Foto: Klinik für Kleintiere, Universität Leipzig

Kaiserschnitt bei der Hündin

Wenn es eng wird ...

Der Kaiserschnitt wird bei der Hündin meist als Notfalloperation durchgeführt. Gute Vorbereitung, Zeitmanagement und strukturiertes gemeinsames Arbeiten sind hierbei essenziell.

Inhaltsverzeichnis

Von Dr. med. vet. Pia Rebentrost

Das Wort „Dystokie“ stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet „schwere Geburt“ (von „dys“ = übel und „tokos“ = Geburt). Es bezeichnet also eine Geburtsstörung, d. h. Schwierigkeiten beim Durchtritt des Fetus durch das Becken der Mutter.

Die Ursachen für eine Dystokie beim Hund sind vielfältig. Dabei kommen von der Mutter ausgehende Schwierigkeiten wie auch durch die Welpen bedingte Probleme in Frage. Eine primäre oder sekundäre Wehenschwäche sowie ein zu enger weicher oder knöchernen Geburtskanal, aber auch zu große oder fehlgebildete Welpen sowie eine Fehllage der Früchte im Uterus können zu einer Dystokie führen.

Die Inzidenz (Häufigkeit) für die Notwendigkeit des Einschreitens eines ­Tierarztes bei der Geburt liegt beim Hund zwischen 3,7 % und 5 %. Bei ca. 60–80 % dieser Fälle ist die Indikation für einen Kaiserschnitt gegeben. Eine Prädisposition wurde vor allem für brachyzephale Hunde, verschiedene Terrier-Arten, aber auch weitere Rassen beschrieben. Bei Hündinnen kleiner Rassen kommt es häufiger zu Einlingsträchtigkeiten und damit zu absolut zu großen Früchten, was wiederum häufiger zu Komplikationen bei der Geburt führen kann. Für die betroffenen Rassen werden in den USA teilweise auch geplante Kaiserschnitte durchgeführt. Die Mortalitätsrate der Welpen liegt hier bei 5 %. Bei Würfen mit über neun Welpen steigt diese außerdem signifikant an.

In Deutschland wird der Kaiserschnitt (Sectio caesarea) bei der Hündin in der Regel nicht geplant durchgeführt. In Anbetracht der Notfallsituation ist ein strukturiertes Arbeiten in einem eingespielten Team das A und O. Der Tiermedizinischen Fachangestellten wird hierbei eine besonders wichtige Rolle zuteil.

Die Entscheidung fällt

Die Entscheidung zur Sectio caesarea ist nicht immer leicht zu treffen. Multiple Faktoren spielen hierbei eine Rolle, jedoch gibt es absolute Indikationen, die einen Kaiserschnitt unvermeidlich werden lassen.

Wann ein Kaiserschnitt nötig ist

  • bei erfolgloser konservativer Geburtshilfe
  • bei einem zu engen knöchernen oder weichen Geburtskanal
  • bei einer Herzfrequenz der Welpen von
    < 160/min. (sonografisch ermittelt)
  • bei Lageanomalien der Feten, die nicht korrigiert werden können
  • bei einer Uterustorsion oder -ruptur
  • bei Fruchttod mit beginnender Autolyse
  • Bei abnormem Ausfluss aus der Vulva, z. B. hämorrhagischer oder purulenter Ausfluss; grünlicher Ausfluss vor Geburt des ersten Welpen weist auf eine Plazentaablösung hin.

Zur Präoperativen Diagnostik wird eine Röntgenaufnahme in dorso-ventraler oder ventro-dorsaler Projektionsebene, je nach Zustand der Hündin, benötigt. Hiermit können Größe und Lage der Früchte beurteilt werden. Die Einschätzung der Vitalität der Welpen erfolgt mit Hilfe einer Ultraschalluntersuchung. Hierbei können auch die Herzfrequenzen der Feten ausgezählt werden. Eine basale Blutuntersuchung der Hündin sollte ebenfalls erfolgen, wobei vor allem auf Kalzium-, Glukose- und Elektrolytwerte zu achten ist.

Welche OP-Methoden gibt es?

Die am häufigsten durchgeführte Operationsmethode stellt die Sectio caesarea conservativa dar. Die Welpen werden aus dem Uterus entwickelt und dieser im Anschluss zweischichtig verschlossen und in situ belassen.

Eine Alternative stellt die Sectio caesarea totalis (auch Sectio caesarea radicalis oder Sectio porro) dar. Der Uterus und die Ovarien werden dabei wie bei einer klassischen Ovariohysterektomie im Ganzen entnommen. Diese Operationstechnik wird meist nur bei bereits verstorbenen Feten durchgeführt. Bei noch lebenden Welpen wird der Uterus nach der Entnahme sofort an ein zweites Operationsteam übergeben, welches die Entwicklung der Welpen im Anschluss durchführt. Zwischen dem Abklemmen und der Entnahme des Uterus sollte ein Zeitintervall von 30–60 Sekunden nicht überschritten werden.

