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Hundesenioren benötigen sowohl längere Ruhephasen als auch ein dem Alter angepasstes Training, um fit zu bleiben.
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Hundesenioren benötigen sowohl längere Ruhephasen als auch ein dem Alter angepasstes Training, um fit zu bleiben.

Inhaltsverzeichnis

Seniorhunde

Graue Schnauze, müder Blick

Ältere Hunde zeigen neben körperlichen Gebrechen oft auch Verhaltensänderungen, häufig verursacht durch eine kognitive Dysfunktion. Verschiedene Trainings- und Therapieansätze können helfen, Hund und Besitzer diesen Lebensabschnitt zu erleichtern.

Von Dr. med. vet. Barbara Schöning und Dr. med. vet. Daniela Zurr

Unsere Gesellschaft wird immer älter – das gilt auch für unsere Hunde. So hat Untersuchungen zufolge die Lebenserwartung von Hunden zwischen 1982 und 2005 im Durchschnitt um zwei Jahre zugenommen und ist von durchschnittlich 9,5 auf 11,9 Jahre angestiegen. Gründe dafür gibt es viele: eine bessere medizinische Vorsorge und Versorgung, bessere Ernährung und insgesamt ein gesteigertes Bewusstsein für die Bedürfnisse von Hunden. Wer sich heute einen Welpen kauft, wird mit diesem durchschnittlich 10–16 Jahre gemeinsam durchs Leben gehen. Die Ausnahme bilden Hunde aus Riesenrassen (z. B. Irish Wolfhound), bei denen der Alterungsprozess früher einsetzt und die Lebenserwartung durchschnittlich nur bei 5–8 Jahren liegt.

Unabhängig davon, ab welchem Lebensalter die Alterungsprozesse einsetzen, hat es ein Besitzer ab einem bestimmten Zeitpunkt mit einem „Hundesenior“ zu tun. Dies bedeutet nicht nur, dass sich die Bedürfnisse des Hundes ändern – es bedeutet auch, dass sich bestimmte Verhaltensmuster des Hundes und seine Reaktionen auf die Umwelt ändern, beispielsweise durch eine beginnende kognitive Dysfunktion.

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Gesundheitliche Probleme beeinflussen das Verhalten

Die körperliche Leistungsfähigkeit lässt beim Hundesenior nach, und dem muss man durch entsprechendes Futter, kürzere und/oder geruhsamere Gassigänge und längere Ruhephasen Rechnung tragen. Körperliche „Gebrechen“ wie Arthrosen oder Herzinsuffizienz haben alte Hunde mit alten Menschen gemeinsam; das gilt auch für Zivilisationskrankheiten wie Altersdiabetes.

Typische krankheitsbedingte Verhaltensveränderungen alter bzw. älterer Hunde sind:

  • Humpeln oder andere Schmerzäußerungen (mag sich z. B. nicht mehr so gerne hinsetzen oder im Liegen zusammenrollen). Dies kann ein Hinweis auf orthopädische Probleme sein.
  • Vermehrtes Trinken (in einzelnen Fällen stark vermindertes Trinken). Dies kann ein Hinweis auf Nierenprobleme sein.
  • Inkontinenz
  • Appetitlosigkeit oder verstärkter Appetit
  • häufigeres Erbrechen oder Durchfall
  • schnellere Erschöpfung (legen sich auf Gassigängen z. B. häufig hin). Dies kann ein Hinweis auf eine Herzinsuffizienz oder Bluthochdruck sein.
  • nachlassende Hör- und/oder Sehfähigkeit
  • hormonelle Veränderungen (z. B. Schilddrü- senprobleme oder Diabetes)
  • Tumorbildung

