Foto: freila - stock.adobe.com

Tierschutz

Tierärzte gegen Qualzuchten

Was können Tierärzte gegen Qualzuchten tun? Antworten darauf gibt unser Interview mit Dr. med. vet. Friedrich Röcken, Leiter der Arbeitsgruppe Qualzucht der Bundestierärztekammer.

Im Vordergrund züchterischen Bemühens steht zunehmend nicht die Gesundheit, sondern das Design von Kreaturen mit extremen körperlichen Merkmalen, die mit Schmerzen, Leiden und Qualen verbunden sind. Die Arbeitsgruppe (AG) Qualzucht der BTK möchte dem von tierärztlicher Seite entgegenwirken. Zwei Jahre nach der Gründung im Nachgang des 27. Deutschen Tierärztetages haben wir mit Dr. Friedrich Röcken gesprochen, dem Leiter der AG.

Sind Qualzuchten noch immer ein wachsendes Problem?

Röcken: Verlässliche Zahlen für Deutschland gibt es nicht, weil die Registrierung nicht verpflichtend ist. Laut Welpenstatistik des VDH ist es zu einer deutlichen Reduktion brachycephaler Rassen gekommen. In meiner wie in vielen anderen Praxen und auf den Straßen Deutschlands hat man jedoch einen anderen Eindruck, das heißt, die „Vermehrer“ brachycephaler Rassen sind entweder gar nicht oder außerhalb des VDH organisiert. Diesen Eindruck spiegeln auch Angaben der British Veterinary Association wider. Danach ist es in Großbritannien im Verlauf von zehn Jahren bis 2017 zu einer Zunahme registrierter Französischer Bulldoggen um 3.100 Prozent (!) gekommen, bei Möpsen um knapp 200 und bei Englischen Bulldoggen um fast 100 Prozent.

Was haben Sie bisher unternommen?

Röcken: Der Fokus der AG Qualzucht lag zunächst bei der Aufklärung über tierschutzrelevante Missbildungen brachycephaler Hunde. Die AG hat daher einen Flyer für Züchter und potenzielle Tierhalter erstellt sowie in zahlreichen Briefen an Zuchtverbände und -vereine appelliert, ihrer besonderen Verantwortung für das gesundheitliche Schicksal der ihnen anvertrauten Tiere gerecht zu werden und sich für tierschutzkonforme, nachhaltige Zuchtordnungen und -ziele einzusetzen.

In einer Vielzahl von Briefen rief die BTK Firmen, Medien etc. dazu auf, Hunde und Katzen mit Qualzuchtmerkmalen nicht mehr als Werbeträger zu benutzen, um die ohnehin rasant angestiegene Nachfrage nach solchen Rassen nicht durch fortgesetzte mediale Präsenz zu beflügeln.

Im Rahmen eines Fachgesprächs im Deutschen Bundestag sowie in einem Positionspapier der BTK forderten wir eine Reform des Ausstellungswesens von Zuchttieren sowie ein gesetzlich verankertes Ausstellungs- und Prämierungsverbot von Tieren mit Qualzuchtmerkmalen. Wir erachten es für sehr wichtig, dass bei Ausstellungen in Zukunft veterinärmedizinische Expertise eine Rolle zu spielen hat. Nur gesunde und vitale Tiere sollten prämiert werden dürfen.

Wie sehen Ihre weiteren Pläne aus?

Röcken: Ein bedeutendes Qualitätsmerkmal ist die Fitness. Ab Anfang 2019 startet an mehreren deutschen Universitätskliniken eine Pilotstudie. In dieser soll die Fitness brachycephaler Rassen mittels Laufbandtests unter standardisierten Bedingungen überprüft werden. Die Tiere, die den Test bestehen, erhalten ein Fitnesszertifikat. Dies könnte zur wichtigen Voraussetzung für die Zuchtzulassung werden.

Um den Veterinärbehörden eine wissenschaftlich fundierte Grundlage für den Vollzug des Tierschutzgesetzes an die Hand zu geben, wurde für brachycephale Rassen bereits ein Merkblatt zum Erkennen von tierschutzrelevanten Merkmalen veröffentlicht. In allernächster Zeit soll es durch eine Checkliste als Entscheidungshilfe zur Beurteilung der Qualzuchtausprägung ergänzt werden. Folgen sollen Checklisten für weitere qualzüchterische Merkmale nicht nur bei Hunden, sondern auch bei der Katze. Für dringend wird auch die Einrichtung einer Internetseite zur Aufklärung über Qualzuchten erachtet.

Was können die Praktiker tun?

Röcken: Potenzielle Tierkäufer sollten sachlich und fundiert aufgeklärt werden. Empfehlenswert ist der Kauf nur von seriösen Züchtern, auf keinen Fall von rücksichtslosen Tierhändlern und -vermehrern. Gute Hilfen für den Welpenkauf finden sich unter www.wuehltischwelpen.de. 

Die Fragen stellte Dr. med. vet. Viola Melchers

Eingriffe in der Maulhöhle

Zehn Tipps für eine sichere Anästhesie

Eingriffe in der Maulhöhle sind nass, unruhig und dauern oft länger als geplant. Experte Korbinian Pieper gibt Tipps für eine stressfreie Narkose.

Schädeldeformationen

Warum brachyzephale Rassen Probleme beim Hören haben

Eine aktuelle Studie an brachyzephalen Rassen zeigt, dass die bei diesen Hunden auftretenden Fehlbildungen des Schädels auch die Hörorgane beeinträchtigen.

Brachyzephale Rassen

Empfänglich für neurologische Störungen

Rassen wie die Französische Bulldogge zeigen eine hohe Prävalenz für verschiedene Erkrankungen. Eine aktuelle Studie wirft einen Blick auf neurologische Störungen.

Sterblichkeitsrate

Rennen als Risiko

Die intensive Belastung im Wettbewerb kann Rennpferde das Leben kosten.