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Diabetes bei Katzen

Typische Symptome des Diabetes mellitus

Werden Symptome nicht erkannt, kann aus einem unkomplizierten ein komplizierter Diabetes und damit ein lebensbedrohlicher Notfall werden.

Inhaltsverzeichnis

von Dr. med. vet. Marion Robra

An Diabetes mellitus erkrankte Katzen leiden zu 80 % an Diabetes Typ 2. Dieser Diabetes-Typ ist durch eine zunehmende Zerstörung der insulinproduzierenden Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüse und durch eine abnehmende Ansprechbarkeit der Insulinrezeptoren der Körperzellen auf Insulin gekennzeichnet (Insulinresistenz). Die Insulinsynthese und -sekretion sinkt, während die Ausschüttung des Insulingegenspielers Glukagon steigt. Als Folge kommt es zum Verlust von Körpermasse und zu einem Anstieg des Blutzuckerspiegels.

Der typische Katzenpatient mit Diabetes mellitus ist älter als neun Jahre, männlich, kastriert, übergewichtig und wird als Wohnungskatze gehalten. In der Regel werden Besitzer dieser Katzen in der Praxis vorstellig, da sie das Katzenklo häufiger reinigen müssen. Viele kommen auch, weil die Katze plötzlich unsauber wird und der Harnabsatz an unerwünschten Stellen erfolgt (Periurie). Einigen fällt das veränderte Gangbild oder die fehlende Sprungkraft ihrer Katze auf. Der Gewichtsverlust wird meist nicht bemerkt oder als positiv empfunden, da dem Besitzer bei früheren Praxisbesuchen nahegelegt wurde, sein stark übergewichtiges Tier abnehmen zu lassen. Gleiches gilt für vermehrtes Trinken, das häufig mit Gesundheit gleichgesetzt wird. Auch ständiger Hunger (Polyphagie) wird nicht als krankhaft empfunden, da die Katze aus Sicht des Besitzers gut frisst.

Wenn Durst zum Problem wird

Ein Hauptsymptom des unkomplizierten Diabetes ist der vermehrte Durst (Polydipsie) und die damit einhergehende erhöhte Urinausscheidung (Polyurie). Diese kann wiederum zu Unsauberkeit führen, da viele Katzen ein bereits benutztes Katzenklo ungerne erneut aufsuchen. Zudem haben viele Katzen mit einem Diabetes mellitus zusätzlich einen Harnwegsinfekt, was schmerzbedingt oder durch den gesteigerten Urinabsatz bedingt ebenfalls zu einer Periurie führen kann.

Der Mangel an Insulin führt zu einer gesteigerten Ausschüttung des Insulingegenspielers Glukagon. Glukagon fördert die Glykogenolyse, d. h. den Abbau von Glykogen aus der Leberzelle zu Glukose. Weiterhin steigert Glukagon die Glukoneogenese, d. h. die Neubildung von Glukose aus z. B. Aminosäuren. Beide Mechanismen erhöhen den Blutzuckerspiegel und führen zusammen mit der verminderten Aufnahme von Glukose in die Zelle zu einem erhöhten Blutzuckerspiegel, einer Hyperglykämie.

Steigt der Blutzucker über 250 mg/dl (14 mmol/l) wird Glukose mit dem Urin ausgeschieden und lässt sich mit einem Teststreifen im Urin nachweisen. Glukose ist stark osmotisch wirksam und führt zu einem erhöhten Wasserverlust über die Harnwege. Dies versucht die Katze über vermehrtes Trinken auszugleichen. Da der ausgeschiedene Urin zum einen glukosehaltig und zum anderen stark verdünnt ist, versagen die natürlichen Abwehrmechanismen des Körpers, einem Harnwegsinfekt ist Tür und Tor geöffnet. Einige Infektionserreger (z. B. E. coli) produzieren Toxine, die die Wasserrückresorption in der Niere blockieren. Es kommt zu weiterem Flüssigkeitsverlust, der das Durstgefühl und damit die Wasseraufnahme weiter steigert. Der Flüssigkeitsverlust über den Urin kann so hoch sein, dass die Katze ihn nicht über vermehrtes Trinken ausgleichen kann. Diese Patienten sind deutlich dehydriert, was sich klinisch in einem verminderten Hautturgor widerspiegelt. Je nach Flüssigkeitsdefizit verstreicht eine aufgezogene Hautfalte nur langsam oder bleibt stehen.

Diabetische Katzen haben erhöhte Blutglukosewerte, die jedoch auch bei gesunden, gestressten Katzen auftreten können! Nur ein erhöhter Langzeitblutzucker (Fruktosamin) ist bei Katzen beweisend für einen Diabetes mellitus. Der Fruktos­aminwert gibt den durchschnittlichen Blutzucker der letzten zehn Tage wieder.