Wenn Hör- und Sehfähigkeit aufgrund von Alterungsprozessen nachlassen, ist das ein langsamer Vorgang und fällt den Besitzern anfangs oft nicht auf. Befindet sich der Hund in vertrauter Umgebung, kann er den schleichenden Verlust seiner Sehfähigkeit wunderbar kompensieren und manövriert beispielsweise um Möbelstücke oder Laternenpfähle herum, als würde er diese perfekt sehen. Nicht zuletzt hilft dabei seine Nase, denn die Nasenleistung scheint im Alter am langsamsten nachzulassen. Bei nachlassender Hörfähigkeit wird der Hund dazu übergehen, sich zunehmend auf optische Signale (Körpersprache der Besitzer) zu fokussieren und seine Besitzer mehr im Blick behalten (siehe Abb. 1). Die meisten Menschen schenken den optischen Signalen nur wenig Beachtung und wissen oft nicht, welch wichtige Rolle sie in der Kommunikation zwischen ihnen und ihrem Hund spielen.

Dass der alte Hund sich häufiger nach ihnen umdreht oder einen kleineren Radius beim Spaziergang hält, wird anfangs kaum wahrgenommen oder als Resultat der Erziehung gewertet – stellt aber meist keinen Grund dar, die Hörfähigkeit überprüfen zu lassen. Erst wenn ein Hund mit „eigentlich“ gutem Gehorsam auf Kommandos in „üblicher“ Lautstärke gar nicht mehr reagiert oder wenn er die Bälle oder Leckerli nicht mehr aus der Luft fängt, weil ihm die Nase bei der Geschwindigkeit der Objekte die Augen nicht ersetzen kann, wird der Besitzer „hellhörig“.

Seniorenhunde zeigen zudem häufig ein vermehrtes Schlaf- und Ruhebedürfnis (siehe Abb. 2), freuen sich über mehr Zuwendung und werden insgesamt ruhiger.

Kognitive Dysfunktion

Der Begriff „kognitive Dysfunktion“ umschreibt pathologische Beeinträchtigungen kognitiver Funktionen und Fähigkeiten, die zu Verhaltensauffälligkeiten führen. Die erkrankten Individuen ähneln sich in ihrer Symptomatik zwar häufig, Ätiologie und Pathogenese können aber sehr unterschiedlich sein und sind teilweise auch (noch) nicht identifiziert. Der Begriff findet da Verwendung, wo eine altersbedingte Verhaltensveränderung nicht ausschließlich auf Organerkrankungen zurückgeführt werden kann. Das Nachlassen kognitiver Fähigkeiten (z. B. Lernfähigkeit oder Entscheidungsfindung) kann in vier Hauptkategorien eingeordnet werden:

  • Verlust von Aufmerksamkeit, der Wahrnehmung und des Wiedererkennens
  • Verlust der Stubenreinheit; Desorientiertheit
  • Störungen des Wach-Schlaf-Rhythmus
  • zunehmende Ängstlichkeit und Stressanfälligkeit

Man spricht erst dann von einer eindeutigen kognitiven Dysfunktion, wenn alle anderen möglichen klinischen/organischen Ursachen für die Verhaltensauffälligkeiten ausgeschlossen wurden.

Was sind typische Symptome einer kognitiven Dysfunktion?

Typische Verhaltensweisen, die auf eine kognitive Dysfunktion hindeuten können, zeigt Tabelle 1. Wenn ein oder mehrere dieser Punkte zutreffen, sollte der Hund zunächst klinisch untersucht werden, um organische Probleme auszuschließen. Auch ein Nierenleiden kann beispielsweise unter bestimmten Umständen zu zentralnervösen Störungen führen, die dann die beschriebenen Verhaltensweisen auslösen; chronisch-subklinische Schmerzen können zu Unruhe und Konzentrationsstörungen führen. Die wenigsten Besitzer kommen gezielt aufgrund solcher Probleme, weil sich auch diese Auffälligkeiten, genauso wie die nachlassenden Sinnesleistungen, schleichend entwickeln. Es ist wichtig, auf die „Zwischentöne“ bei den Besitzern zu achten, wenn sie von ihrem Tier erzählen, oder Besitzer von alten Tieren auch direkt darauf anzusprechen. Empfehlenswert ist generell ein Alterscheck, bei dem relevante Parameter erhoben werden. Hier kann man Besitzer direkt nach Verhaltensauffälligkeiten fragen und eingreifen sowie die Entwicklung ggf. verlangsamen, bevor der Hund für die Besitzer zu problematisch oder „lästig“ wird.

