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Problemverhalten

Verständnis statt Strafe: Wie helfe ich einem ängstlichen Hund?

Wenn Angstverhalten keine körperlichen Ursachen hat, gilt es, den Auslöser zu identifizieren und den Hund mit den richtigen Therapieansätzen und Hilfsmitteln zu unterstützen. Hier kann die TFA den Besitzer beraten.

Inhaltsverzeichnis

Von Dr. med. vet. Patricia Solms

Angstverhalten muss nicht immer mit einer psychischen Störung einhergehen, sondern kann auch körperliche Ursachen haben. Daher sind bei einem Tier, das aufgrund einer Verhaltensauffälligkeit vorgestellt wird, immer organische Ursachen differenzialdiagnostisch abzuklären und ggf. zu behandeln.

Zu organischen Ursachen zählen:

  • Einschränkungen des Seh- oder Hörvermögens

  • Erkrankungen des zentralen Nervensystems (ZNS)

  • Schmerzen aller Art

  • Atemnot oder Herzinsuffizienzen

  • hormonelle Störungen, wie z. B. Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose)

  • Vergiftungserscheinungen oder metabolische Erkrankungen (z. B. durch bleihaltige Wasserrohre)

  • Tumorerkrankungen

  • Allergien

  • Nebenwirkungen von Medikamenten

Ein Hund mit eingeschränkter Sehfähigkeit kann z. B. schreckhaft auf Geräusche oder Berührungen reagieren. Auch gehörlose Tiere können bei plötzlicher Annäherung und Berührung erschrecken. Tumore, Verletzungen oder auch Infektionen wie z. B. Toxoplasmose können zu einer Angstsymptomatik führen. Schmerzhafte Erkrankungen des Bewegungsapparates, Ohrenentzündungen, Zahnfleischentzündungen oder Bauchschmerzen können Angstsymptome oder Abwehrreaktionen hervorrufen, z. B. wenn die Tiere beim Streicheln an den schmerzenden Körperteilen berührt werden. Bei den hormonellen Störungen spielt beim Hund insbesondere die Schilddrüsenunterfunktion eine wichtige Rolle. Hierbei ist es nicht selten, dass der Hund ängstliches Verhalten zeigt, bevor organische Hinweise auf eine Schilddrüsenfehlfunktion erkennbar sind (subklinische Hypothyreose). Aber auch Allergien und Nebenwirkungen bestimmter Medikamente können zu den Differenzialdiagnosen von Phobien oder chronischen Angstzuständen zählen.

Allgemeine Therapieansätze

So unterschiedlich und vielfältig wie die Ängste selbst sind auch deren Therapieansätze. Es gibt z. B. Angst vor Menschen, anderen Tieren, Artgenossen, Geräuschen, bestimmten Orten, bestimmten Situationen oder Gegenständen und vor dem Alleinsein. Der erste Schritt ist jedoch die Aufklärung der Besitzer darüber, wie diese ängstliches Verhalten bei ihrem Tier erkennen und somit vermeiden können. Nachdem organische Ursachen ausgeschlossen bzw. therapiert wurden, sollte eine ausführliche Befunderhebung des Angstverhaltens stattfinden.

Wann ist eine organische Ursache für Verhaltensprobleme wahrscheinlich?

  • Wenn kein eindeutiger Zusammenhang feststellbar ist (kein Grund vorhanden).

  • Wenn die Verhaltensänderung plötzlich auftritt und es vorher nie Probleme gab.

  • Wenn in kurzer Zeit eine starke Ausprägung auftritt.

  • Wenn sich das Tier in gleichen Situationen unterschiedlich verhält (manchmal ruhig, manchmal ängstlich).

  • bei Trainingsresistenz

Auslöser identifizieren und vermeiden

Um die richtigen Therapieansätze zu finden, müssen die Angst verursachenden Stimuli identifiziert und vermieden werden. Die anschließenden Therapieansätze können nur erfolgreich sein, wenn der problematische Stimulus genau erfasst wird und die ersten Stress-Symptome des Tieres sofort wahrgenommen werden. Beispielsweise bei der Silvester-Angst: Ist es tatsächlich der Knall, der das Tier ängstigt oder sind es die „Heuler“? Ist es vielleicht das Lichtspiel oder der Geruch der Feuerwerkskörper? Hat das Tier überall Angst vor dem Feuerwerk oder nur wenn es zu Hause ist? Ist der wahre Auslöser erkannt, sollte dieser zunächst vermieden und dann mit einem gezielten Training begonnen werden.

