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Kastration beim Hund: Sinn oder Unsinn?

Mit dem Eingriff sind viele Hoffnungen, Sorgen und Ängste verbunden. Besonders wichtig ist es dabei, das Wesen des Tieres zu berücksichtigen.

Inhaltsverzeichnis

Von Lisa-Marie Petersen

Während sich Halter aggressiver Rüden unter Umständen (zu) viel von der Auswirkung der Kastration versprechen, fürchten Besitzer aufgeweckter Charaktere, dass ihr Hund dick und träge werden könnte.

Warum werden Hunde kastriert?

Ein Ziel der Kastration ist es, die Fortpflanzungsfähigkeit des Tieres zu unterbinden. Dafür werden dem Rüden die Hoden und der Hündin die Eierstöcke und evtl. die Gebärmutter entfernt. Aus medizinischer Sicht soll der Eingriff Erkrankungen der Geschlechtsorgane wie Tumoren und Infektionen vorbeugen bzw. bestehende Krankheiten oder Anomalien behandeln. So gibt es Rüden, deren Hoden nicht in den Hodensack absteigen (sog. Kryptorchiden), was zur Entartung des Hodengewebes führen kann. Alte, unkastrierte Rüden können Probleme mit der Prostata und damit auch mit dem Harn- und Kotabsatz entwickeln. Ebenso erhoffen sich viele Tierhalter, dass die Kastration das Zusammenleben mit ihrem Hund erleichtert. Oftmals werden die Blutungen der läufigen Hündin als unhygienisch empfunden. Rüden mit einem starken Sexualtrieb sind unter Umständen schwer zu handeln. Zudem gibt es Hunde, die aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten kastriert werden sollen.

Wichtig: Laut deutschem Tierschutzgesetz ist es verboten, einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen zuzufügen, bzw. Körperteile zu amputieren. Tierärzte müssen den Eingriff rechtfertigen können und individuell beraten.

Ist eine Kastration das Gleiche wie eine Sterilisation?

Viele Tierhalter denken, dass weibliche Tiere sterilisiert und männliche kastriert werden. Das ist allerdings nicht richtig. Sowohl bei Männchen als auch bei Weibchen ist eine Sterilisation bzw. Kastration möglich. Der Unterschied ist folgender: Bei der Kastration werden dem Tier die hormonproduzierenden Keimdrüsen − also die Hoden bzw. die Eierstöcke − entfernt, während bei der Sterilisation lediglich die Samen- bzw. Eileiter durchtrennt werden, sodass keine Keimzellen mehr transportiert werden können. Beide Methoden machen das Tier unfruchtbar. Der Vorteil der Kastration ist, dass sie die Produktion von Sexualhormonen unterbindet. Dies senkt das Risiko für Krankheiten der Geschlechtsorgane und stoppt unerwünschtes Sexualverhalten.

Wie läuft die Operation ab?

Die Kastration findet unter Vollnarkose statt. Vor Beginn des Eingriffs wird das Operationsfeld rasiert sowie gründlich desinfiziert und die Tiere werden auf den Rücken gelegt. Bei Weibchen eröffnet der Tierarzt die Bauchdecke durch einen kleinen Schnitt hinter dem Nabel und lagert die sogenannten Hörner der Gebärmutter samt Eierstöcken vor. Nun bindet er entweder nur die Eierstöcke ab und entfernt diese oder er entnimmt die gesamte Gebärmutter. Letztere Methode hat den Vorteil, dass dieses Organ auch in Zukunft nicht mehr erkranken kann. Im Anschluss verschließt der Operateur die Bauchdecke in mehreren Schichten. Nach zehn Tagen ist die Wunde in der Regel verheilt: Der Tierarzt kann die Fäden ziehen und der Eingriff ist überstanden.

Beim Rüden wird für die Kastration die Haut über dem Hoden eröffnet, wobei es unterschiedliche Schnitttechniken gibt. Sobald der Hoden samt Samenstrang freigelegt ist, kann letzterer abgebunden und der Hoden abgesetzt werden. Das Gleiche wird beim zweiten Hoden wiederholt. Der Hautschnitt wird ebenfalls mit Nähten verschlossen. Die Tiere werden mit Schmerzmitteln versorgt. Achten Sie darauf, dass die Tiere ihre Wunde nicht belecken, damit es nicht zu einer Entzündung kommt und alles in Ruhe verheilen kann.