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Ruhelosigkeit

Ruhelosigkeit ist eine der häufigsten Auffälligkeiten alter Hunde bzw. von Hunden mit einer kognitiven Dysfunktion. Für die Besitzer ist es sehr belastend, wenn ihre Hunde nachts unruhig sind und durch die Wohnung wandern. Wenn also eine geschlossene Zimmertür oder ein größerer durch Gitter abgeteilter Bereich im Zimmer nicht ausreichen, um den Hund ruhen zu lassen, kann in Einzelfällen auch eine Box eingesetzt werden. Dafür gelten bestimmte Voraussetzungen und es sollte immer eine mit dem Tierarzt abgesprochene Einzelfall- entscheidung sein.

Wichtig ist, dass die Box nur für die Nachtruhe vorgesehen ist (also für die Zeit, in der der Besitzer sich ansonsten auch nicht mit dem Hund beschäftigen würde) und dass der Hund vorab sehr gut darauf trainiert wird, entspannt in die Box zu gehen und dort auch entspannt einige Zeit zu bleiben.

Eine Box sollte immer so groß sein, dass der Hund bequem darin stehen und lang ausgestreckt liegen kann. Er soll sich zudem problemlos darin umdrehen können und es muss Platz sein, einen Wassernapf darin stehen zu haben, den der Hund nicht umwerfen kann.

Tagsüber ist für den Hund eine überschaubare Struktur wichtig, mit Ruhephasen und Aktivitätsphasen im Wechsel. Der Hund soll am Tag ausgelastet werden, sodass er nachts mit größerer Wahrscheinlichkeit ruht.

Unsauberkeit

Sind klinische Gründe für eine Unsauberkeit ausgeschlossen oder behandelt worden, muss Unsauberkeit als ein altersbedingtes Verhaltensproblem betrachtet werden. Die Grundsätze zum Stubenreinheitstraining für Welpen gelten auch bei alten Hunden. Als Managementmaßnahme ist es hier extrem wichtig, dass die Besitzer sich angewöhnen, ganz regelmäßig mit dem Hund hinauszugehen.

Einige Besitzer möchten das Problem lösen, indem sie ihrem Hund ab dem Nachmittag nichts mehr zu trinken geben. Dies darf nicht passieren! Besitzer müssen darauf hingewiesen werden, dass ihr Hund jederzeit Zugang zu frischem Wasser haben muss.

Aggressionsprobleme

Es gibt einen weiteren Effekt, sowohl bei kognitiver Dysfunktion als auch bei nachlassenden Sinnesleistungen, der für Hund und Besitzer problematisch sein kann: Die Hunde können ängstlicher werden und deshalb in bestimmten Situationen aggressiv reagieren. Dabei durchlaufen die Hunde auch in diesen Fällen oft noch die Eskalationsstufen, d. h. zunächst zeigen sie Drohverhalten, wenn sie sich bedroht fühlen. Grade bei nachlassenden Sinnesleistungen kann offensives aggressives Verhalten (Schnappen, Beißen) aber auch als spontane Reaktion aus Schreck gezeigt werden. Darauf muss man Besitzer hinweisen. Knurren oder Bellen sind typische Drohsignale, mit denen der erschreckte bzw. unsichere/ängstliche Hund die für ihn subjektiv vorhandene Bedrohung auf Abstand halten möchte. Schimpfen wäre hier die falsche Besitzerreaktion. Dadurch werden Unsicherheit und Stresszustand des Hundes nur verstärkt und das Risiko ist groß, dass der Hund dadurch erst recht beginnt, offensiv mit Beißen zu reagieren.

Mit den Besitzern müssen zunächst Managementmaßnahmen und medikamentöse Möglichkeiten besprochen werden. Danach sollte ein Training für bzw. gegen die Problemsituationen begonnen werden; dabei müssen etwaige Defizite im sensorischen Bereich berücksichtigt werden. Für das Training muss auch beachtet werden, dass ein altes Gehirn langsamer lernt als ein junges.

