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Handling von Katzen

Der Weg zum artgerechten Katzenalltag

Die Förderung der Beweglichkeit und der Motivation zu körperlicher Aktivität sind wichtig. Wie können wir natürliche Bedürfnisse auch bei Wohnungskatzen stillen?

Inhaltsverzeichnis

Von Yvonne Lambach

Dass Hunde jeden Tag mehrfach ausgeführt werden, ist selbstverständlich. Viele Hundehalter betreiben auch regelmäßig Sport und sogar Hundesport gemeinsam mit ihren Lieblingen. Auch Denksport- aufgaben werden regelmäßig zur Beschäftigung von Hunden genutzt. Zur Wahrnehmung und zu kognitiven Fähigkeiten von Hunden gibt es bereits zahlreiche wissenschaftliche Studien.

Über die Beschäftigung von Katzen im Alltag heiß es eher: „Die Katze spielt schon wenn sie möchte, sie hat ja alles was sie braucht“. Hat sie das wirklich? Studien gibt es leider nur sehr wenige. Einige sehr aufschlussreiche stammen von der Forschungsgruppe um Prof. Toni Buffington an der Universität Ohio. Hier wird vor allem zu den Bedürfnissen von „Indoor“-Katzen allgemein und vor dem Hintergrund von chronischen Erkrankungen geforscht. Ein sehr einfühlsames und leicht verständliches Video ist aus dieser Arbeit auch entstanden.

In ihrer Forschungsarbeit hat die Arbeitsgruppe um Prof. Buffington die Umwelt der Katzen in fünf sogenannte „Systeme“ unterteilt. Diese umfassen:

  • räumliche Ressourcen („physical resource“)
  • Futter und Wasser („nutritional system“)
  • Toilette („elimination system“)
  • sozialen Kontakt („social system“)
  • Körperpflege und Bewegung („body care and activity“)

Bei der optimalen Gestaltung der Umwelt von Stubentigern hilft es, diese Systeme zunächst getrennt zu betrachten und dann zu schauen, an welchen Stellen es gute Anknüpfungspunkte für den einzelnen Patienten und seine Bedürfnisse gibt.

1. Innenarchitektur

Die Ressource Raum sollte dem natürlichen Revierverhalten unserer Stubentiger entsprechen. Hier wird erkundet, markiert, gekratzt, beknabbert und es besteht Raum für Rückzug. Praktisch bedeutet das:

Hohe Verstecke oder Aussichtspunkte erreichbar machen, die Katzen können sich dorthin zurückziehen, die Ruhe genießen und von dort aus beobachten. Dies sollte immer berücksichtigt werden, gilt aber besonders in Haushalten mit mehreren Tieren und kleinen Kindern. Am besten geht dies durch viele Ebenen mit nur kleinem Versatz, wie z. B. Regale, Wandbretter, kleine Stufen, Hocker, Treppen und Ähnliches. So bleibt Bewegung in der dritten Dimension auch dann möglich, wenn die Katze nicht mehr ganz so beweglich ist und Rückzugsorte können jederzeit erreicht werden.

Rückzugsorte mit Aussicht machen das Klettern noch attraktiver. Sie entsprechen dem natürlichen Verhalten der Katze am besten. Auch hier müssen wir dafür sorgen, dass das Hoch- und Herunterklettern einfach ist und die Konstruktion sicher. Wenn eine Katze sich einmal erschrickt oder verletzt, wird sie den Ort als unsicher einschätzen und dann wahrscheinlich nicht mehr benutzen. Schön sind auch Kombinationen aus Kletter- und Kratzmöbeln. Ruheorte sollten nach Möglichkeit in der dritten Dimension miteinander verbunden sein. Hierzu eignen sich Wandregale und Hängematten sowie kleine Hängebrücken.

2. „Cat-ering“ – Futter und Wasser als Ressource

Grundlegende Bedürfnisse für alle Katzen sind eine ruhige Umgebung zur Futter- und Wasseraufnahme und im Mehrkatzenhaushalt die Möglichkeit der separaten Fütterung. Es gibt ein sehr schönes Video über die Besonderheiten rund um die Fütterung von Katzen. Der Autor Simon von Simons Cat zeigt dabei viele Situationen rund um die Fütterung, die alle Katzenhalter kennen und beleuchtet sie zusammen mit der Katzen-Verhaltensspezialistin Nicky Trevorrow von Cats Protection in Großbritannien. (Diese Hilfsorganisation bietet mit ihrem Informationsmaterial über alle sozialen Medien jede Menge Information und Inspiration für Katzenbesitzer.)

