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Euthanasie

Tod und Trauer in der Kleintierpraxis

Das Einschläfern eines Haustieres stellt das Praxisteam vor höchste Anforderungen. Für TFAs ist es in dieser sensiblen Situation wichtig, sich selbst emotional zu schützen.

Inhaltsverzeichnis

Von Svenja Holle und Emanuel Holle

Die Tiermedizinische Fachangestellte nimmt bei der Euthanasie eine wichtige Schlüsselrolle ein. Besonders
der Umgang mit trauernden Tierhaltern ist eine große emotionale und fachliche Herausforderung. Gerade in der Trauerarbeit wird oft verlangt, dass sie mit Mimik, Gestik und Sprache gezielt Emotionen zum Ausdruck bringt, unabhängig davon, ob diese Emotionen wirklich empfunden werden oder nicht. In der Psychologie sprechen Experten dabei von Emotionsarbeit.

Emotionsarbeit und ihre Grenzen

In jedem Dienstleistungsberuf, egal ob Verkäufer, Stewardess oder Kellner, erwartet der Kunde eine lächelnde Bedienung mit positiver Ausstrahlung und guter Laune. Auch wenn die innere Emotionslage eine völlig andere ist, da beispielsweise eine 12-Stunden-Schicht hinter der Person liegt oder es private Probleme gibt. Man nennt dies Oberflächenhandeln, da die Person den Gefühlsausdruck nur der erwarteten Norm anpasst, ohne ihn wirklich so zu meinen und zu empfinden. Diese Dissonanzerfahrung zwischen Ausdruck und Gefühl sorgt dafür, dass Emotionsarbeit sich auf Dauer schädlich auf die eigene Psyche auswirkt. Die Spannung und Differenz zwischen dem was Sie tatsächlich fühlen und dem was Sie fühlen sollen, geht somit zu Lasten Ihrer Gesundheit. Hinzu kommt, dass gerade bei der Trauerarbeit das Oberflächenhandeln oft aufgesetzt wirkt und ein Tierhalter schnell durchschaut, dass man emotional nicht bei ihm ist. Kleinste Veränderungen in der Mimik oder in der Körperhaltung verraten die gespielten Emotionen sofort.

In extrem emotionalen Situationen wird deshalb eher zum Tiefenhandeln geraten. Hierbei ist die Richtung umgekehrt: Man versucht, ein bestimmtes Gefühl in sich hervorzurufen und verhält sich dementsprechend authentisch – weil man es wirklich fühlt, auch wenn die Situation vor dem geistigen Auge vielleicht eine andere ist. Wenn Sie tatsächlich empfinden, was Sie nach außen hin zeigen müssen, befinden Sie sich nicht in einem widersprüchlichen Zustand, Ihr Körper macht also keine Dissonanzerfahrung. Auf Dauer ist diese Art von Mitgefühl wesentlich gesünder für Ihre eigene Psyche, denn es ist viel schwieriger und unbequemer, den ganzen Tag eine Maske zu tragen.

Dahinter steht auch die Annahme, dass es einem Menschen nur schwer möglich ist, über einen längeren Zeitraum andere Gefühle auszudrücken als er empfindet, sodass er danach strebt, eine Übereinstimmung dieser Gefühle zu erzeugen. Ist dies nicht möglich, empfindet der Mensch automatisch Stress und Unbehagen.

Das Tiefenhandeln kann also dabei helfen, den Stresslevel zu reduzieren. Es bedarf dafür bestimmter kognitiver Fähigkeiten, mit denen passende Gefühle erzeugt werden können.

Techniken der Emotionsarbeit helfen, die erforderlichen Leistungen in der Trauerarbeit als Tiermedizinische Fachangestellte zu bewältigen. Sie dienen zusätzlich der Stressreduktion und der Konfliktvermeidung im Team und mit dem Tierhalter.

Identifikation und Folgen der Emotionsarbeit

In vielen Berufen wird eine hohe „Identifikation mit dem Unternehmen“ vorausgesetzt. Betrachtet man nun die emotionale Arbeit der Tiermedizinischen Fachangestellten, stellt sich die Frage, was Identifikation in diesem Zusammenhang bedeuten soll. Bei Berufsbildern wie diesem, die mit einem hohen Maß an Emotionsarbeit verbunden sind, wird in der Psychologie eine Identifikation mit der Rolle als Bewältigungsmechanismus nahegelegt.