Sinnvolle Trainingsmaßnahmen wären z. B.:

  • Desensibilisierungstraining gegen Stressoren
  • Aufbau eines bestimmten Signals als „subjektives Sicherheitssignal“. Dadurch hilft man dem Hund, „gefährliche“ Situationen zu meistern. Der Sicherheitsgeber wäre z. B. dann der Mensch, und der Hund „parkt“ auf Signal eng neben dem Besitzer ein.
  • Ein Signal für „Geh in deinen Korb“ – als Möglichkeit, kritische Situationen positiv zu beenden.

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Training und Verhaltensmodifikation

Bei der Diagnose kognitive Dysfunktion sollten Besitzer sich an die nachfolgend genannten Punkte zum Umgang mit dem Hund halten.

Management, Training und Therapieansätze bei kognitiver Dysfunktion:

  • Veränderungen im Haus sollten vermieden werden, um dem Hund die gelernten Orientierungspunkte nicht zu nehmen.
  • Nach Möglichkeit sollte eine genaue Tagesroutine eingehalten werden: Die Vorhersehbarkeit von Ereignissen gibt Sicherheit.
  • Über den Tag sollten jeweils häufige kurze Aktivitäts- und längere Ruhephasen geplant werden.
  • Gassigänge sollten häufig stattfinden, um dem Hund genügend Möglichkeit zu geben, sich draußen zu lösen; sie sollten kurz sein (ca. 20 Minuten), um den Hund mit Umweltreizen nicht zu überfordern (siehe Abb. 3). Falls der Hund schon Orientierungsprobleme zeigt, sollte er dabei zur Sicherheit an der Leine geführt werden.
  • Sind individuelle Stressoren identifiziert, sollte dagegen desensibilisiert werden.
  • Die gewohnte Umwelt des Hundes sollte vorsichtig angereichert werden, um das Gehirn am Arbeiten zu halten. Zum Beispiel kann ein Teil der täglichen Futtermenge für Futtersuchspiele verwendet werden. Dabei sollten anfangs nicht zu schwierige Aufgaben gestellt werden, damit der Hund sich die Problemlösung selbst erarbeiten kann und nicht frustriert aufgibt. Auch Spielzeug oder vertraute Personen eignen sich zum Suchen (siehe Abb. 4).
  • Der Hund muss im Training bleiben – für das Gehirn gilt: „use it or loose it“. Tägliche Gehorsamsübungen sind so etwas wie ein Jungbrunnen für das Hundegehirn. Auch hier sollten die Anforderungen nicht zu hoch gestellt werden, damit der Hund nicht frustriert wird. Gearbeitet wird ausschließlich über positive Verstärkung (Belohnung) und es sollten auch neue Elemente trainiert werden (nicht nur die alten Gehorsamsübungen), z. B. kleine Zirkustricks. Dabei muss man natürlich unbedingt etwaige körperliche Probleme des Hundes berücksichtigen.

Nahrungsergänzung und nutritive Therapie

Auch medikamentös kann man bei kognitiver Dysfunktion und nachlassenden Sinnesleistungen unterstützend eingreifen. Eingesetzt werden Präparate, die die Durchblutung des Gehirns fördern, die eine antioxidative und neuroprotektive Wirkung haben und sogar die Neurogenese fördern können. Darüber hinaus kann die Alterung der Nervenzellen im Gehirn verlangsamt werden, Lernprozesse werden begünstigt und das emotionale Gleichgewicht nivelliert.

Medikamente sind eine wichtige Unterstützung. Sie können den Prozess an sich nicht heilen, aber den Krankheitsverlauf verlangsamen.