Vorbereitung: Was wird benötigt?

Jegliche Maßnahmen, für die noch keine Narkose erforderlich ist, sollten vor der Operation durchgeführt werden, um das Überleben der Welpen nicht zu gefährden. Beim Legen des peripheren Venenzugangs der Hündin sollte direkt eine Blutentnahme erfolgen und im Anschluss mit einer Dauertropfinfusion mit einer Vollelektrolytlösung begonnen werden. Zeitgleich kann das Operationsfeld noch vor der Narkose vom Xiphoid bis zum Beckeneingang ausgeschoren, gereinigt und erstmals desinfiziert werden. Kalzium und Glukose können über Bolusgaben oder die Infusion gegebenenfalls bereits substituiert werden. Eine Präoxygenierung über eine Sauerstoffmaske oder mittels „Flow by“-Verfahren kann die Narkose positiv beeinflussen. Für die Anästhesie sind entsprechende Medikamente sowie nötiges Zubehör für eine endotracheale Intubation bereitzustellen. Außerdem sollten sterile Handschuhe, eine Spinalkanüle und das entsprechende Lokalanästhetikum für eine Epiduralanästhesie vorbereitet werden.

Im Operationssaal ist die Vorbereitung und Dichtigkeitsprüfung des Narkosegerätes wichtig. Operateur und dessen Assistenz sollten noch vor Ankunft der Hündin steril bereit stehen. Die Hündin wird hier abschließend desinfiziert, sodass ohne Verzögerung mit der Operation begonnen werden kann. 45 Minuten sollten von der Narkoseeinleitung bis zum Beginn der Operation nicht überschritten werden und die Gesamtnarkosedauer sollte nicht mehr als zwei Stunden betragen.

Notfallmedikamente (je nach Indikation)

  • Adrenalin (0,1–0,3 mg/kg i. v. oder i. o., doppelte Dosis endotracheal)
  • Doxapram (1–5 mg/kg i. v. oder i. o.)
  • Naloxon (0,1 mg/kg i. v. oder i. o., doppelte Dosis endotracheal)
  • Glukose (2–4 ml/kg 10%ige Lösung i. v. oder i. o. bei vorhandenem Saugreflex)

Ablauf der Operation

Für den operativen Eingriff wird die Hündin in Rückenlage auf dem Operationstisch gelagert und ausgebunden. Nach der abschließenden Desinfektion erfolgt die mediane Laparotomie unter Schonung der Gesäugeleisten und des Uterus. Dieser wird im Anschluss vorverlagert und die Bauchhöhle mit sterilen Tüchern vor Kontamination durch Fruchtwasser geschützt. Es erfolgt eine vorsichtige Inzision (Einschnitt) des Uterus (ideal im Bereich des Corpus uteri) und das Entwickeln des ersten Welpen unter Erhaltung der Fruchtblase. Die Fruchthüllen werden sofort eröffnet und Sekret im Bereich der Nasenregion des Welpen mit einer sterilen Kompresse entfernt. Nach Abklemmen und Durchtrennen der Nabelschnur wird der Welpe in einem sterilen Bauchtuch ohne Kontamination des Assistenten an eine unsterile Hilfsperson übergeben.

Die zugehörige Plazenta wird entfernt und die weiteren Welpen werden zur Inzisionsstelle massiert und nach und nach gleichermaßen entwickelt. Sobald der Uterus komplett entleert wurde, wird dieser nochmals palpatorisch kontrolliert und im Anschluss zweischichtig mit resorbierbarem Nahtmaterial verschlossen. Die Bauchhöhle wird mit warmer NaCl-Lösung gespült, alle kontaminierten Instrumente entfernt und die Handschuhe von Operateur und Assistenz gewechselt. Die Bauchhöhle wird schichtweise verschlossen, wobei die Haut ggf. mittels Intrakutannaht adaptiert werden kann, um eine Irritation der Welpen durch Nahtmaterial zu vermeiden. Das Operationsfeld wird zum Schluss von Desinfektionsmittel gereinigt und getrocknet.

Die Operationszeit sollte möglichst kurz gehalten werden. Bei Überschreiten eines Zeitintervalls von 75 Minuten konnte in einer aktuellen Studie eine erhöhte perioperative Welpensterblichkeit festgestellt werden.

Versorgung der Welpen

Unmittelbar nach Übergabe der Welpen an den unsterilen Assistenten werden diese zunächst mit sterilen Tüchern im atemsynchronen Rhythmus trockengerieben und warm gelagert.

Ideal hierfür sind elektronische Wärmematten oder Heizkissen, die in der Mikrowelle erwärmt werden können. Bei der Nutzung von Wärmflaschen ist eine mögliche Überhitzung unbedingt zu vermeiden.