Kann eine Kastration Verhaltensprobleme lösen?

Es gibt Tierärzte, die sich ausschließlich mit verhaltensauffälligen Tieren beschäftigen. Dies zeigt, wie vielschichtig die Ursachen und Ausprägungen von Problemverhalten sind. So gibt es sehr ängstliche Tiere, dominante und aggressive Hunde sowie Katzen. Einige Verhaltensweisen werden durch (Sexual-)hormone gesteuert, während andere erlernt sind oder ein Zeichen fehlender, bzw. falscher Erziehung darstellen. Eine Kastration wird nur Verhaltensweisen bessern, die hormonell bedingt sind. Dazu zählen übermäßiges Sexualverhalten, das Markieren der Wohnung mit Urin oder permanente Unruhe. Kastrierte Rüden jaulen weniger und fressen besser, auch wenn paarungsbereite Weibchen in der Nähe sind. Ebenso können sich vermehrte Reizbarkeit, übertriebenes Imponiergehabe und aggressives Konkurrenzverhalten gegenüber anderen Rüden bessern. Aber aufgepasst: Angstaggressive Rüden profitieren in aller Regel von der Wirkung des Testosterons und können durch eine Kastration noch ängstlicher werden! Bei Hündinnen steigt im Verhältnis zum Östrogen das Testosteron an, was sie souveräner aber auch stutenbissiger machen kann. Die Operation ist kein Allheilmittel für Problemverhalten und darf eine konsequente Erziehung in keinem Fall ersetzen. Zum Ausprobieren des Effekts einer Kastration können moderne, chemische Präparate verwendet werden, die sechs bis zwölf Monate wirken und vollständig reversibel sind (sogenannte GnRH-Analoga als Implantat).

Verändert die Kastration das Wesen meines Tieres?

Durch eine Kastration kommt es zu hormonellen Umstellungen. Dies hat Einfluss auf den Stoffwechsel und das Fressverhalten der Tiere. Nach dem Eingriff werden Hunde häufig etwas ruhiger und haben einen guten Appetit. Da ihr Energieumsatz sinkt, benötigen sie weniger Kalorien. Der verbreitete Glaube, dass kastrierte Hunde in jedem Fall träge werden, stimmt aber nicht. Viele Tiere werden nur dick, weil sie die gleiche Menge Futter bekommen wie vor der Kastration. Die Reduktion des Testosteron- und Östrogenspiegels an sich hat keine oder nur eine geringe Auswirkung auf das Temperament oder den Bewegungsdrang. Im Bezug auf die Hündin gibt es Untersuchungen, die gezeigt haben, dass kastrierte Weibchen unter Umständen aggressiver in Wettbewerbssituationen wie zum Beispiel bei Klärung der Rangordnung sind. Eine vernünftige Ernährung und Bewegung können jedenfalls der Verfettung vorbeugen.

Ob kastrierte Rüden leichter zu halten sind, kommt auf den Charakter des Rüden an. Da das Interesse an Hündinnen mit Absinken des Testosteronspiegels nachlässt, sind besonders Rüden gelassener, die vor der Operation einen ausgeprägten Sexualtrieb hatten.

Über die Autorin

Als Tierärztin horcht Lisa-Marie Petersen gern am Ort des Geschehens nach: Was beschäftigt die Tiermedizin derzeit? Interessante Themen verarbeitet die Fachjournalistin dann in redaktionellen Beiträgen für Print- und Onlinemedien.

Praxistipp: Ein kostenfreier Ratgeber aus der Reihe "10 Fragen/Antworten" von Der Praktische Tierarzt informiert Tierhalter über die Kastration beim Hund. Leicht verständlich und fachlich auf dem neuesten Stand werden die zehn wichtigsten Fragen zum Thema beantwortet. Die handliche Broschüre können Sie hier bestellen, um Sie im Wartezimmer auszulegen oder an Patientenbesitzer zu verteilen.

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