Diese positiven Effekte haben nicht nur bestimmte Wirkstoffe aus dem Bereich der echten Psychopharmaka, sondern auch bestimmte pflanzliche Wirkstoffe, Nahrungsergänzungsmittel (sogenannte „Neutraceuticals“) und Wirkstoffe aus dem Bereich der Komplementärmedizin. Wirksame Inhaltsstoffe in Nahrungsergänzungsmitteln sind:

  • Omega-3-Fettsäuren
  • Phosphatidylserin
  • Pyridoxin
  • Ginkgo-bilboa-Extrakt und Ginseng
  • D-α-Tocopherol und andere Antioxidantien, z. B. Vitamin A, C, E
  • Resveratrol
  • S-Adenosylmethionin

Steht Ängstlichkeit im Vordergrund, kann zusätzlich mit Präparaten behandelt werden, die Tryptophan, L-Theanin und/oder Alpha-Casozepin enthalten. Hinsichtlich des Einsatzes von echten Psychopharmaka sollte immer eine verhaltenstherapeutisch tätige Tierärztin bzw. ein Tierarzt hinzugezogen werden. Entsprechende Experten finden Sie auf der Homepage der Gesellschaft für Tierverhaltensmedizin und Therapie (GTVMT).

Nahrungsergänzungsmittel

Es gibt viele Nahrungsergänzungsmittel, die eine positive Wirkung auf das Verhalten haben sollen. Grundsätzlich kann man Präparate mit einem Wirkstoff und Kombinationspräparate unterscheiden. Die meisten Präparate enthalten eine Kombination aus Aminosäuren und pflanzlichen Wirkstoffen und/oder Vitaminen.

Aminosäuren und Eiweiße

Aminosäuren sind Bausteine für wichtige Botenstoffe im Nervensystem. Über das vermehrte Angebot bestimmter Aminosäuren kann das Verhalten beeinflusst werden. Beachtet werden sollte, dass die Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Botenstoffen komplex sind und noch nicht vollständig verstanden werden. Mit dem Futter aufgenommene Aminosäuren müssen aus dem Darm resorbiert und durch Überwindung der Blut-Hirn-Schranke ins Gehirn transportiert werden. Hierbei konkurrieren die unterschiedlichen Aminosäuren um die Transportmoleküle.

Tryptophan ist die Ausgangsaminosäure für die Synthese des Botenstoffs Serotonin. Serotonin hat eine stimmungsaufhellende und antidepressive Wirkung. Durch die Tryptophangabe soll der Serotoninspiegel erhöht werden. Die Resorption und der Transport über die Blut-Hirn-Schranke hängt jedoch von vielen Faktoren ab. Von der Gabe hochdosierter Monopräparate wird wegen möglicher Nebenwirkungen abgeraten. Wenn, dann sollte Tryptophan in Kombination mit anderen Substanzen eingesetzt werden.

Kombinationspräparate

Viele Kombinationspräparate enthalten B-Vitamine und Magnesium. Diese Komponenten sollen eine zusätzliche leicht stressmindernde und beruhigende Wirkung haben. Alleine zeigen sie jedoch keine ausreichenden Effekte.

Kombinationspräparate sind z. B. Relaxan®, CP-Pharma (Tryptophan, B-Vitamine, Magnesium) und Adaptil® Tabletten, Ceva (Tryptophan, L-Theanin, GABA, B-Vitamine). Mit der Relaxangabe soll laut Hersteller schon 2–3 Tage vor dem stressreichen Ereignis begonnen werden, während Adaptil® Tabletten 2 Stunden vorher gegeben werden sollen und nicht für die Dauergabe gedacht sind.

L-Theanin ist eine Aminosäure, die in grünem Tee vorkommt. Sie dient nicht dem Aufbau von Eiweißen und kann die Blut-Hirn-Schranke passieren. L-Theanin wirkt entspannend, stressmindernd und leicht angstlösend. Die Wirkmechanismen sind noch nicht vollständig geklärt. L-Theanin scheint sowohl an den Glutamat-Rezeptor (Glutamat ist ein wichtiger Botenstoff) zu binden, als auch verschiedene andere Botenstoffe zu beeinflussen. L-Theanin steht als Monopräparat (Anxitane®, Virbac) und in verschiedenen Kombinationspräparaten zur Verfügung.