Bewegte Fütterung ist die artgerechteste Ernährung für Stubentiger

Alle Katzen brauchen Raum für Jagd und Spiel und regelmäßige Gelegenheiten zur Futteraufnahme. Daher sollte entsprechend ihrer Bedürfnisse entweder immer Futter zur Verfügung stehen, damit über den Tag regelmäßig gefressen werden kann, oder es sollten mehrfach täglich kleine Mengen aktiv gefüttert werden. Auch hier spielt Kontinuität eine sehr große Rolle.

Eine gute Möglichkeit, dies zu realisieren, bieten Futter-Spielzeuge, sog. „Activity-Toys“, die Bewegung und Abwechslung bieten. Somit wird die Katze sowohl mental als auch physisch gefordert und in der Regel mit der gleichen Menge Futter entspannter und zufriedener sein.

Eine andere Möglichkeit, um Kontinuität und kleine Mahlzeiten zu ermöglichen, bieten Futterautomaten. Diese bieten den schönen Nebeneffekt einer verlangsamten Futteraufnahme, was insbesondere bei den Patienten von Vorteil ist, die nach hektischer Aufnahme großer Futtermengen häufig erbrechen.

Diese Arten der Fütterung ermöglichen es, für jeden Patienten und jeden Tagesablauf ein individuell abgestimmtes „Beute“-Angebot zusammenzustellen, das heißt Bewegung und Futteraufnahme mehrfach am Tag, auch und gerade bei Patienten mit Übergewicht.

Im Mehrkatzenhaushalt können „Activity-Toys“ oder „Activity-Feeder“ mit der individuellen Futtermenge in unterschiedlichen Räumen bespielt werden, um z. B. Spannungen zu vermeiden und Unterschiede in der Futtergeschwindigkeit auszugleichen.

Die bewegte Fütterung - jetzt geht's los!

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3. Das Geschäftliche – Ressource Katzentoilette

Die Katzentoilette ist eine ganz wichtige Ressource, die Ausscheidungsverhalten und Markierverhalten verknüpft. Auch hier ist ein ungestörter Zugang und eine ruhige Umgebung unabdingbar. Hygienische Bedingungen und eine ausreichende Anzahl an Toiletten (Anzahl der Katzen +1 als Faustregel) sind selbstverständlich.

Nun zum Thema Bewegung der Aspekt der guten Erreichbarkeit: An diesem Punkt sollten wir keine Hürden und Herausforderungen einbauen. Im Gegenteil: Gerade bei älteren oder chronisch kranken Katzen sollten wir die Hürden abbauen, die z. B. durch eine Abdeckung oder einen hohen Einstieg entstehen. Es gibt stille Örtchen, die zwar Privatsphäre bieten, aber für ältere Katzen unter Umständen nicht mehr gut erreichbar sind und im Mehrkatzenhaushalt auch eine Falle darstellen können.

4. Die Wohngemeinschaft

Das soziale Umfeld unserer Katzen umfasst alle Lebewesen im Haushalt, egal ob Freund, Feind oder potenzielle Beute. Ob Artgenossen und andere Tiere wie z.B. Hunde oder Menschen als attraktive Sozialpartner, mögliche Konkurrenz oder Beute wahrgenommen werden, ist durch die individuelle Erfahrung geprägt. Soziale Interaktion sollte stets positiv und verlässlich sein. Obwohl regelmäßige Bewegung wünschenswert ist, sollten ständig wiederkehrende Jagd- und Kampfsituationen unbedingt vermieden werden. Wenn Tiere dauerhaft vorwiegend aggressiv miteinander interagieren, sollte immer eine Beratung durch einen Verhaltensspezialisten empfohlen werden und die Tiere brauchen dann auf jeden Fall separaten Zugang zu allen wichtigen Ressourcen.

5. Aktivität – hier ist was los!

Kratzmarkieren

Auch Kratzmarkieren ist Sport. Man sollte möglichst viele Kratzmöglichkeiten anbieten und Kratzteppiche oder Kartons insbesondere in Randzonen des „Reviers“ anbringen, ebenso an Stellen, an denen sich Katzen immer wieder begegnen. Dies muss nicht teuer sein und darf auch hübsch aussehen. Man kann zum Beispiel kleine Teppichmuster im Fachhandel besorgen und diese an Ecken und Kanten anbringen, Versandkartons zum Kratzen anbieten oder selbst aus Altkarton Kratzmöbel basteln.

