Chefs sollten sich klarmachen, wie viel die entgegengebrachte Wertschätzung, regelmäßiges Lob und die Stärkung des Team-Zusammenhalts bereits bewirken können.
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Stress abbauen und vermeiden

Zynisch und vergesslich? Stress lass nach!

Vom empathischen Chef zum dünnhäutigen Choleriker: Wenn Cortisol die Fäden zieht, leidet nicht nur unsere Arbeit darunter.

Von Lisa-Marie Petersen

Was für ein Jahr! Wer hätte gedacht, dass Mund-Nasen-Masken das wichtigste Accessoire des Frühjahrs und Sommers sein würden? Auch Tierärzte und Tiermedizinische Fachangestellte bekamen die Krise zu spüren, wenn auch auf andere Weise als viele gebeutelte Unternehmen. Die Hygieneauflagen machten eine Umgestaltung der Tagesabläufe nötig, Terminsprechstunden limitierten die Anzahl behandelbarer Patienten. Viele Praxen wurden von Kunden jedoch regelrecht überrannt. „Die Tierbesitzer standen vor der Klinik Schlange und wir kamen nicht mehr zum Essen“, erzählt eine angestellte Kleintierpraktikerin, die in Duisburg tätig ist.

Für Tierärzte und TFAs bedeutete das hohe Arbeitspensum und das Tragen der Masken vor allem eines: Stress! Eine Umfrage unter Tiermedizinischen Fachangestellten vom Verband medizinischer Fachberufe e. V. bestätigte dies: TFAs gaben an, in 2020 „sehr gestresst“ zu sein. Leider wird Stress heutzutage allzu oft auf die leichte Schulter genommen oder gar als „cool“ empfunden. Nur wer dauerhaft gestresst ist, ist auch wichtig. Dabei nimmt Cortisol dem Menschen vieles, zum Beispiel seine Verlässlichkeit.

Fight or Flight!

Ein hohes Arbeitspensum, das Gefühl von Kontrollverlust und fehlende Wertschätzung – all das löst Stress aus. Wenn wir chronisch gestresst sind, befindet sich der Körper in Alarmbereitschaft.

Das sympathische Nervensystem ist dauerhaft aktiv und es kommt über das limbische System, Hypothalamus und Nebenniere zur Ausschüttung von Adrenalin und Cortisol. Wenn diese Hormone die Fäden ziehen, reagiert der Körper: Das Herz schlägt schneller, Blutgefäße kontrahieren, während Bronchiolen dilatieren. Glukose und Triglyceride werden freigesetzt, um dem Körper schnell Energie zu liefern. Der Blutzuckerspiegel steigt. Gleichzeitig unterdrückt Cortisol die Wirkung von Insulin und unsere Immunfunktion wird heruntergefahren – chronische Entzündungen und Infektionen können daraus resultieren. Besonders schädlich ist Stress für das Gehirn, das stellenweise mit zahlreichen Cortisolrezeptoren ausgestattet ist: So können Zellkörper und Dendriten absterben. Tiermodelle zeigen, dass bei dauerhaft hohen Cortisolspiegeln die Bildung neuer Nervenzellen (= Neurogenese) vermindert ist. Ebenso haben Hirnscans ergeben, dass chronisch gestresste Menschen kleinere Hippocampi haben. Eine Erklärung dafür, warum sie häufig Dinge vergessen.

Heil durch die Corona-Krise

Die psychische Widerstandskraft in Krisensituationen nennt die Psychologie Resilienz. Diese kann trainiert werden, zum Beispiel in einem kostenfreien Online-Kurs der Universität Mainz.
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Die Liste der negativen Folgen von Stress ist lang: Kopfschmerz, Rücken- und Brustschmerz, Verdauungsprobleme, Gewichtsschwankungen, Libidoverlust und gynäkologische Beschwerden oder schlechter Schlaf sind nur die körperlichen Baustellen. Nicht weniger bedenklich sind die Auswirkungen auf unsere mentale Gesundheit. So kann chronischer Stress den Menschen depressiv, ängstlich, lethargisch, dünnhäutig und zynisch machen. Das Vertrackte: Die Folgen von Stress führen in der Regel zu noch mehr Stress.