Ist eine Vermeidung der auslösenden Stimuli nicht möglich, z. B. bei Gewitter, ist es wichtig, dass das betroffene Tier eine Rückzugsmöglichkeit hat und sich dem Stressor weitgehend entziehen kann.

Bestrafung vermeiden!

Auch wenn dies eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte, sind leider viele Besitzer so frustriert vom Verhalten ihres Hundes, dass es auch beim Angstverhalten zur Bestrafung der Tiere kommt. Ein Hund, der beispielsweise Angst vor Männern entwickelt hat und von seinem (neuen) Besitzer gerufen wird, um das Halsband anzulegen, wird vielleicht nicht sofort und freudig angerannt kommen. Das Verhalten könnte als „Ungehorsamkeit“ fehlinterpretiert werden und zur Bestrafung führen. Dies sollte jedoch auf keinen Fall geschehen! Durch Bestrafung werden Angst, hohe Erregungslagen, Konfliktverhalten und Frustrationen verstärkt und damit das negative Verhalten eher begünstigt statt verbessert. Zudem kann dies auch zu einer Störung der Tier-Halter-Beziehung führen, was die Prognose verschlechtert. Daher sollte dem Besitzer erklärt werden, dass die Therapie von Angstverhalten ein hohes Maß an Geduld benötigt.

Ignorieren bzw. Löschen

Ignorieren des ängstlichen Verhaltens ist oftmals das Erste, was Besitzern geraten wird. Das Ignorieren ist jedoch nur bei kurzen Schreckmomenten empfehlenswert, z. B.wenn ein Gegenstand runter gefallen ist und sich das Tier kurz erschreckt hat. Zum Ignorieren gehört, das Tier nicht anzusprechen (auch nicht beruhigend), nicht anzufassen, nicht in dessen Richtung zu schauen und noch nicht einmal an das Tier zu denken. Ein wichtiger Aspekt, welcher dem Besitzer erklärt werden muss, da nicht jeder Gleiches unter Ignorieren versteht und oftmals auch unbewusst doch reagiert. Bei länger andauernden Angstperioden oder bei Angstaggression ist Ignorieren sicherlich nicht der Ratschlag der ersten Wahl. Dafür sollte eine Desensibilisierung bzw. Gegenkonditionierung mit den Besitzern erarbeitet werden.

Ignorieren eines (Fehl-)verhaltens bedeutet:

  • das Tier nicht anzusprechen (auch nicht beruhigend),

  • nicht anzufassen,

  • nicht in dessen Richtung zu schauen,

  • noch nicht einmal an das Tier zu denken.

Desensibilisierung und Gegenkonditionierung

Die Desensibilisierung ist eine Trainingsmethode, welche durch graduelle Konfrontation mit dem Stimulus (z. B. Feuerwerk), auf den zunächst die unerwünschte Reaktion folgt (z. B.Angst), eine Gewöhnung an den jeweiligen Stressor erzielen soll. Dabei muss die Intensität des Stimulus so gering gewählt werden, dass die unerwünschte Reaktion nicht ausgelöst wird. Nach und nach wird der Schwellenwert es Tieres in kleinen Schritten erhöht, bis das Problemverhalten schließlich gänzlich ausbleibt.

Die Gegenkonditionierung bezeichnet eine Trainingsmethode zur Verhaltensänderung anhand von Nichtbestätigung eines unerwünschten Verhaltens bei gleichzeitiger Bestärkung des erwünschten Verhaltens durch wiederholte Kopplung mit einer Belohnung. Sie beruht auf der klassischen Konditionierung. Dabei kann im Rahmen des Trainings beim Hund ein positives Gefühl gegenüber dem angstauslösenden Reiz aufgebaut werden. Hierbei muss jedes Mal der unangenehme Reiz mit einer Belohnung kombiniert und darf nicht ohne die Belohnung präsentiert werden. Durch die Assoziation des auslösenden Stimulus mit einer zeitgleichen Belohnung erfolgt bestenfalls ein Wechsel von negativen Empfindungen (z. B. Angst) hin zu einer positiven Erfahrung (Leckerli, Spiel, etc.). Ziel dabei ist, dass der Stimulus (z. B. ein fremder Mensch), welcher zuvor das ungewünschte Verhalten verursacht hat (z. B. Furcht), nun das gewünschte Verhalten hervorruft (z. B. ruhig bleiben). Dadurch wird ein unerwünschtes Verhalten (z. B. Flucht) durch ein gewünschtes (z. B. sitzen bleiben) ersetzt und das Negative (Stimulus) in etwas Positives (Belohnung) umgekehrt.

