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Schritt-für-Schritt-Anleitung

Zahnsteinentfernung beim Hund

Nur eine professionelle Zahnreinigung kann Hunde mit Zahnstein vor Schmerzen und weiteren Erkrankungen bewahren.

Inhaltsverzeichnis

Von Dr. med. vet. Friedrich Roes

Zahnstein bildet sich aus Zahnbelag (Plaque). Plaque entsteht in jedem Gebiss aus Futterresten, Bakterien, toten Schleimhautzellen und vielem mehr. Sie liegt dem Zahn lose auf und kann mit minimalem mechanischem Aufwand entfernt werden. Unterbleibt dies, lagert sich mit der Zeit immer mehr Plaque auf der Zahnoberfläche ab. Der Zahn fühlt sich „pelzig“ an. Nach einer Woche hat sich eine konstante Schichtdicke ausgebildet, die nur noch mit höherem Aufwand entfernt werden kann. Lagern sich in diesen Zahnbelag nun zusätzlich Mineralien ein, beispielsweise aus dem Speichel, entsteht Zahnstein. Dieser ist fest mit der Zahnoberfläche verbunden und kann nur noch mechanisch mit entsprechenden Instrumenten entfernt werden. Der Zahnstein bleibt mit Plaque bedeckt, sodass er mit der Zeit immer dicker wird.

Zahnfleischentzündungen mit Blutungsneigung, Zahnfleischtaschen mit üblem Geruch und Zahnfachentzündungen (Parodontitis) mit Zahnverlust folgen. Die Ausprägung von Zahnsteinbelag und Entzündungs- bzw. Parodontitis-Neigung ist sehr individuell. Übler Geruch verrät die Bakterien, die den Organismus belasten und schließlich zu Organschädigung führen können.

1. Vorbereitung des Patienten

Der Hund wird nach präoperativem Screening sediert und anschließend intubiert (s. Abb. 1). Die Narkose wird kontinuierlich überwacht. Der Tubus muss geblockt werden, bei Bedarf kann man mit gesicherten Tupfern den Rachenraum vorsichtig austamponieren. Für einen ausreichenden Wasserabfluss muss während der gesamten Zahnreinigung gesorgt werden (s. Abb. 2). Es empfiehlt sich, wegen der hohen Keimbelastung die Zahnsteinentfernung räumlich separiert durchzuführen und eventuell zusätzlich für eine Entlüftung des Raums zu sorgen. Die oder der Behandelnde trägt stets Einweghandschuhe, Mund- und Gesichtsschutz (s. Abb. 3).

2. Erhebung des Gebiss-Status

Nachdem der Zahnstatus dokumentiert ist, wird der Parodontalstatus erhoben. Hierzu tastet man mit einer Parodontalsonde vorsichtig die orale Sulcustiefe ab (s. Abb. 4 und 5).

Die Gingiva (das Zahnfleisch) besteht aus zwei Teilen: einem fest mit dem Knochen verbundenen und einem dem Zahn anliegenden, aber verschieblichen Teil. Letzterer überragt den Alveolarknochen und verläuft arkadenförmig um die Zahnkrone. Zwischen Zahn und Zahnfleischsaum liegt der gingivale Sulcus, der im Bereich seines Bodens fest mit dem Zahnhals verwachsen ist. Unter parodontaler Sulcustiefe versteht man den verschieblichen Teil der Gingiva. Sie wird in Millimetern gemessen. Die orale Sulcustiefe beträgt beim Hund in der Regel 1 bis 2 mm, am Caninus können auch 4 mm erreicht werden.

Bei der Sondierung darf es zu keinerlei Blutung kommen. Tritt eine solche auf (s. Abb. 6) oder werden deutliche Zahnfleischtaschen diagnostiziert (s. Abb. 7 und 8), liegt eine Entzündung vor und der Tierarzt muss für weitere Entscheidungen hinzugezogen werden.

3. Durchführung der Zahnstein-Entfernung

Primär wird der Zahnstein manuell mechanisch mit

  • Scalern (s. Abb. 9),

  • Zahnstein-Entfernungszangen (s. Abb. 10) oder

  • Küretten (s. Abb. 11)

entfernt, wobei Scaler und Zange im Bereich der Zahnkrone und Küretten auf der Wurzeloberfläche eingesetzt werden. Scaler haben spitze Enden und würden im Zahnfach zu Verletzungen führen. Küretten weisen abgestumpfte Enden auf.

Scaler: Den koronalen (an der Zahnkrone gelegenen) Zahnstein entfernt man mit einem Scaler. Mit ihm schiebt man zunächst vorsichtig die marginale Gingiva zurück. So ist es möglich, den Scaler auf der nicht mit Zahnstein bedeckten Zahnoberfläche zu platzieren. Anschließend verkantet man den Scaler in Richtung Zahn und zieht ihn unter Druck zur Kronenspitze. Größere Zahnsteinbrocken werden abgesprengt (s. Abb. 12–15). Es ist von Vorteil, wenn die Krümmung des Scalers mit der Zahnform harmoniert, da so ein möglichst großflächiger Kontakt erreicht wird.

Zange: Mit der Zange lassen sich große Zahnsteinbrocken entfernen, indem man die runde Backe auf die Kronespitze und die gerade Backe am Zahnfleischsaum auf den Zahnstein setzt.

Kürette: Befindet sich der Hund bereits in einem Stadium der Parodontitis, überzieht der Zahnstein auch die Wurzeloberfläche. Diese wird mit Küretten gereinigt und geglättet. Hierzu wird eine geeignete Kürette zum Boden der Tasche geführt, anschließend gegen den Zahn verkantet und unter Druck zur Oberfläche gezogen (s. Abb. 16 und 17).