Im Umkehrschluss bedeutet das für die Arbeit in der Praxis, dass man ein Höchstmaß an Empathie zeigt und jedes Tier als sein eigenes betrachtet. Doch genau hiervor muss ausdrücklich gewarnt werden. Eine zu starke Identifikation mit der Situation führt zwangsläufig zu einem emotionalen Ungleichgewicht, da traurige und negative Gefühle im Praxisalltag in der Regel überwiegen. Haben Sie eine ausgewogene Balance zwischen positiven Erlebnissen wie Geburten und Untersuchungen von Welpen sowie negativen Diagnosen, kann eine echte Identifikation wahre Wunder wirken. Wie eingangs beschrieben, sind nur echte Gefühle auch für andere als solche wahrzunehmen.

Allerdings besteht bei Emotionsarbeit unter permanentem Druck auch die Gefahr einer emotionalen Erschöpfung, Depersonalisation (zynisches, herzloses Verhalten gegenüber den Tierhaltern) und Leistungsabfall. Gerade bei hohen emotionalen Investitionen, wie während einer Euthanasie, besteht langfristig die Gefahr eines Burnouts.

Zynismus und Burnout liegen oft nahe beieinander. Hierbei ist Zynismus als erste Vorstufe zu sehen, wenn der eigene Idealismus und das eigene Engagement keinen Widerhall finden und sich Resignation breit macht. Erhält man keine positiven Rückmeldungen vom Chef oder dem Tierhalter, führt dies über kurz oder lang zu einer psychischen Störung. Anfangs mag Zynismus noch als eine Art Selbstschutz fungieren. Beginnt man aber, dauerhaft eine emotionale Distanz zu allen Ereignissen, auch zu einem schönen Film oder einem süßen Katzenbaby, zu haben und alles zynisch kommentiert, verliert man den Bezug zu seinen eigenen Gefühlen. Um also auf Dauer mit Emotionsarbeit umgehen zu können, helfen neben einer ausbalancierten Identifikation vor allem wirksame Abwehrmechanismen zum Selbstschutz, die keine emotionale Unterkühlung zur Folge haben.

Selbstschutz bei emotionaler Arbeit

Reden hilft! Das klingt simpel, ist aber die erste und wichtigste Bewältigungsstrategie bei emotionaler Arbeit. Gesprächspartner können dabei Kollegen, Familie, Psychologen oder auch Vertreter der Kirche sein. Bei der Behandlungsassistenz während einer Euthanasie und beim Umgang mit dem trauernden Tierhalter ist es vor allem wichtig, den Tod als Bestandteil des Lebens zu akzeptieren. Das Thema Tod sollte nicht verschwiegen werden, denn nur so nimmt man ihm die Bedrohung. Aber auch Rituale können helfen, den Tod als Alltagsgegenstand wahrzunehmen.

Selbstschutz lässt sich, ähnlich wie bei einer Zwiebel, in drei Schichten aufbauen. Jede Schicht hilft, das wichtigste zu schützen: die eigene Psyche.

In der Veterinärmedizin wurden zu diesem Thema bisher wenige Studien durchgeführt, man kann die Anforderungen an Tiermedizinische Fachangestellte aber durchaus mit den schwierigen Seiten eines Pflegeberufes in der Humanmedizin vergleichen.

Eine Studie der Medizinischen Universitätsklinik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg befragte Pflegekräfte über Ihre Schutzmechanismen für die emotionale Seite ihrer Arbeit: Ist ein Patient verstorben, verarbeiten Pflegekräfte ihre persönliche Trauer mithilfe verschiedener Rituale. Die Autorin der Studie beschreibt einige davon: „Manche der Interview-Partner erklärten, dass sie dem Toten noch einmal übers Gesicht streichen. Andere fanden es wichtig, den Verstorbenen ein letztes Mal anzuschauen, sich innerlich von ihm zu verabschieden und ihn loszulassen.“ Neben diesem Verabschiedungsritual wenden Pflegekräfte auch traditionelle Rituale wie das Öffnen des Fensters an, um die Seele des Toten entweichen zu lassen. Hilfreich bei der Verarbeitung von Todeserfahrungen ist darüber hinaus für viele Pflegekräfte das Gefühl, „einen Patienten in seiner Sterbephase gut begleitet zu haben“. Gerade wenn Patienten lange leiden mussten, betrachten Pflegekräfte den Tod oft als Erlösung.