Überforderung ist keine Schwäche

Der erste Schritt, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, klingt einfach. Er fällt aber schwer: Sie müssen einsehen, dass sie gestresst und überfordert sind. Und: Sie müssen aufhören, zu vergleichen. Es kann sein, dass die Kollegin eine höhere Stresstoleranz hat. Allgemein ist die Toleranz von Stressoren sehr individuell und auch durch Faktoren (Gene, soziale Einbindung, Elternhaus) bestimmt, die nicht alle in unserer Hand liegen. In vielen Fällen bringt die Anhäufung von Stress das Fass zum Überlaufen: Wenn zu einem hohen Arbeitspensum eine schwierige persönliche Situation hinzukommt, kann das überfordern.

Was hilft gegen Stress?

Natürlich ist es nicht möglich, alle Stressoren zu eliminieren. So dürfte es schwierig sein, einfach nicht mehr zur Arbeit zu gehen oder das Kind abzugeben, um künftig stressfreier durchs Leben zu gehen. Statt das ganze Leben umzukrempeln (= noch mehr Stress!), können schon kleine Veränderungen im Alltag einen großen Unterschied machen.

Chefs sollten sich klarmachen, wie viel die entgegengebrachte Wertschätzung, regelmäßiges Lob und die Stärkung des Team-Zusammenhalts bereits bewirken können. „Ich brauche gar keine Lohnerhöhung, ich will einfach, dass mein Einsatz anerkannt wird“, so eine gestresste Tierärztin aus Duisburg.

Ebenso wichtig ist es, an der Einstellung zu Stress zu arbeiten. Vielleicht lernen Sie durch das hohe Arbeitspensum gerade besonders viel? Machen Sie sich klar, dass stressige Phasen oft nur temporär sind. Und: Positives Denken sowie Gelassenheit bedürfen der Übung, sind jedoch auch nur Fähigkeiten, die trainierbar sind. Ähnlich wie der Muskel, der durch kontinuierliche Trainingsreize kräftiger wird, kann auch die psychische Widerstandsfähigkeit (= Resilienz) robuster werden.

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Nicht aller Stress ist schlecht

Nicht aller Stress ist negativ − unter dem Begriff „Hormesis“, der aus dem Griechischen stammt und übersetzt „Anregung“ bedeutet, wird „positiver Stress“, verstanden. So vertrat schon der Schweizer Arzt Paracelsus die Hypothese, dass geringe Dosen schädlicher oder giftiger Substanzen eine positive Wirkung auf Organismen haben können. Die Idee: Wer sich regelmäßig positiven geringen Stressdosen aussetzt, kann Abwehrkräfte im Körper mobilisieren − es handelt sich dabei quasi um ein Immunsystemtraining, das uns hilft, gesund zu bleiben.

Folgende Parameter können helfen, dem überreizten Kopf eine Pause zu gönnen:

  • ausreichend Schlaf
  • regelmäßige Bewegung
  • Yoga/Pilates
  • Meditation/bewusste Atmung
  • Wärme – z. B. beim Saunabesuch
  • handyfreie Zeit, weniger Social Media
  • Gespräche mit den Liebsten
  • Spaziergänge in der Natur
  • Haustier-Kontakt

Der nervöse Darm

15–20 Prozent der westlichen Bevölkerung leiden unter unangenehmen Magen-Darm-Symptomen, zu denen Krämpfe, Blähbauch, Blähungen, Durchfall und abdominaler Schmerz zählen. Endoskopisch sind hierbei häufig keine Veränderungen des Darms auffindbar. Die Ausschlussdiagnose lautet dabei dann: Reizdarmsyndrom.

Die Ursachen für die Erkrankung sind noch nicht abschließend geklärt, es wird jedoch häufig ein Zusammenhang mit psychischer Erschöpfung oder Immunreaktionen gesehen.

Was tun?

Da viele Menschen die Verdauungssymptome auf ihre Essgewohnheiten zurückführen, kommt es häufig zu radikalen Veränderungen der Diät. Diese bringt die Verdauung jedoch im Zweifel noch stärker durcheinander. Stattdessen kann die Bekämpfung von Stressoren, Psychotherapie oder Yoga helfen.

Über die Autorin

Als Tierärztin horcht Lisa-Marie Petersen gern am Ort des Geschehens nach: Was beschäftigt die Tiermedizin derzeit? Interessante Themen verarbeitet die Fachjournalistin dann in redaktionellen Beiträgen für Print- und Onlinemedien.

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