Die Vitalität der Welpen kann anhand von Lautäußerung, Bewegung, Zitzensuche sowie Saug- und Schluckreflex beurteilt werden. Die Atemwege der Neugeborenen werden mit Hilfe eines Saugers von Fruchtwasser befreit und die Nabelschnur abgebunden. Bei avitalen Welpen wird unverzüglich mit der Reanimation begonnen.

Zur Erstuntersuchung gehört die Kontrolle von Atem- und Herztätigkeit, Gewicht, Geschlecht, Geburtsschäden oder Fehlbildungen. Die Welpen werden gekennzeichnet und an das Gesäuge angelegt. Bei unzureichender Nahrungsaufnahme kann mit spezieller Welpenmilch in einer Flasche mit Sauger oder über eine Sonde zugefüttert werden. Nach der Fütterung sollte mit Hilfe einer Bauchmassage das Brutpflegeverhalten der Hündin imitiert werden, um den Verdauungstrakt der Neugeborenen entsprechend zu stimulieren.

Checkliste Erstversorgung Welpen

  • ausreichend Hilfspersonal (evtl. auch der Besitzer)
  • Einmalhandschuhe
  • sterile Schere bzw. Klemme und Desinfektionsmittel für die Abnabelung
  • sterile Tücher (ideal angewärmt)
  • Notfallmedikamente (s. u.) und entsprechende Spritzen, Kanülen sowie eine kleine Sonde
  • Sauerstoff (inkl. Maske)
  • Sauger (entweder eine Spritze mit weicher aufgesetzter Sonde, ein pädiatrischer Nasensekretsauger oder ein chirurgischer Sauger mit niedriger Stärke)
  • trockenes Nest mit Wärmequelle
  • Welpenmilch
  • Waage
  • Klebeband und Stift zur Kennzeichnung der Welpen
  • Tabelle (zur Dokumentation von Geschlecht, Gewicht etc.)

Versorgung der Hündin

Postoperativ wird die Hündin weiterhin mit einer Dauertropfinfusion und einer Wärmequelle versorgt. Die Aufwachphase der Hündin sollte auch zum Schutz der Welpen streng überwacht werden. Das Gesäuge und die Milchproduktion werden überprüft sowie das Brutpflegeverhalten nach der Aufwachphase beobachtet. Vor der Entlassung sollte eine Kontrolle auf Blutungen erfolgen.

Postoperativ wird bei komplikationslosem Operationsverlauf kein Antibiotikum angewandt. Bei erhöhtem Infektionsrisiko (z. B. durch Kontamination der Bauchhöhle mit Fruchtwasser) muss ggf. ein Breitspektrumantibiotikum (z. B. Amoxicillin, Amoxicillin/Clavulansäure oder Cefalexin) über weitere 7–10 Tage verabreicht werden. Für die postoperative Schmerzmedikation gilt Metamizol als Mittel der Wahl, da es die Welpen am wenigsten beeinträchtigt. Alternativ können Buprenorphin oder Tramadol unter besonderer Berücksichtigung des Allgemeinbefindens der Neugeborenen eingesetzt werden. Die Analgesie sollte für ca. fünf Tage nach dem Eingriff fortgeführt werden.

Was muss der Besitzer beachten?

Zum Zeitpunkt der Entlassung ist die ausführliche Aufklärung des Besitzers über die nötige postoperative Pflege von Welpen und Hündin essenziell. Dies beinhaltet die strenge Kontrolle des Brutpflegeverhaltens der Mutter und des Saugverhaltens der Welpen. Nach der Operation müssen Mutter und Welpen außerdem weiter warmgehalten werden. Die Neugeborenen müssen regelmäßig gewogen werden und sollten täglich ca. 5–10 % ihres Geburtsgewichts zunehmen. Ist dies nicht der Fall, muss ein Zufüttern mit Welpenmilch durch den Besitzer erfolgen.

Die Operationswunde der Hündin ist regelmäßig auf Entzündungsanzeichen zu kontrollieren und die Medikamente sind wie verordnet einzugeben. Der Abfluss des Lochialsekrets (Wundsekret aus der Gebärmutter nach der Geburt) sollte zwei bis drei Tage nach dem Kaiserschnitt deutlich zurückgehen. Klares bis leicht blutiges Sekret kann noch bis zur vollständigen Regeneration des Uterus, also bis zu 16 Wochen, in geringer Ausprägung abfließen. Zusätzlich zum Entlassungsgespräch empfiehlt sich ein schriftlicher Vordruck mit den wichtigsten Informationen, dessen Kenntnisnahme der Besitzer mit einer Unterschrift bestätigt.

Über die Autorin

Dr. med. vet. Pia Rebentrost arbeitet seit 2013 in der Abteilung für Chirurgie der Klinik für Kleintiere der Universität Leipzig, promovierte 2019 und befindet sich aktuell in der Ausbildung zur Fachtierärztin für Kleintierchirurgie.

Wir haben spannendes Zusatzmaterial für Sie. Sehen Sie sich die Videos der Autorin an: Video1, Video2 und Video3.

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