Alpha-Casozepin ist ein Extrakt aus Milcheiweiß und als Monopräparat (Zylkene®, Vetoquinol) sowie als Bestandteil einer Diät (Calm®, Royal Canin) erhältlich. In Letzterer ist zusätzlich ein erhöhter Tryptophangehalt gegeben. Calm® sollte laut Hersteller nicht bei wachsenden oder säugenden Hunden, bei Nierenerkrankungen, Pankreatitis, Bluthochdruck oder Herzinsuffizienz eingesetzt werden, es wird für Hunde bis 15 kg empfohlen. Zylkene® ist erhältlich in Kapseln, die auch geöffnet werden können, da Alpha-Casozepin von den Hunden beim Untermischen unter das Futter meist problemlos aufgenommen wird. Neben den Kapseln gibt es Zylkene® auch als Leckerli (Zylkene Chews®). Alpha-Casozepin wirkt mild angstlösend und entspannend. Die Wirkung scheint dosisabhängig zu sein und höhere Dosierungen (bis 50 mg/kg, Einzelgaben bis 90 mg/kg) haben sich im klinischen Einsatz bewährt. Alpha-Casozepin kann bei ängstlichen Hunden auch langfristig gegeben werden. Alpha-Casozepin kann sowohl mit Tryptophan als auch L-Theanin kombiniert werden.

Pflanzliche Wirkstoffe

Pflanzliche Wirkstoffe (Phytotherapeutika) wirken über unterschiedliche Mechanismen auf die Botenstoffe im Gehirn und beeinflussen somit das Verhalten. Häufig eingesetzte Pflanzen sind z. B. Baldrian, Melisse, Passionsblume, Hopfen und Hafer. Die meisten für Hunde gedachten Präparate sind schmackhaft und werden gut aufgenommen.

Nahrungsergänzungsmittel für Hunde mit pflanzlichen Wirkstoffen sind z. B. Sedarom® direkt, Almapharm (Melisse, Baldrian, Tryptophan, L-Theanin), CanigumRelax®, Alfavet (Hopfen, Melisse, Lavendel, Kamille, Baldrian, Tryptophan, B-Vitamine, Magnesium), Nurexan®, Heel (Passionsblume, Kaffeestrauch, Zinkvalerianat, Hafer) und Vivosed®, Bayer (Baldrian, Hopfen, Lavendel, Johanniskraut, Melisse, Magnesium).

Nicht nur bei Ängsten, sondern auch bei älteren Hunden mit Anzeichen einer kognitiven Dysfunktion können Phytotherapeutika erfolgreich eingesetzt werden. Hierbei haben sich sogenannte Adaptogene, das heißt Substanzen, die die Anpassungsfähigkeit des Organismus an Belastungssituationen erhöhen, bewährt. Beispiele sind Ginseng- und Rosenwurzpräparate. Bei beginnender kognitiver Dysfunktion hat sich Ginkgo bewährt. Ginkgo wirkt durchblutungsfördernd und neuroprotektiv. 

Hörverlust und Lebensqualität beim älteren Hund

Der Verlust des Hörvermögens ist nicht nur ein menschliches Problem. Ob das Hörgerät für Hunde eine Option zur Verbesserung der Lebensqualität von Hunden ist, untersuchte eine Studie. 
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Viele Faktoren bestimmen die Lebenserwartung eines Hundes

  • Hunde kleinerer Rassen leben im Durchschnitt länger als ihre größeren Artgenossen. Zwischen Rüden und Hündinnen gibt es hingegen keine Unterschiede.
  • Auch das Gewicht spielt eine Rolle bei der Lebenserwartung. Normalgewichtige Hunde leben in den meisten Fällen länger als solche, bei denen Übergewicht festgestellt worden ist.

Beachte!

Die  Besitzer müssen darauf hingewiesen werden, dass die Box wirklich nur für die Nachtruhe gedacht ist. Der Hund darf nicht dort eingesperrt werden, wenn er einfach nur „stört“. Das wäre tierschutzwidrig!