Wenn Hunger keine Grenzen kennt

Im Verlauf eines unkomplizierten Diabetes mellitus zeigen betroffene Katzen Heißhunger (Polyphagie). Die Besitzer füttern wie bisher oder deutlich mehr, da die Katze ständig Hunger hat und dennoch kommt es zu einem zunehmenden Gewichtsverlust.

Die Abwesenheit von Insulin verhindert die Aufnahme von Glukose in die Zelle und die Speicherung von Glukose in Form von Glykogen in der Leber. Gleichzeitig kommt es zu einem Verlust von Glukose über den Urin. Dem Körper gehen wichtige Energiereserven verloren. Die gesteigerte Glukagonausschüttung steigert zudem den Abbau von Proteinen, um Aminosäuren für die Neubildung von Glukose (Glukoneogenese) bereitzustellen. Hauptproteinquelle ist die Muskulatur. Es kommt zum Verlust von Muskelmasse und durch den Proteinabbau bedingt zur Beeinträchtigung des Immunsystems und zu Störungen der Wundheilung. Auch der Fettstoffwechsel wird unter dem Einfluss von Glukagon gesteigert. Es findet ein überstürzter Abbau von Fett (Lipoplyse) statt, der eine Erhöhung des Blutfettspiegels (Lipämie) bewirkt. Freigesetzte Fette werden in der Leber eingelagert, es entsteht eine Fettleber. Durch die Leberverfettung kommt es zur reversiblen Schädigung von Leberzellen und Anstieg der Leberenzyme AP (alkalische Phosphatase), ALT (Alanin-Aminotransferase) und des Cholesterins im Blutserum. Die Hyperlipidämie lässt sich im Blut als Erhöhung der Triglyceride nachweisen.

Wenn aus der Katze ein Bär wird

Ein Teil der Patienten wird wegen Auffälligkeiten im Gangbild vorgestellt. Katzen gehören im Gegensatz zu Bären, die mit dem gesamten Fuß aufsetzen, zu den Zehengängern, da sie nur mit den Zehenspitzen auffußen. Manche diabetische Katzen laufen dagegen im Bereich der Hinterpfoten auf der gesamten Sohle und haben Probleme ,auf erhöhte Plätze zu springen. Dieser „plantigrade“ Gang ist die Folge einer durch die Hyperglykämie hervorgerufenen Nervenschädigung (diabetische Neuropathie). Diese Hinterhandschwäche darf nicht als orthopädisches Problem fehlinterpretiert werden. Sie verschwindet bei Therapie des Diabetes.

Wenn aus unkompliziert kompliziert wird

Wird ein Diabetes nicht erkannt oder bleibt er untherapiert, kann aus einem unkomplizierten Diabetes ein komplizierter Diabetes werden. Der Fettstoffwechsel entgleist und im Verlauf des überstürzten Fettabbaus werden massenhaft Ketonkörper gebildet. Die Ketonkörper lassen sich sowohl im Blut, wie auch im Urin nachweisen. Der Blut-pH-Wert verschiebt sich in den sauren Bereich (Azidose), der Patient entwickelt eine Ketoazidose. Diese Patienten stellen das Fressen ein (Inappetenz), werden zunehmend apathisch und sind akut in ihrem Leben bedroht. Sie müssen stationär aufgenommen und intensiv betreut werden. Die Sterblichkeit ist hoch.

Damit die Therapie Hand und Fuß hat

Viele an Diabetes mellitus erkrankte Katzen haben Begleiterkrankungen wie z. B. Harnwegsinfekte oder Erkrankungen der Zähne, die eine Therapie des Diabetes erschweren oder unmöglich machen. Daher gehört zur Diagnose eines Diabetes immer auch eine gründliche Untersuchung der Maulhöhle und ein Harnstatus. Zusätzlich empfiehlt es sich, die feline spezifische Pankreaslipase zu überprüfen, da ein Teil der Patienten unter einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse leidet. Bei älteren Patienten sollte zusätzlich der T4-Wert zum Ausschluss einer Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion) bestimmt werden.

Typische Symptome des unkomplizierten Diabetes mellitus

  • Diabetes mellitus geht mit vermehrtem Trinken (Polydipsie) und Glukoseausscheidung über den Urin (Glukosurie) einher. Die Patienten können dehydriert sein. Im Blut fällt ein erhöhter Glukose- und Fruktosaminwert auf.

  • Patienten leiden unter Heißhunger (Polyphagie) und Gewichtsverlust (Abbau von Muskelmasse und Körperfett). Sie entwickeln eine Fettleber. In der Blutchemie lassen sich eine erhöhte AP und ALT, Triglyceride und eine Hypercholesterinämie (erhöhter Cholesterinspiegel) nachweisen.

  • 10 % der diabetischen Katzen entwickeln eine reversible Neuropathie, die zu einer Hinterhandschwäche und plantigrader Fußung führt.

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