerweise bereits brusttief im Wasser stehen, ehe der Gegenstand geworfen wird, damit er ruhig losschwimmen kann.

Die Schwimmdauer sollte langsam gesteigert werden. Zwei Schwimmeinheiten von jeweils 1–2 Minuten, unterbrochen von einer ebenso langen Pause, reichen am Anfang aus. Die Dauer wird dann von Woche zu Woche gesteigert, und zwar abhängig von der Ausdauer des Hundes. Ist das Tier bereits älter oder handelt es sich um einen untrainierten Junghund, so wird man nicht die Schwimmeinheit selbst verlängern, sondern den Hund häufiger für kurz Zeit ins Wasser lassen, also drei- bis viermal für 1–2 Minuten. Ist der Hund ausdauernd, so verlängert man die Schwimmeinheit um jeweils 1 Minute, ehe man die Häufigkeit erhöht.

Es gibt besonders schwimmfreudige Hunderassen, wie die Retriever und auch Staffordshire Terrier, die in trainiertem Zustand mühelos 10 Minuten und länger ununterbrochen schwimmen können.

Nach dem Schwimmen muss der Hund gut abgetrocknet werden und dann zum Cool-down erst im schnellen, dann im langsameren Schritt spazieren geführt werden, um die Herz- und Atemfrequenz langsam zu senken. Je nach Trainingsumfang und Ausdauerzustand des Tieres sollten dafür 5–10 Minuten eingeplant werden. Andererseits darf der Spaziergang aber auch nicht übermäßig ausgedehnt werden, denn der Hund benötigt anschließend eine Ruhepause.

Vorsicht Wasserrute!

Die Erkrankung „Wasserrute“ ist auch unter den Begriffen „Wet-Tail-Syndrom“ „Cold Tail“, „Limber Tail“, „Dead Tail“ oder „Hammelschwanz“ bekannt und tritt vor allem im Sommer auf. Alle Rassen können betroffen sein, wobei mittelgroße bis große Rassen, insbesondere Jagdhundrassen, gehäuft betroffen sind. Rüden trifft es häufiger als Hündinnen.

Die genaue Ursache ist noch unklar. Meist ist ein Zusammenhang mit großen oder ungewohnten körperlichen Belastungen feststellbar, vor allem mit Schwimmen im kalten Wasser, aber auch mit intensiven Trainings- oder Jagdeinsätzen an Land. Selbst nasses Fell bei kalter Witterung kann schon ausreichen, z. B. ein Spaziergang im Regen, wenn das Wetter kalt und windig ist. Untrainierte Hunde erkranken häufiger. Auch die Intensität des Einsatzes der Rute, also die „Wedelintensität“, scheint eine Rolle zu spielen. Unterschiedliche Theorien zur Entstehung, die diskutiert werden, sind Entzündungen im Bereich der Wirbelgelenke, Durchblutungsstörungen im Bereich der Rutenmuskulatur und Muskelschädigungen oder Nervenschädigungen.

Charakteristisch für diese Erkrankung ist die typische Haltung der Rute: Der Schwanzansatz wird gerade vom Körper weggestreckt, der Rest der Rute hängt schlaff herab. Zudem kann der Schwanzansatz geschwollen und druckempfindlich sein und ist immer sehr schmerzhaft. Die betroffenen Hunde haben oft Probleme beim Hinsetzen, Hinlegen und Springen. Auch Kot- und Harnabsatz können beeinträchtig sein.

Die Therapie besteht in der Gabe von Schmerzmitteln. Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) und zusätzlich verschiedene Arzneien aus dem Bereich der komplementären Medizin haben sich als wirksam erwiesen. Wichtig ist außerdem, dem Hund Ruhe und Schonung zu gönnen, bis die Erkrankung vollständig ausgeheilt ist. Physiotherapeutisch unterstützend lassen sich Wärmetherapie im Bereich des Rutenansatzes und Lasertherapie einsetzen. Prophylaktisch kann die Schwanzmuskulatur regelmäßig, d. h. mindestens alle zwei Tage, massiert werden, die Schwanzwirbel können alle vier bis sechs Wochen manuell behandelt werden. Die Prognose ist gut. Meist tritt eine vollständige Ausheilung je nach Ausprägung innerhalb von Tagen bis zu drei Wochen ein. Selten bleibt eine abnorme Schwanzhaltung zurück.

Zur Prophylaxe der Wasserrute im Rahmen des Trainings sind folgende Punkte zu beachten:

  • jede Form von Überlastung vermeiden

  • langsame und schrittweise Gewöhnung an jede Form von Training

  • bei kalter, feuchter Witterung das Fell gründlich abtrocknen und Zugluft vermeiden

  • nach jedem Aufenthalt im Wasser das Fell gründlich abtrocknen

  • regelmäßige Massage der Schwanzmuskulatur

Über die Autorin

Dr. med. vet. Cécile-Simone Alexander trägt seit 2001 die Zusatzbezeichnung Physiotherapie/Physikalische Therapie und ist seit 2008 mit einer Spezialpraxis für Physikalische Medizin/Rehabilitationsmedizin in Berlin-Zehlendorf niedergelassen. Sie hat die Weiterbildungsberechtigung im Fachgebiet Physikalische Therapie und ist für verschiedene Fortbildungseinrichtungen als Dozentin tätig. www.tierreha-alexander.de

Buchtipp: Wer mehr über die heilsame Wirkung des Wassers, die Grundlagen sowie effektiven Therapiemöglichkeiten des Trainings auf dem Unterwasserlaufband erfahren möchte, dem empfehlen wir unseren neuen Praxisleitfaden in der Reihe TFA-Wissen: „Laufbandtraining und Hydrotherapie – Grundlagen und Trainingskonzepte für Hunde.

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