Merke!

Gerade bei Aggressionsproblemen ist sorgfältiges Management sehr wichtig. Bekannte Problemsituationen müssen vermieden werden. Reagiert der Hund z. B. mit Schnappen, wenn man ihn während des Schlafens berührt, sollte er vorsichtig auf Distanz geweckt werden, bevor er angefasst wird.

Prophylaxe

Wie bei allen degenerativen Prozessen, ist ein möglichst frühzeitiger Therapiebeginn wichtig. Insofern verschmelzen bei diesen Problemen Prophylaxe und Therapie.

Alle Besitzer älterer Hunde (spätestens ab 10 Jahren) sollten über Prophylaxemöglichkeiten aufgeklärt werden.

Es stehen zunächst die genannten verhaltenstherapeutischen und die komplementären Maßnahmen für die Prophylaxe im Vordergrund. Der Einsatz echter Psychopharmaka sollte allerdings bei progressivem Verlauf nicht zu lange herausgezögert werden.

Alters-Checkup

Warum und was?

  • Erhebung von Basisbefunden durch eine klinische Allgemeinuntersuchung. Bei Bedarf ergänzt durch Herzultraschall, klinisch-chemische und hämatologische Untersuchungen.
  • Erkennen von Symptomen altersbedingter Erkrankungen. Dadurch besteht die Möglichkeit einer frühzeitigen Diagnose und Behandlung.
  • Erkennen von Risikofaktoren bei Haltung, Pflege und Fütterung Vorbeugung von kognitiven Defiziten, bzw. Erhalt der geistigen Leistungsfähigkeit

Wann?

  • Hunde bis 15 kg Körpergewicht: ab dem 12. Lebensjahr
  • Hunde von 15–45 kg Körpergewicht: ab dem 8.–10. Lebensjahr
  • Hunde mit mehr als 45 kg Körpergewicht: ab dem 6.–8. Lebensjahr

Praxistipps

Nahrungsergänzungsmittel alleine sind in der Regel nicht ausreichend wirksam, sondern sollten immer in Kombination mit einer Verhaltenstherapie eingesetzt werden

Tryptophanhaltige Präparate dürfen nicht gemeinsam mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern gegeben werden.

Über die Autorinnen

Barbara Schöning, Fachtierärztin für Verhaltenskunde sowie für Tierschutz mit der Zusatzbezeichnung Tierverhaltenstherapie, hat eine Praxis in Hamburg; ihre Arbeitsschwerpunkte sind die Verhaltenstherapie beim Haustier und das Aggressionsverhalten von Hunden.

Kontakt zur Autorin: Dr. med. vet. Barbara Schöning; bs@ethologin.de; www.ethologin.de

Daniela Zurr, Tierärztin mit der Zusatzbezeichnung Verhaltenstherapie, ist Tellington TTouch®-Instruktorin und hat eine Praxis für Verhaltenstherapie in Nürnberg; ihre Arbeitsschwerpunkte sind die ganzheitliche Verhaltenstherapie bei Haustieren und Exoten.

Kontakt zur Autorin: Dr. med. vet Daniela Zurr; mail@tierverhalten-zurr.de; www.tierverhalten-zurr.de

Buchtipp

Zum Weiterlesen

Mehr konkrete Praxistipps, gut umsetzbare Therapieansätze und Empfehlungen zur Prävention von Verhaltensproblemen bei Hunden finden Sie im Praxisleitfaden von Patricia Solms.

Hier finden Sie eine kostenlose Leseprobe.

Infos zum Buch: Patricia Solms (Hrsg.). Verhaltensprobleme beim Hund. Von den Grundlagen bis zum Management. Schlütersche 2019, 248 Seiten, 34,95 Euro, ISBN 978-3-89993-978-1

Tipp: auch als E-Book erhältlich

Seniorhunde – typische Verhaltensweisen, die auf eine kognitive Dysfunktion bei alten Hunden hindeuten (können)

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