Kauen

Bekauen und Benagen ist die Belohnung nach dem Jagderfolg. Fehlende Möglichkeit, dieses Verhalten auszuleben, führt schnell zu Frustration. Die sicherste Möglichkeit bietet hier das klassische Katzengras, da viele andere Pflanzen für Katzen giftig sind.

Spielangebote

Das Repertoire des Spielverhaltens von Katzen umfasst Anschleichen, Jagen, Springen und Zubeißen. Bei Spielangeboten sollten diese Verhaltensmuster unbedingt berücksichtigt werden. Insbesondere mit Federspielen und klassischen Spielangeln ist der Jagdinstinkt schnell geweckt. Tast- und Geruchssinn sind hier ebenfalls involviert. Die Attraktivität steigt für die Katze durch stimulierende Bewegungsmuster und aktivierende Gerüche wie Baldrian und Katzenminze. Charakteristisch sind kurze Aktivitätsfenster über den Tag verteilt. Es ist also ganz normal, dass Katzen nach kurzem Spiel wieder eine Ruhephase einlegen. Besitzer interpretieren dieses Verhalten meist als Langeweile und bieten dann oft kein Spiel mehr an. Wichtig ist, Sehvermögen und arttypische Verhaltensmuster zu berücksichtigen, dann wird es nicht langweilig. Auch Wurfspiele mit Futter oder Leckerlies imitieren das Jagdverhalten und bieten einen schönen Jagderfolg.

Vorsicht ist geboten bei Licht- oder Laserpointern, da hier nur der Sehsinn bedient wird. Die Katze hat keinen echten Jagderfolg und viele kleine Tiger kommen dann in eine erhöhte Erregungslage und sind nicht so recht zu beruhigen. Wenn solche Spielzeuge zum Einsatz kommen, dann nur für eine fest definierte, kurze Spielrunde. Die Katze muss im Anschluss unbedingt eine Belohnung als Erfolg erhalten. Die Lichtquelle muss geprüft und als ungefährlich für das menschliche und tierische Auge beurteilt sein. Sonst riskieren Vier- und Zweibeiner irreparable Augenschäden.

Beim Spielangebot gilt es vor allem, den Schwierigkeitsgrad an die Vorlieben und Fähigkeiten der einzelnen Katze anzupassen.

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Zusammenfassung

Katzen haben einzigartige Verhaltensweisen und Bedürfnisse, die tief verwurzelt sind. Die Situation des einzelnen Katzenpatienten erfassen wir am besten, indem wir alle fünf Bereiche aus der Umwelt der Katzen berücksichtigen, ausführlich fragen und gut zuhören. Mithilfe der gewonnenen Informationen über Katze und Besitzer können bereits kleine Veränderungen den Alltag der Katze artgerechter gestalten und ihr die Möglichkeit zu mehr Bewegung geben.

Ganz entscheidend für den Erfolg dieser Maßnahmen ist die Unterstützung, die wir als Team der tierärztlichen Praxis hierbei den Besitzern anbieten.

Praxistipps

Bieten Sie für Besitzer eine kleine Ideensammlung mit Bildern und Bastelanleitungen.

Bringen Sie in Ihren Behandlungsräumen kleine Wandbretter als Kletterangebot für Patienten an. So können die Tiger toben und Herrchen und Frauchen lassen sich inspirieren. Geben Sie ergänzend Informationen zum Training mit dem Transportkorb als Teil des Tierarzttrainings.

Zeigen Sie Möglichkeiten auf, das Toiletten-Verhalten der Katze optimaler zu gestalten, ob mit Bildern oder einer Link-Liste. Die meisten Katzenbesitzer sind dafür sehr dankbar.

Weitere Infos online

Beispielhafter Flyer zum Thema Ernährung:

Download: „Die Katze ist zu dick, wie sage ich es dem Besitzer?“

Video zu den Grundlagen der Spieltechnik und zum Spielen über verschiedene Ebenen:

Video über Beschäftigungsmöglichkeiten bei Abwesenheit:

Über die Autorin

Yvonne Lambach ist Tierärztin an der Tierklinik Norderstedt, Mitglied der Deutschen Gruppe Katzenmedizin und stellvertretende Vorsitzende der Arbeitsgruppe Katzenmedizin der DGK-DVG.

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