Foto: Anett Seidensticker

Verhaltenstherapie

Den Hundebiss verhindern

Ohne Maulkorb und Leine durchs Hundeleben: Dabei kann die tierärztliche Verhaltensspezialistin und Hundetrainerin Sandra Bruns helfen.

Inhaltsverzeichnis

Von Lisa-Marie Petersen

Gäste empfangen? Darin ist Pippo Experte. Begrüßen, zum Tisch führen, im Auge behalten. All diese Aufgaben übernimmt der Skyeterrier als Herr des Hauses selbstverständlich selbst. Er gibt hier die Kommandos an, und zwar auf seine Art: mit Bellen und Knurren. Frauchen weiß nicht weiter. „So war er früher nicht“, sagt sie und gesteht: „Manchmal bellt er mich auch an, wenn er Hunger hat.“

Das „Herr im Haus sein“ würde Sandra Bruns eher als territorial aggressiv beschreiben. Die Tierärztin mit eigener Praxis für Verhaltensmedizin und angeschlossener Hundeschule kennt Hunde wie Pippo. Er hat eine kurze Zündschnur, ist offensiv und „stalkt“ seine Gäste gern von hinten. Woran das liegen könnte, möchte die Spezialistin bei einem Hausbesuch herausfi nden. „Den Hund in seiner vertrauten Umgebung zu beurteilen ist eigentlich obligatorisch“, so Bruns. Vor der sehr ausführlichen Anamnese verschafft ihr ein Besitzerfragebogen einen ersten Eindruck. Darin werden Dinge wie die Vorgeschichte des Hundes (durch wie viele Hände ging das Tier bereits?), das Alter bei der Übernahme, Angaben zur Sozialisierung und Fütterung, die bisherigen Erziehungsmaßnahmen (welche Kommandos beherrscht der Hund?) bis hin zur Beschreibung des Problemverhaltens abgefragt. Zu unterschreiben ist zudem die Klausel zur Gefahrenreduzierung. So müssen die Halter aggressiver Hunde durch Anleinen bzw. Anbinden sicherstellen, dass die Tierärztin nicht gebissen wird. Da dies schon einige Male vorgekommen ist, muss Selbstschutz sein.

Erziehung? Fehlanzeige!

Das erste Mal ist das unerwünschte Verhalten von Pippo im Restaurant aufgetreten. Zwei Kinder gingen vorbei. Inzwischen verteidigt der kastrierte Rüde vor allem sein Zuhause und macht aus jedem Besucher eine Stresssituation. Auch Sandra Bruns wird vom Terrier genauestens inspiziert – und wehe sie bewegt sich zu schnell! Der Fall ist ein Klassiker: Unsicherheit, misstrauische Rasseeigenschaften, gesammelte Erfahrungen, aber vor allem mangelnde Erziehung und fehlende Konsequenz sind hier das Problem. Es ist nicht auszuschließen, dass der Terrier künftig zuschnappen wird.

Kommt es nach einem Hundebiss zur Anzeige, ist das Veterinäramt involviert. Schätzt der Amtstierarzt den Hund dann als gefährlich ein, muss der Halter zahlreiche Aufl agen erfüllen, um das Tier behalten zu dürfen. Wesenstest, Maulkorb und Leine, regelmäßige Trainings, Sachkundeprüfung, Steuererhöhung – all das sind Dinge, die Tierbesitzer teuer zu stehen kommen können. „Lieber einmal mehr beim Erzfeind anleinen oder den Hund beim Paketboten an der Tür wegsperren, als den Hund ein Leben lang dafür büßen zu lassen“, schreibt Bruns auf ihrer Website. Sie wünscht sich, dass Besitzer anrufen, bevor etwas passiert. Das klappt immer besser: Vorausschauende Kollegen überweisen ihr immer wieder Patienten, aber auch Halter suchen inzwischen früher nach Hilfe. Die Expertin hat das Gefühl, dass dazu auch Fernsehshows beigetragen haben. „Man mag dazu stehen wie man will, aber Halter sehen darin, dass ihnen geholfen werden kann“, so die Tierärztin.

Ist der Hund gefährlich?

Der Alltag von Sandra Bruns ist vielfältig. Neben den Hausbesuchen stehen auch Telefonberatungen, Einzeltrainings und die Hundeschule auf dem Programm. Ob Junghund, Leinenzieher, Angsthase, Rambo oder unterbeschäftigte Spürnase: All diese Tiere (und ihre Besitzer!) können bei der Tierärztin und ihrem Team aus Tierärzten und Hundetrainern Hilfe, Erziehung oder Beschäftigung bekommen. Als Verhaltenstherapeutin setzt Bruns selten Psychopharmaka ein. „Das übernehmen eher die Kollegen aus der klassischen Praxis“, sagt sie. Es gibt jedoch auch Anfragen, die sie ablehnen muss, denn nicht jedes Problem kann die Verhaltenstherapie lösen. Eine große Herausforderung ist es, verhaltensauffällige Hunde, die aus einem Haushalt raus sollen, anderweitig unterzubringen. „Die Tierheime nehmen solche Hunde in der Regel gar nicht mehr auf“, sagt sie.

Zu einer der Hauptaufgaben der Expertin gehört außerdem, die Gefährlichkeit von Hunden einzuschätzen. Bereits in ihrer Dissertation hat sich Sandra Bruns mit aggressiven Hunden auseinandergesetzt und hierfür über 400 Wesenstests ausgewertet. Dabei kam heraus, dass der Halter einen großen Einfluss auf seinen Hund hat und in Konfliktsituationen die Wahrscheinlichkeit für aggressives Verhalten erhöhen kann. Dieses Ergebnis verdeutlicht, dass beim Verhaltenstraining mit dem Hund nicht nur Tier und Trainer gefragt sind, sondern vor allem auch der Halter mitziehen muss. Pippo soll als Nächstes lernen, auf Kommando auf einer Decke sitzen zu bleiben.

Bisher keine Norm

Wesenstest: Die Bezeichnung ‚Wesenstest‘ ist nicht geschützt oder genormt. Aus der großen Vielfalt der sogenannten Wesenstests und Verhaltenstests sticht der Wesenstest gemäß dem Niedersächsischen Hundegesetz (vormals Niedersächsische Gefahrtier-Verordnung, GefTVO) besonders hervor. Im Niedersächsischen Wesenstest wird der Hund mit vielen Alltagssituationen konfrontiert. Der Test umfasst 35 definierte Testsituationen, in denen der Hund auf fremde Menschen und Hunde trifft. In anderen Bundesländern wird der Test oft als standardisierter Kurztest und Inaugenscheinnahme des Hundes durch einen verhaltensbiologisch versierten Beauftragten des örtlichen Ordnungsamts vorgenommen.

Ob der Test eine langfristige Prognose zum künftigen Verhalten eines Tieres zulässt, wird immer wieder diskutiert.

Diese Studie testet, was Wesenstests leisten.

Über die Autorin

Als Tierärztin horcht Lisa-Marie Petersen gern am Ort des Geschehens nach: Was beschäftigt die Tiermedizin derzeit? Interessante Themen verarbeitet die Fachjournalistin dann in redaktionellen Beiträgen für Print- und Onlinemedien.

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