Die einfachste Form der Gegenkonditionierung ist beispielsweise die Handfütterung bei Angst vor Fremden (z. B. beim Tierarzt oder gegenüber der TFA). Wichtig dabei ist, dass der Mensch eine Körperhaltung einnimmt, welche für den Hund keine Bedrohung darstellt. Er sollte sich z. B. nicht über den Hund beugen, sich klein machen, den Blick abwenden und vor allem: den Hund zu sich kommen lassen und nicht umgekehrt .

Die Geschwindigkeit des Voranschreitens sollte an das individuelle Lerntempo des jeweiligen Individuums und nicht an die Ungeduld des Besitzers angepasst werden. Erfahrungsgemäß ist der häufigste Fehler der Besitzer ein zu schnelles Voranschreiten während der Trainingseinheiten. Die Geschwindigkeit der Vorgehensweise richtet sich somit stets nach der Ausprägung des Problems und dem Verhalten des Tieres. Je nach Vorgeschichte, Dauer und individueller Eigenschaft des Hundes sowie Geschick der Besitzer, kann sich das Training über Tage, Wochen oder sogar Monate erstrecken. Ein realistischer Zeitplan für die Zielsetzung kann hier hilfreich sein.

Spieltherapie

Eine Alternative zu Trainingsmethoden mit Futterbelohnung ist die Spieltherapie, welche eine Kombination aus Desensibilisierung und Gegenkonditionierung darstellt.

Insbesondere wenn ein Tier aufgrund einer hohen Erregungslage nicht für Futter als Belohnung empfänglich ist, der Besitzer nicht mit Leckerli arbeiten möchte oder das jeweilige Tier adipös, Al­ler­giker oder generell nicht futtermotiviert ist, kann diese eingesetzt werden. Hierbei sorgt das Spiel für einen stressfreien Kontext, sodass das Tier dem auslösenden Reiz in einer positiven Haltung entgegentritt . Dabei sollte das Tier bereits im Spiel mit dem Besitzer vertieft sein, bevor der Stressor (z. B. ein beängstigender Gegenstand) in einer sehr abgeschwächten Form präsentiert wird. Bleibt das Tier ruhig bzw. ins Spiel vertieft, wird es weiter belohnt. Zeigt es Stress-Symptome, war der Stimulus evtl. schon zu stark gewählt (z. B. zu nah) und sollte dann erneut in einer noch abgeschwächteren Form präsentiert werden. Auch hierbei wird dann die Intensität, Dauer und das Spektrum des auslösenden Reizes sukzessive erweitert bzw. angepasst. Das Spiel sollte immer erfolgreich und positiv für das Tier beendet werden (z. B. Überlassen der „Beute“).

Strafe bringt nichts! Bestrafungsmaßnahmen wie Anschreien, Erschrecken (z. B. Wurf eines Schlüsselbundes) oder physische Strafen sind bei der Behandlung von angst- und stressbedingten Verhaltensproblemen ausnahmslos abzulehnen. Sie lösen nicht die Ursachen, sondern verschlimmern das Problem!

Reizüberflutung ist abzulehnen!

Der Desensibilisierung und Gegenkonditionierung gegenüber steht das sogenannte Flooding (Reiz­überflutung). Hierbei wird das Tier so lange dem stressauslösenden Reiz ausgesetzt, bis das unerwünschte Verhalten zurückgegangen ist. Dies ist jedoch nicht als unproblematisch anzusehen, da es häufig im Widerspruch zu §1 des Tierschutzgesetzes steht. Traumatische Erfahrungen können gegenteilige Effekte bewirken, indem sie beispielsweise eine posttraumatische Belastungsstörung hervorrufen.

Beachte: Der §1 des Tierschutzgesetzes besagt, dass niemand einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen darf. Es gibt keinen vernünftigen Grund, der rechtfertigen würde, das Flooding (Reizüberflutung) einzusetzen, denn es stehen effektive verhaltenstherapeutische Methoden zur Verfügung, die das Tier nicht belasten.