Um eine besseren Überblick zu haben, sollte während der mechanischen Zahnsteinentfernung die Zahnoberfläche und gegebenenfalls die Parodontaltasche wiederholt mit Wasser aus der Dreiwegepistole ab- bzw. ausgespült werden. Da eine Kürettage ein schmerzhafter Eingriff ist, darf die Analgesie in solchen Fällen nicht vernachlässigt werden. Eine umfangreiche Parodontalbehandlung obliegt dem Tierarzt.

Die verbliebenen Reste auf der Zahnkrone werden mit dem Ultraschall-Zahnstein-Entfernungsgeräte (UZG) entfernt. UZG gibt es in verschiedenen technischen Ausführungen. Die piezoelektrischen Geräte sind derzeit die gebräuchlichsten (s. Abb. 18). In ihrem Handstück wird über Strom ein Kristall zum Schwingen gebracht. Seine Schwingungen werden auf eine fest aufgeschraubte Spitze übertragen (s. Abb. 19–21). Diese Spitzen sind entweder zur koronalen Zahnsteinentfernung (scaling – „G“) oder zur Reinigung der Wurzeloberfläche (perio – „P“) geeignet. Eine entsprechende Kennzeichnung ist auf den Spitzen abzulesen (s. Abb. 22 und 23). Ihre Formgebung ist mit Zahlen kodiert. Am UZG kann der Reinigungsmodus, die Schwingungsintensität und die Wasserzufuhr eingestellt werden. Für die Wurzeloberfläche ist stets eine geringere Schwingungsintensität zu wählen. Genaue Angaben entnimmt man der Gebrauchsanweisung des Gerätes. Das Kühlwasser tritt als Spraynebel aus einem kleinen Loch am Schaft der Spitze.

Das UZG stellt ein Hilfsmittel zur Zahnstein-Entfernung in Sedation dar. Es sollte nicht als Hauptinstrument zum Einsatz kommen. Der Gebrauch erfolgt unter ausreichender Wasserkühlung, da es sonst zu Schäden an der Zahnsubstanz kommt. Es ist wichtig, dass die Wasserkühlung konstant erfolgt, damit eine Überhitzung des Zahnes vermieden wird. Andernfalls könnte eine Entzündung des Zahnmarks – eine Pulpitis folgen. Die Schallkopfspitze sollte mit ihren Seitenflächen ohne Verkanten und ohne Druck über die Zahnoberfläche gleiten, da der Ultraschall sonst die Wirkung eines „Minipresslufthammers“ hat und den Zahnschmelz aufreißt. Die minimalen Schmelzschäden, die sich auch bei korrekter Handhabung nicht vermeiden lassen, werden durch die abschließende Politur geglättet.

Als Faustregel gilt: Nicht länger als 15 Sekunden mit dem Schallkopf einen Zahn bearbeiten.

Ein einfaches UZG ist nicht zur Entfernung von Zahnstein auf der Wurzeloberfläche innerhalb von Zahnfleischtaschen geeignet, weil es hier eine Gewebeschädigung bewirkt. Daher muss der Zahnstein mit Küretten abgetragen werden, mit diesen lässt sich auch entzündliches Granulationsgewebe der Parodontaltasche entfernen und die entzündlich aufgerauhte Wurzeloberfläche glätten. Setzt man ein geeignetes UZG im Parodontalspalt ein, müssen die entsprechenden Einstellungsänderungen vorgenommen und die geeigneten Spitzen verwendet werden.

4. Politur

Um die bei der Zahnsteinentfernung entstandenen Schmelzläsionen zu glätten, ist eine abschließende Politur notwendig. Auch hier sollte Hitze-Entwicklung vermieden werden (max. 3000 Umdrehungen/Minute und gegebenenfalls Wasserkühlung, nicht länger als 15 Sekunden pro Zahn). Politurpaste hat eine abrasivere (schleifendere) Textur als normale Zahncreme. Sie wird mittels rotierender Instrumente auf der Zahnoberfläche verrieben. Hierzu stehen Näpfchen und Bürstchen oder die Kombination aus beidem zur Verfügung. Diese werden mit verschiedenen Anschlüssen angeboten. Es ist sinnvoll, ein spezielles niedertouriges Polierhandstück oder ein gerades Handstück mit dem Polieraufsatz zu verwenden, da hier der Verschleiß deutlich geringer ist als beim Verwenden des Winkelstücks (s. Abb. 24).

5. Oralprophylaxe

Nach einer Zahnreinigung sollte der Tierhalter über Maßnahmen unterrichtet werden, die die Maulhygiene bei seinem Vierbeiner verbessern. Ziel ist es, auf längere Zeit eine bessere Lebensqualität für seinen Schützling zu erreichen. Der oberste Grundsatz besteht in der Plaque-Reduktion. Die Plaque wird am besten täglich entfernt, so lässt sich der Neuansatz von Zahnstein verzögern oder gar verhindern.

Über den Autor

Dr. med. vet. Friedrich Roes hat sich auf Tierzahnheilkunde spezialisiert. Seit über 20 Jahren leitet er die Abteilung „Tierzahnheilkunde“ der Tierarztpraxis Dr. Sörensen in Berlin. Sein persönliches Interesse gilt der Entwicklung kieferorthopädischer Techniken, der Versorgung von Kieferfrakturen und der Zytologie. Friedrich Roes vermittelt sein Wissen in Seminaren für Tierärzte und Tiermedizinische Fachangestellte. Weitere Infos finden Sie auf seiner Webseite: www.zahn-und-zyto-seminare.de

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