Ein Sprichwort sagt: „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist.“ Gemeint ist damit ein körpereigener Selbstschutz: Die Akzeptanz der negativen Emotionen. Hilfreich ist dieser Mechanismus insofern, als dass schlechte Erfahrungen, aufgestaute Wut und negative Emotionen, die nicht mehr zu ändern sind, akzeptiert und damit vergessen werden. Natürlich ist es hilfreich, wenn Sie beim Verlassen der Praxis einfach alle Erlebnisse hinter sich lassen, diese also vergessen und sich voll auf Ihr privates Umfeld konzentrieren können. Gerade beim Thema Euthanasie kommt man mit vielen negativen Emotionen in Berührung, die einem nur allzu schnell sehr nahe gehen können.

Wie in allen Berufen spielt die angesprochene Work-Life-Balance eine zentrale Rolle. Finden Sie einen passenden Ausgleich beim Sport, im stabilen sozialen Umfeld oder ziehen Sie sich auch einmal bewusst zurück. Hören Sie auf die Signale Ihres Körpers und gönnen Sie sich Ruhephasen, denn bei Ihrer Arbeit vollbringen Sie emotionale und körperliche Höchstleistung.

Techniken der Emotionsarbeit

Entspannung

Tiefes Durchatmen vor einem Gespräch mit einem schwierigen Tierhalter, in dem man negative Gefühle erwartet, bewirkt innere Ruhe und Gelassenheit. Aber auch im Anschluss an das Gespräch hilft bewusstes Atmen, die entstandenen, negativen

Gefühle zu beseitigen und sich zu beruhigen.

Konzentration

Man muss sich auf seine Aufgabe und das gewünschte Ziel konzentrieren. Haben Sie die Bedürfnisse Ihres Tierhalters immer vor Augen und lassen Sie sich in der Situation nicht ablenken, damit keine unerwünschten Regungen entstehen.

Stanislawski-Methode

Rufen Sie vor Ihrem inneren Auge Bilder und Vorstellungen hervor, die Sie mit einem bestimmten, in dieser Situation geforderten Gefühl verbinden. Die Gefühlserinnerungen helfen, in der aktuellen Situation das passende Gefühl zu erzeugen und es authentisch herüberzubringen. Diese Methode wird auch Schauspielschülern beigebracht.

Schutz-ABC

A – Achtsamkeit

Achten Sie auf sich selbst und Ihre Gefühle. Kennen Sie Ihre Grenzen und wahren Sie Ihre Ressourcen, um gesund zu leben. Richten Sie die Hälfte Ihrer Aufmerksamkeit auf sich selbst und Ihren eigenen Körper, um die eigene Ausgeglichenheit zu bewahren.

B – Balance (Work-Life-Balance)

Ausgeglichenheit und Balance zwischen Arbeit, Freizeit und Ruhe ist wichtig und nötig. Eine Balance zwischen beruflichem Leben und vielfältigen privaten und persönlichen Aktivitäten, die als eine Art Krafttankstelle genutzt werden, sollte geschaffen werden.

C – Connection (Verbindung)

Hier ist die Verbindung mit der Natur, dem Leben als Solches und mit anderen Menschen gemeint. Verwirklichen Sie sich mit Ihrer Arbeit, entwickeln und befriedigen Sie persönliche Bedürfnisse, auch auf spiritueller Ebene.

Buchtipp: Das Buch „Tod und Trauer in der Kleintierpraxis“ können Sie hier versandkostenfrei bestellen:

Über die Autoren

Svenja Holle ist TFA und bei der Rosengarten-Tierbestattung in den Bereichen Schulung und Trauerbegleitung tätig.

Emanuel Holle ist Industriekauffmann und leitet die Bereiche Öffentlichkeitsarbeit, Kooperation und Vorsorge für die Rosengarten-Tierbestattung.

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