Ergänzende Therapien und Hilfsmittel

Unterstützend zur Verhaltenstherapie gibt es noch eine Vielzahl an Hilfsmitteln (Pheromone, Ergänzungsfuttermittel, Bachblüten, Phytotherapeutika, etc.), welche parallel zur Verhaltensmodifikation eingesetzt werden können.

Von der Vielzahl an Präparaten, welche auf dem Markt sind, sollen hier nur einige Beispiele genannt werden, welche bei Angstverhalten eingesetzt werden. Das Präparat Zylkene® (Vetoquinol) kann z. B. generell ausprobiert werden. Es soll bei Tieren angstlösende Wirkung erzielen, ohne dabei die Nebenwirkungen von Psychopharmaka aufzuweisen. Die Aminosäure Tryptophan ist als Wirkstoff mittlerweile in einer Vielzahl von Produkten zu finden. In Kombination mit weiteren „beruhigenden“ Wirkstoffen wird sie in Kapseln oder Tabletten verarbeitet (z. B. Adaptil® Tabletten; Ceva Tiergesundheit), Sedarom direkt® (almapharm), Anxitane® (Virbac), Relaxan® (CP-Pharma). Auch wenn die Nebenwirkungen erheblich geringer ausfallen als bei Psychopharmaka, sollte die Dosierung von Tryptophan nicht zu hoch angesetzt werden, da dies ein sogenanntes Serotonin-Syndrom (Krämpfe, Hyperthermie, gastrointestinale Störungen, psychopathologische Auffälligkeiten) hervorrufen kann.

Wenn ein Besitzer nicht gleich zur Tablette greifen möchte, steht ihm beispielsweise das Futter Calm® (Royal Canin Tiernahrung) oder Relax Plus® (Vet-Concept) zur Verfügung. Ferner ist der Einsatz von Pheromonen (z. B. Adaptil®; Ceva Tiergesundheit) beim Angstverhalten denkbar, Nebenwirkungen sind hier ebenfalls nicht zu erwarten.

Spätestens durch Professorin Temple Grandin aus den USA, die durch ihre Forschung über Stressreduktion bei Schlachttieren Berühmtheit erlangte, weiß man, dass Druck auf bestimmte Körperpartien stressreduzierend wirken kann. Für dieses „sensorische Feedback“ wurden einige Hilfsmittel entwickelt, welche schon seit Jahren erfolgreich bei Tieren eingesetzt werden. Grundsätzlich kann man eng und großflächig anliegende Textilien (z. B. Thundershirts® oder Anxiety Wraps®) und nur wenig Körperoberfläche bedeckende Hilfsmittel (z. B. Tellington-Körperband®) unterscheiden. Diese Hilfsmittel eignen sich vor allem zur zeitweisen Unterstützung ängstlicher Tiere wie z. B. bei Gewitter oder Feuerwerk.

Bei besonders schwerwiegenden Ängsten kommen auch Psychopharmaka zum Einsatz, was jedoch gute Kenntnisse der Wirkungsweise und Erfahrung erfordert. Sie finden dann Anwendung, wenn die Ängste oder Phobien so weitreichend sind, dass ein Trainieren ohne medikamentöse Unterstützung nicht möglich ist. Bei weitreichenden und ausgeprägten Angstproblemen oder gar Verhaltensstörungen im psychiatrischen Sinn, sollten die Patientenbesitzer an Tierärzte mit Zusatzbezeichnung Verhaltenstherapie verwiesen werden.

Tipp: Eine Liste mit zertifizierten tierärztlichen Kollegen in ganz Deutschland findet man z. B. auf der Homepage der Gesellschaft für Tierverhaltensmedizin und -therapie. Dort gibt es viele weiterführende Informationen und Hinweise zu Fortbildungsmöglichkeiten auch für TFAs.

Buchtipps: Das Thema Verhalten interessiert Sie? Dann haben wir zwei Buchempfehlungen für Sie. Die Bücher „Verhaltensprobleme beim Hund“ und „Verhaltensprobleme bei der Katze“ können Sie versandkostenfrei bestellen.

Über die Autorin

Patricia Solms trägt die Zusatzbezeichnung Verhaltenstherapie und praktiziert in eigener Praxis in Mainz. Kontakt: Tierarztpraxis@Rheinallee.com

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